Rechte Touristenfalle: Nyhavn war einst die sündigste Meile Kopenhagens. Mit den knallbunt gestrichenen Gebäudefassaden und den Hausbooten davor ist es das Fotomotiv schlechthin.
Rechte Touristenfalle: Nyhavn war einst die sündigste Meile Kopenhagens. Mit den knallbunt gestrichenen Gebäudefassaden und den Hausbooten davor ist es das Fotomotiv schlechthin. | Foto: Wonderful Copenhagen

Dänemarks Metropole wird 800

Kopenhagen: Mehr als nur Meerjungfrau

Bo, der waschechte Kopenhagener mit der Begeisterung fürs Radfahren, ist nicht so recht glücklich mit dem architektonischen Vorzeigeobjekt seiner Heimatstadt. „Wenn man bedenkt, dass die Oper von Sydney von einem Dänen erbaut und zum Aushängeschild der Stadt, ja des ganzen Landes wurde, ist unser Bau eher unspektakulär“, meint der Reiseführer, der ungefragt anfügt: „Meine Heimatstadt wird halt eher mit der kleinen Meerjungfrau assoziiert.“ Wie recht der Mann doch hat: Schon am frühen Morgen pilgern ganze Scharen zu der kleinen, nur 125 Zentimeter große Bronzestatue an der Uferstraße hinaus, legen vertrauensvoll den Arm um ihre schmalen Schultern, knipsen ein Selfie nach dem anderen mit der nackten Dame. Erstaunlich gelassen lässt sie, die von Kunstbanausen mal enthauptet, mal von prüden Zeitgenossen mit einem Bikini bekleidet wurde, den Rummel über sich ergehen. Überhaupt gehen die Kopenhagener reichlich locker mit all jenen Besuchermassen um, die morgens von Kreuzfahrtriesen ausgespuckt und nachmittags wieder eingesammelt werden. Kopenhagen, das 2012 zusammen mit Bern zur attraktivsten Stadt Europas gewählt und 2014 zur Umwelthauptstadt gekürt wurde, ist das ideale Reiseziel für ein schickes Wochenende. 2017 feiert Dänemarks Hauptstadt übrigens ihren 800. Geburtstag und dürfte aus dem Feiern gar nicht mehr rauskommen.

Umstrittenes Geschenk

Zurück zur Oper: Der imposante Bau mit dem geschwungenen Dach verdankt seine Existenz dem mächtigsten Mann Dänemarks. Der milliardenschwere Reeder Mærsk McKinney Møller wollte nicht nur wegen seiner Containergiganten in Erinnerung bleiben, sondern auch als großzügiger Mäzen. So kaufte er kurzerhand die Insel Doko, ein ehemaliges Militärgelände, das passenderweise auf einer Achse mit dem Palast-Quartett der königlichen Familie und der Marmorkirche mit ihrer imposanten Kuppel liegt. Der Reeder beauftragte den Dänischen Architekten Henning Larsen mit der Planung der 335 Millionen Euro teuren Hülle und schaltete sich rege in die Gestaltung des Projektes ein. Kritik daran konterte er mit dem Hinweis, seine gute Gabe sei als Geschenk und nicht als Geschenkgutschein zu verstehen. Neben all den Musikfreunden, die die glänzende Akustik der Oper in höchsten Tönen loben, gibt es eine Gruppe, die besonders viel Freude an dem außergewöhnlichen Bau, insbesondere an dem leicht vorragenden Dach haben: die Klippenspringer, die sich einmal pro Jahr, meist im Juni, auf dem Dach versammeln und sich 28 Meter in die Tiefe stürzen, mitten hinein ins Hafenbecken.

