Karl Hubbuch hat sich in dieser Berliner Straßenszene mit Hut und dunklen Augen gezeichnet. Die Galerie Fruchthalle zeigt bis zum 21. Januar 300 Zeichnungen und Radierungen des Künstlers.
Karl Hubbuch hat sich in dieser Berliner Straßenszene mit Hut und dunklen Augen gezeichnet. Die Galerie Fruchthalle zeigt bis zum 21. Januar 300 Zeichnungen und Radierungen des Künstlers. | Foto: Vetter

Hubbuch-Ausstellung in Rastatt

Bild-Erzähler in Dix‘ Schatten

„Mein Vater zeichnete überall: im Bistro, auf den Pariser Boulevards, im Varieté, auf dem Rummelplatz“, erinnert sich seine Stieftochter Myriam Hubbuch. Hatte ein Gesicht Karl Hubbuchs Interesse geweckt, glitt seine Hand verstohlen zum Zeichenstift in der Jackentasche, dann zum Skizzenblock, dem ständigen Begleiter.

„hubbuch.narrativ“

„hubbuch.narrativ“ heißt die sehenswerte Ausstellung in der Galerie Fruchthalle, die Freitagabend zum 125. Geburtstag des Zeichners, Grafikers und Malers Karl Hubbuch (1891 bis 1979) eröffnet wurde. 300 Radierungen, Tusche- oder Bleistiftzeichnungen hat Kurator Peter Hank für die Ausstellung zusammengetragen, die bis zum 22. Januar zu sehen ist. Die Exponate kommen überwiegend aus Privatsammlungen, der Sammlung der Städtischen Galerie Karlsruhe und dem Stadtmuseum Rastatt. Wie der Titel der Ausstellung schon andeutet, hat sich Hank vor allem dem Bild-Erzähler Hubbuch genähert, der mit seiner ganz eigenen und komplexen Zeichensprache als einer der herausragenden Vertreter der Neuen Sachlichkeit, des Verismus und des Nachkriegsexpressionismus gilt.

Im Schatten von Otto Dix

Der gebürtige Karlsruher stand im engen Kontakt mit namhaften Künstlern wie Max Beckmann, George Grosz, Wilhelm Schnarrenberger oder Otto Dix. Nach Einschätzung Hanks steht er zu Unrecht im Schatten von Dix – der bessere Zeichner sei er allemal gewesen. Zeichnend nähert sich der Maler und Grafiker seiner Umwelt, nimmt mit dem Bleistift Stellung zu Politik und Zeitgeschehen, die ihn für vier Jahre als Soldat einer Versorgungseinheit die Schrecken des Ersten Weltkriegs erleben lassen. „Die Mörderzentrale“ heißt ein Bild aus dem Jahr 1924, in dem er den tödlichen Schuss auf den liberalen Politiker Walther Rathenau und die chaotischen Zuständen in der Weimarer Republik kommentiert – aus seiner linken und pazifistischen Einstellung macht Hubbuch kein Geheimnis.

Berufsverbot für kritischen Maler

Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 folgt prompt das Berufsverbot für den Professor für Malerei an der Kunstakademie Karlsruhe. Als bei einem Luftangriff die Karlsruher Wohnung zerstört wird, zieht das Ehepaar Hubbuch im Juli 1944 zur Mutter seiner Frau Ellen in die Markgrafenstraße 21 nach Rastatt. In Rastatt frönt er nicht nur seiner Leidenschaft für Architekturzeichnungen zum Barockschloss, Favorite oder der Pagodenburg. Nach Kriegsende zeichnet er als Mitglied der Antifa-Bewegung mahnende Bilder von ausgezehrten Menschen, die Holz sammeln, und fetten Kriegsgewinnerlern. „Das war ein böser Gesangverein“ heißt eine Radierung über Männer des Arbeitsdienstes, die zwischen Totenschädeln laufen und sich ihr eigenes Grab zu schaufeln scheinen – in den 60er Jahren hat Hubbuch extra einen schreienden Hitlerkopf eingefügt.

Selbstbewusste Frauenbilder

Um der „komplexen Persönlichkeit“ Hubbuchs gerecht zu werden, hat Hank die Ausstellung in mehrere Themenbereiche gegliedert. Nach dem Frühwerk und den Miniaturzeichnungen der Kriegszeit, die die Kriegsbegeisterung ebenso thematisieren wie die Erschießung eines Deserteurs, wird seiner Leidenschaft für das Theater breiten Raum gewidmet. Die veränderte Rolle der Frau nach 1918 zeigt sich in Portraits des modernen Typs Frau: breitbeinig und selbstbewusst präsentieren sie sich dem Zeichner. Mit spitzem Bleistift kommentiert er das Chaos der Weimarer Republik. Frankreich wird zu seinem Traumland – die Aussöhnung mit dem „Erbfeind“ sucht er mit Publikationen zu befördern.

Erotika-Kabinett ab 18 zugänglich

Bisher unentdeckte Seiten Hubbuchs zeigen 24 Zeichnungen aus einer Privatsammlung, die in dem Erotika-Kabinett für Besucher ab 18 Jahren gezeigt werden – sie stehen heutiger Pornografie in nichts nach. Die „Lust an der körperlichen Erotik“ sieht der Galerieleiter als Hubbuchs Protest gegen die sittenstrenge und moralisierende Haltung des aufziehenden Nationalsozialismus.