Pritzkerpreis-Träger Gottfried Böhm in seinem Kölner Büro
Pritzkerpreis-Träger Gottfried Böhm in seinem Kölner Büro | Foto: Ulrich Coenen

Pritzkerpreis-Träger

Gottfried Böhm: „Kirchen heben den Menschen auf eine höhere Stufe“

Gottfried Böhm ist einer der weltweit bedeutendsten Architekten der Zeit nach 1945 und erhielt 1986 als erster Deutscher den Pritzker-Preis, der in den Medien als Nobelpreis für Architektur bezeichnet wird. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen besuchte Böhm in seinem Kölner Büro, das er gemeinsam mit seinen drei Söhnen führt, und unterhielt sich mit ihm über die Zukunft der Kleinstädte und Dörfer.

Folgen den Landflucht

BNN: Herr Professor Böhm, die Menschen zieht es in die Großstädte, in denen immer spektakulärere Bauwerke entstehen. Haben kleine Städte und Dörfer vor diesem Hintergrund noch eine Perspektive?

Böhm: Der Einfluss der Architekten ist lediglich indirekt, weil sie Städte und Dörfer gestalten. Ich habe selbst früher einmal in eine kleinen Gemeinde, dem heutigen Kölner Stadtteil Weiß, gelebt. Sie hatte einen gute Infrastruktur mit interessanten Gaststätten und Geschäften. Der Abbau dieser Infrastruktur macht die Dörfer kaputt. Die Tendenz, dass kleine Gemeinden schrumpfen und Großstädte immer größer werden, ist unübersehbar. Natürlich wäre es wünschenswert, dass die kleinen Orte ihre Substanz behalten, dass die Menschen dort wohnen und zu ihren Arbeitsplätzen pendeln.

Factory Outlet Center

BNN: Nach der Eröffnung des Factory Outlet Centers im elsässischen Roppenheim 2012 wurde in den Städten Mittelbadens über die Bedrohung durch die „Grüne Wiese“ diskutiert. Eine noch größere Konkurrenz ist der Internethandel.

Walfahrtskirche Neviges
Wallfahrtskirche Neviges | Foto: Ulrich Coenen

Böhm: Dem zu begegnen, ist Sache der Politik und der Wirtschaft. Architekten können da relativ wenig beitragen. Inzwischen haben selbst Innenstädte wie Köln Probleme mit den zahlreichen Nebenzentren, die gut mit dem Auto erreichbar sind. Das ist für die Innenstädte eine Gefahr. Die Politiker sind gefordert, aber alleine mit Vorschriften werden sich die Innenstädte nicht erhalten lassen.

Traditionelle Bauformen

BNN: Gerade in einer ländlichen Region wie in Mittelbaden spielen traditionelle Bauformen bei der Formulierung der Bebauungspläne eine wichtige Rolle. Ist es sinnvoll, geneigte Dächer oder Dachüberstände für Neubaugebiete zwingend vorzuschreiben?

Böhm: Einen gewissen Sinn macht das in Dörfern schon. Die neuen Bauten sollten sichtbar neu sein, aber dennoch in Zusammenhang mit den Altbauten stehen. Dafür sind gewisse Vorschriften notwendig. Ein Neubau sollte innovativ sein, aber zu den bestehenden Häusern passen. Es sollte also erkennbar sein, das man in einem Dorf etwas Gemeinsames schaffen will. Dächer sind ein schwieriges Thema. Flachdächer bedeuten nicht in jedem Fall einen Eingriff in die Bautradition. Wir arbeiten gerade in Neuss mit geneigten Dächern. Wir geben diesen einen anderen Eindruck, indem Dächer und Wände eine Einheit bilden und beide aus Ziegeln bestehen.

Röhrende Hirsche der Architektur

BNN: In Neubaugebieten finden sich häufig Einfamilienhäuser mit Erkern oder Butzenscheiben. Heinrich Klotz, der frühere Leiter des ZKM in Karlsruhe, hat diesen Kitsch in der zeitgenössischen Architektur in seinem Essay „Die röhrenden Hirsche der Architektur“ beschrieben.

Kinderdorf Bethanien
Kinderdorf Bethanien | Foto: Ulrich Coenen

Böhm: Ich kann nicht verstehen, dass man so bauen will. Selbstverständlich kann man auch mit einer modernen Architektursprache erreichen, dass die Menschen sich in ihren Häusern und in ihrer Gemeinde wohlfühlen. Mein 1968 eröffnetes Bethanien-Kinderdorf in Bergisch Gladbach hat seine Bedeutung für die Kinder und Jugendlichen, die dort leben, bis heute nicht verloren.

