Johann Josef Böker, Professor für Baugeschichte an der Fakultät für Architektur des KIT
Johann Josef Böker, Professor für Baugeschichte an der Fakultät für Architektur des KIT | Foto: Ulrich Coenen

Forschungsprojekt am KIT

Neuer Blick auf die Gotik

Karlsruher Forscher haben den modernen Architekten im Mittelalter entdeckt. Der Mensch als Individuum war bisher vor der Renaissance und dem Humanismus nicht vorstellbar. Johann Josef Böker, Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), und sein Team haben ihn jetzt in der Gotik gefunden. Das Bild dieser Epoche, in der die Kathedralen steil in die Himmel wuchsen, muss nach Abschluss des Forschungsprojekts „Gotische Baurisse“ neu definiert werden.

Böker hat bei seiner Beschäftigung mit den mittelalterlichen Architekturzeichnungen die Öffentlichkeit mit neuen spektakulären Erkenntnissen überrascht. 2009 berichteten die BNN exklusiv über seine These, dass Erwin von Steinbach den Turm des Freiburger Münsters erbaut hat. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe.

Böker beschäftigt sich seit 1995 intensiv mit gotischen Baurisse, von denen im deutschsprachigen Raum rund 650 erhalten blieben. Zuvor haben sich Wissenschaftler kaum ernsthaft mit diesen zeitgenössischen Quellen auseinandergesetzt.

Werkspionage im Mittelalter

Das Karlsruher Forschungsprojekt hat das Verständnis der Gotik verändert. „Bisher haben wir in Bauwerken gedacht, jetzt denken wir in Personen“, sagt Böker. Er hat nachgewiesen, dass es zwischen den Bauhütten einen regen Wissenstransfer gab. Das in der Wissenschaft seit Generationen postulierte Hüttengeheimnis hat es nicht gegeben. Nicht nur die Steinmetzen sind gewandert, sondern auch die Pläne. Die Werkmeister, so nennt man die aus dem Steinmetzhandwerk hervorgegangenen mittelalterlichen Architekten, haben sie mitgenommen. „Einige wurden auch gestohlen“, erklärt Böker. „Werkspionage gab es bereits damals.“

Das Netzwerk gotischer Bauhütten

Nach Abschluss des Forschungsprojekts beschäftigen sich die Karlsruher auch weiterhin intensiv mit dem Thema. Anne Christine Brehm, akademische Mitarbeiterin an Bökers Lehrstuhl, arbeitet am Thema „Das Netzwerk gotischer Bauhütten“, aus dem eine Habilitationsschrift erwachsen soll.

„Durch die von uns ausgewerteten Quellen wissen wir sehr viel über die gotischen Architekten“, berichtet Böker. Die Forscher erkennen nicht nur deren individuelle Handschrift, sondern haben auch viele Details aus deren Leben erfahren. „Sie hatten zum Teil horrende Jahreseinkommen“, sagt der Bauhistoriker. Der Begriff Stararchitekt sei deshalb für Erwin von Steinbach oder den ersten Kölner Dombaumeister Gerhard durchaus zutreffend. Diese Architekten haben in der Mitte des 12. Jahrhunderts die rund 100 Jahre zuvor in Frankreich entstandene Gotik nach Deutschland gebracht. Als international ausgebildete Experten waren sie mit den modernen Architekturströmungen ihrer Zeit vertraut und genossen bei ihren Auftraggebern und in der breiten Öffentlichkeit deshalb hohes Ansehen.

Erwin von Steibach prägte seine Zeit

Böker und sein Team haben festgestellt, dass die gotischen Werkmeister bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts aus dem Schatten ihrer großen Werke traten. Während der Architekt des ersten gotischen Baus, der um 1140 begonnenen Abteikirche von St. Denis bei Paris, nicht bekannt ist und sein Bauherr Abt Suger sich in seinem erhaltenen Rechenschaftsbericht stattdessen selbst als „Baumeister“ feiert, avancieren der Kölner Dombaumeister Gerhard und vor allem Erwin von Steinbach, der fünf Jahrzehnte die Straßburger Bauhütte leitete, zu Künstlern, die ihre Zeit prägten.