Imposanter Bau: Die Oper mit dem geschwungenen Dach verdankt ihre Existenz dem mächtigsten Mann Dänemarks. | Foto: Kopenhagen Tourismus

Blick von oben auf Kopenhagen

Hoch hinaus geht es an vielen Punkten dieser „großen Bibliothek mit Schundliteratur und großen Büchern“, wie Hans Christian Andersen seine geliebte Heimat poetisch umschrieb. 106 Meter sind es im Turm von Schloss Christiansborg auf dem Inselchen Slotsholmen, wo früher die Royals residierten und heute das Parlament tagt. Der Blick auf das Häusermeer, auf Kanäle und den Øresund in der Ferne soll grandios sein, doch die langen Schlangen schrecken selbst Touristen mit massig Zeit ab. Also hinüber ins elegante Stadtviertel Christianshavn, das durchaus zutreffend den Spitznamen „Klein Amsterdam“ trägt. Der schwarz-goldene Turm der Erlöserkirche ist schon äußerlich unverwechselbar, ähnelt er doch einem überdimensionalen Korkenzieher. Das Besondere ist, dass der letzte Teil des Aufstiegs unter freiem Himmel erfolgt. Schwindelfrei sollte man auf der schmalen Wendeltreppe mit ihren 150 Stufen bis zur vergoldeten Weltkugel in 90 Metern Höhe schon sein. Solche Maße hat der 36 Meter hohe, zylindrische Rundetørn zwar nicht zu bieten, dafür jede Menge Geschichten. Peter der Große soll 1716 auf einem Pferd den Spiralgang im Runden Turm hinaufgeritten sein. Unmöglich scheint dies nicht, denn der schwergewichtige Christian IV ließ den spiralförmigen Gang so konstruieren, dass er bequem per Sänfte oder Pferd hinaufkonnte, um die Sterne zu betrachten. Selbst per Einrad und im Auto wurde der Runde Turm schon erklommen. Die Astronomen sind längst verschwunden; dafür erfreuen sich Touristen am Ausblick und dem schwebenden Glasboden. Der ist mehr als 50 Millimeter dick und kann bis zu 900 Kilogramm pro Quadratmeter tragen.

Geschichträchtiger Ort: Peter der Große soll mit einem Pferd den Rundetørn hinaufgeritten sein.
Geschichträchtiger Ort: Peter der Große soll mit einem Pferd den Rundetørn hinaufgeritten sein. | Foto: Kopenhagen Tourismus

Mehr als Butterbrote

Wer etwas zwischen die Zähne braucht, sollte nicht gleich in den hübschen Restaurants und Cafés am Nyhavn Platz nehmen. Die einst sündigste Meile Kopenhagens, die mit den knallbunt gestrichenen Gebäudefassaden und den Hausbooten davor wie ein pittoresker Gruß aus längst vergangener Zeit wirkt, ist eine rechte Touristenfalle. Und für einen Abstecher ins „Noma“, das mehrere Jahre hintereinander zum besten Restaurant der Welt gekürt wurde und aktuell auf Platz fünf rangiert, dürfte den meisten das Kleingeld fehlen. Also her mit den üppig belegten Butterbroten, die einst als Feldarbeiterproviant Karriere machten. Otto Waalkes Spottvers mag zwar manchem in den Sinn kommen, doch bei Schonnemann am Hauser Plads dürfte selbst dem größten Butterbrot-Gegner das Wasser im Munde zusammen laufen. Angeblich soll der nette Laden, dessen Einrichtung mit dem ur-dänischen Prädikat hyggelig beschrieben werden kann, 100 Varianten bieten, darunter Sörensen Spezial: Rührei mit Aalfilet. Die Tester des Smörrebröd-Guides verliehen der Lokalität glatte sechs Sterne. Dabei kennt die Skala nur fünf.