Stadtschloss Berlin

BNN: Gleichzeitig wird das Stadtschloss in Berlin rekonstruiert. Wieso tun sich viele Menschen mit einer zeitgenössischen Architektursprache schwer?

Böhm: Wir haben auch einen Vorschlag für das Stadtschloss gemacht und wollten es in modernen Formen wieder aufbauen. Dabei haben wir einige historische Elemente wie das Portal und die Kuppel übernommen. Wenn nichts mehr da ist, kann man auch nichts rekonstruieren. Die dem zerstörten Altbau nachempfundenen Fassaden in Berlin finde ich nicht so gut.

Umstrittener Umbau von Kulturdenkmälern

BNN: Die Erweiterung denkmalgeschützter Gebäude sorgt regelmäßig für Diskussionen. In Baden-Baden wird aktuell das Neue Schloss durch arabische Investoren zum Hotel umgebaut, in der Nachbarstadt Bühl wurde gerade ein klassizistisches Rathaus erweitert. Sie haben mit der Umgestaltung der mittelalterlichen Burgruine Bensberg zum Rathaus, die damals stark polarisiert hat, in den 1960er Jahren Architekturgeschichte geschrieben.

Böhm: Das Bensberger Rathaus ist ein moderner Bau, der sehr liebevoll mit den alten Resten umgeht. Das war mir wichtig. In Bensberg stimmt die Gesamtform des Rathauses mit der der mittelalterlichen Burg überein. Sie strahlen denselben Geist aus.

Moschee in Köln

BNN: Sie haben 2006 gemeinsam mit ihrem Sohn Paul den Wettbewerb für die umstrittene Zentralmoschee in Köln gewonnen. In vielen Städten, so auch im Baden-Badener Stadtteil Steinbach, befinden sich sehr traditionell konzipierte Moscheen in Industriegebieten.

Böhm: Wir haben in unserem Entwurf für die Zentralmoschee gezeigt, wie wir uns die Zukunft der islamischen Architektur in Deutschland vorstellen können. Das Gebäude hat den Charakter einer Moschee, eine Architektur, die uns immer noch ein wenig fremd ist. Die Moschee fügt sich städtebaulich ein und passt zu Köln.

Umnutzung von Kirchen

BNN: Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren haben Sie mehrere Dutzend christliche Kirchen gebaut. Heute werden Kirchen und Kloster geschlossen, umgenutzt oder abgerissen.

Böhm: Von meinem Kirchen erhielt bisher nur St. Ursula in Kalscheuren eine neue Aufgabe als Galerie. Diese Nutzung geht sehr gut mit dem Raum um. Angesichts der zahlreichen Kirchen ist es oft schwierig, neue Aufgaben zu finden. Wenn viele Menschen heute weniger glauben, ist es trotzdem schön, wenn wir in unseren Städten Zeichen haben, die unser Leben auf eine höhere Stufe stellen. Das fehlt mir beispielsweise in Amerika, wo es Ortschaften ohne Kirchturm gibt, die nichts zu sagen haben, was den Menschen etwas höher hinauf hebt.

Rathaus Bensberg
Rathaus Bensberg | Foto: Ulrich Coenen

Porträt Gottfried Böhm

Gottfried Böhm wurde am 23. Januar 1920 als Sohn von Dominikus Böhm geboren, der als Architekt und Hochschullehrer den Sakralbau in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts revolutionierte.

Gottfried Böhm trat in die großen Fußstapfen seines Vaters und studierte ab 1942 an der Technischen Hochschule und der Kunstakademie München Architektur und Bildhauerei. Nach dem Diplom stieg er 1947 in das Büro seines Vaters in Köln ein. Sein erstes eigenständiges Werk war die Kapelle „Madonna in den Trümmern“ in Köln.

Mehrere Dutzend zum Teil spektakuläre Kirchen folgten. Die wichtigste ist die 1968 entworfene Wallfahrtskirche in Neviges. Sie wird dem Titel der großen Ausstellung „Felsen aus Beton und Glas“, mit der das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt Gottfried Böhm 2006 würdigte, am besten gerecht. Der Titel der Schau charakterisiert treffend die zahlreichen Bauwerke voller skulpturaler Kraft, die er in sechs Jahrzehnten geschaffen hat.

Als Böhms wichtigster Profanbau gilt das Bensberger Rathaus, in dem heute das Technische Rathaus der Stadt Bergisch Gladbach untergebracht ist. Es erwächst über den Ruinen einer mittelalterlichen Burg. Ebensfalls in Begisch Gladbach schuf er das Kinderdorf Bethanien in der Form eines Angerdorfes, aber in einer modernen Architektursprache.

Böhm war von 1963 bis 1985 ordentlicher Professor für Stadtbereichsplanung und Werklehre an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und bildete mehrere Generationen Architekturstudenten aus.