Die Auswertung der Baurisse durch Böker und sein Team führte dazu, dass die Baugeschichte einer ganzen Reihe bedeutender gotischer Sakralbauten im deutschsprachigen Raum umgeschrieben werden musste. Ikonen wie Freiburg, Köln, Straßburg, Ulm und Wien sind betroffen. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Während die breite Öffentlichkeit und Vereine, die sich für Denkmalschutz und Geschichte engagieren, mit großem und wohlwollendem Interesse reagierten, gab es in der Fachwelt neben Zustimmung auch Kritik. Dass die bisher in der Forschung weitgehend vernachlässigten Pläne als gleichwertige Quelle neben das Bauwerk treten, sorgte für Irritationen. „Die Kontroversen sind inzwischen weitgehend beigelegt“, sagt Böker. „Unsere Forschungsergebnisse werden akzeptiert.“

Forschungsintensiver Lehrstuhl

Das Fachgebiet Baugeschichte des KIT gehört mit einer beachtlichen Zahl hervorragender Veröffentlichungen zur Architektur des Mittelalters und des 19. Jahrhunderts zu den forschungsintensivsten baugeschichtlichen Lehrstühlen im deutschsprachigen Raum. Johann Josef Böker leitet den Karlsruher Lehrstuhl seit 2005. Zuvor war er 15 Jahre lang Professor für Baugeschichte an der McGill Universität in Montreal. Diese älteste Hochschule Kanadas wird in Ranglisten seit vielen Jahren regelmäßig unter den 20 besten Unis Nordamerikas aufgeführt.

In den Sommersemesterferien reiste Böker seit 1995 jedes Jahr nach Wien und untersuchte in der dortigen Akademie der Bildenden Künste den weltweit größten Bestand an gotischen Bauzeichnungen, den er 2005 in einem großformatigen Band mit dem Titel „Architektur der Gotik“ publizierte. Das Buch ordnet, beschreibt und datiert die Pläne und machte sie damit für die Wissenschaft zugänglich. Eine Interpretation der Risse präsentierte Böker zwei Jahre später in seinem Buch über den Wiener Stephansdom, dessen Baugeschichte er neu deutete.

Teure Bände bereits vergriffen

Inzwischen arbeitete Böker am KIT mit vier deutschen und zwei kanadischen Nachwuchs-Wissenschaftlern, die ihn von Montreal nach Baden begleitet hatten, im Forschungsprojekt Gotische Baurisse. 2011 folgte der zweite Band in der Reihe „Architektur der Gotik“ mit dem Ulmer Bestand. Diese zweitgrößte Sammlung mittelalterlicher Architekturzeichnungen umfasst auch die Städte Augsburg, Nürnberg und Ingolstadt.

Der dritte und letzte Band folgte 2013 und beschäftigt sich mit den erhaltenen Plänen entlang des Rheins (Basel, Konstanz, Freiburg, Straßburg, Frankfurt, Köln). Im Gegensatz zum beschreibenden ersten Band haben die beiden Folgebände einen ausgeprägten analytischen Charakter. Die Risse werden nach intensiver wissenschaftlicher Recherche gotischen Kirchen zugeordnet, verbunden mit einer zum Teil erheblichen Umdeutung von deren Baugeschichte. Die beiden ersten Bände sind trotz des hohen Preises von 189 Euro bereits vergriffen.

Heute arbeiten neben Böker auch die Projektmitarbeiter Anne Christine Brehm, Julian Hanschke und Nikolaus Koch, die nach wie vor am Karlsruher Lehrstuhl tätig sind, an weiterführenden Forschungsarbeiten, beispielsweise zum Freiburger Münsterturm und zum Heidelberger Hofbaumeister Lorenz Lechler.  Ein weiteres Vorhaben der Karlsruher Forscher ist ein Ergänzungsband zum Eberbacher Riss und dem Frankfurter Domturm.