Ein Ort für Flaneure: Kopenhagen bei Nacht.
Ein Ort für Flaneure: Kopenhagen bei Nacht. | Foto: Kopenhagen Tourismus

Im kleinsten Hotel der Welt

Jede Menge Sterne hat auch das beste Haus am Platz zu bieten, das Grandhotel D’Angleterre, nur einen Steinwurf entfernt von Königin Margrethes Wohnsitz, dem königlichen Theater und Skandinaviens ältestem Kaufhaus. Wer etwas auf sich hält, steigt in dem weißen Prachtbau aus dem 18. Jahrhundert direkt am Kongens Nytorv ab, den Alfred Hitchcock als Filmkulisse für den Spionagethriller „Der zerrissene Vorhang“ nutzte. Michael Jackson, die Rolling Stones, selbst Feldmarschall Rommel nächtigten bei der Belle Epoque-Diva, die mal wieder schwere Zeiten durchmacht. Direkt vor ihrer Haustüre wird nämlich eine neue U-Bahn-Station gebaut und das dürfte sich hinziehen. Für Schlagzeilen sorgt auch das Central Hotel, nicht etwa wegen der illustren Gäste, sondern wegen der Größe. Das gut 100 Jahre alte Mini-Gebäude im Szenebezirk Vesterbro, dem ehemaligen Rotlicht-Bezirk, verfügt nämlich über genau ein Zimmer: zwölf Quadratmeter groß und mit viel Liebe fürs Detail eingerichtet. Das Doppelzimmer ist zwar kein Schnäppchen (rund 240 Euro die Nacht), doch im kleinsten Hotel der Welt sein Haupt zu betten, hat eben seinen Preis. Das Café darunter ist auch nicht viel größer: Ganze fünf Plätze hat der winzige Innenraum zu bieten.

Ausgezeichnet: 2012 wurde Kopenhagen neben Bern zur attraktivsten Stadt Europas gekürt.
Ausgezeichnet: 2012 wurde Kopenhagen neben Bern zur attraktivsten Stadt Europas gekürt. | Foto: Kopenhagen Tourismus

Dorado für Zweiräder

Am schönsten lässt sich die dänische Hauptstadt übrigens per Rad entdecken. Klar, man könnte auch in einen der unvermeidlichen Hop on-, Hop off-Busse steigen oder an einer „Free walking tour“ teilnehmen, doch die dänische Hauptstadt ist geradezu ein Dorado für Zweiräder. Es gibt 350 Kilometer Radwege, „Rent A Bike“-Shops an jeder Ecke und als Krönung von allem das „Københavnske Bycykel“, das an 110 Stationen im ganzen Stadtgebiet ausgeliehen werden kann – für 25 dänische Kronen pro Stunde. Das robuste Stadtfahrrad gilt mittlerweile als imagefördernder als manche nagelneue, auf Hochglanz polierte Luxuskarosse. Selbst der ehemalige US-Präsiden Bill Clinton schwang sich schon mal in den Sattel eines „Bycykels“.

 

Informationen: Mit der Copenhagen Card haben Besucher freien Eintritt in 73 Museen und Sehenswürdigkeiten der Hauptstadtregion. Zudem ist die Beförderung in Bahn, Bus und Metro kostenlos. Zahlreiche Attraktionen, Restaurants und Aktivitäten gewähren einen Rabatt. Die 24-Stunden-Karte für Erwachsene kostet 51 Euro, für Kinder 27 Euro. Die 48-Stunden-Karte kostet 71 beziehungsweise 36 Euro.

Führungen: Copenhagen Free Walkings Tour bietet eine kostenlose Führung, die täglich um 11 Uhr am Rathaus startet. Besucht werden die bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, und die Führer erzählen, warum die Dänen zu den glücklichsten Menschen der Welt zählen.

Extratipp: Copenhagen Street Food auf der Papirøen (Papierinsel) ist der erste und einzige unverfälschte Streetfood-Markt. Aus den kleinen farbenfrohen Marktwagen duftet es nach kubanischen und mexikanischen, jedoch auch nach italienischen und dänischen Speisen. Hier gibt es eine ganze Mahlzeit für 50 dänische Kronen.

Auskünfte: Copenhagen Visitor Center, Vesterbrogade 4A, 1577 Kopenhagen V, Telefon (00 45) 70 22 24 42. www.woco.dk