Egagierter Einsatz für die Medienkunst: Peter Weibel (Mitte) beim Gespräch in der BNN-Redaktionskonferenz, das von Verleger und Chefredakteur Klaus Michael Baur moderiert wurde. Links: ZKM-Geschäftsführerin Christiane Riedel.
Egagierter Einsatz für die Medienkunst: Peter Weibel (Mitte) beim Gespräch in der BNN-Redaktionskonferenz, das von Verleger und Chefredakteur Klaus Michael Baur moderiert wurde. Links: ZKM-Geschäftsführerin Christiane Riedel. | Foto: Fabry

ZKM-Chef Weibel bei den BNN

Museum an der Weltspitze

Er ist auch mit 72 Jahren immer noch „neugieriger als die meisten meiner Mitarbeiter“, befindet ZKM-Chef Peter Weibel über sich selbst. Aber in einer Hinsicht ist die Mediennutzung des Experten für digitale Kunst dann doch klassisch analog: „Wenn ich morgens ins Büro komme, lese ich zuerst mal Zeitung, und zwar auf Papier“, erklärt Weibel bei seinem gestrigen Besuch in der BNN-Redaktionskonferenz. Dass dies nicht nur Honig ums Maul der Gastgeber ist, bestätigt ZKM-Geschäftsführerin Christiane Riedel: „Bis ich dazu komme, ist die Zeitung schon völlig gefleddert – er reißt nämlich alles raus, was ihn interessiert“, lacht die gebürtige Karlsruherin, die seit 2002 an der Seite des Österreichers Weibel die Geschicke des ZKM leitet.

Ankaufetat nur 200000 Euro

Bei seiner Morgenlektüre dürfte Weibel auch oft genug auf Lesestoff über das von ihm geleitete Haus stoßen: Als bundesweit einzigartige Institution findet das ZKM mit seinen Aktionen national und international viel Echo. Weniger bekannt ist hingegen die Arbeit hinter den Kulissen, mit denen Weibel und Riedel das Haus trotz überschaubarem Budget an der Weltspitze zu halten versuchen. „Wir haben einen jährlichen Ankaufetat von 200 000 Euro – selbst für einen einzigen Künstlernachlass wäre das Doppelte fällig“, verdeutlicht Weibel die Knappheit der Mittel. Dennoch hält er es für möglich, dem ZKM langfristig die größte audiovisuelle Sammlung der Welt zu bescheren: „Wir haben mit vielen Museen und Künstlern einen Deal: Wenn ein elektronisches Kunstwerk restauriert werden muss, bekommen wir es zugeschickt, erledigen die Arbeit und dürfen eine digitale Kopie für den Hausgebrauch behalten“, sagt Weibel. Demnächst erhalte das ZKM den audiovisuellen Nachlass von Beuys, um ihn gemeinsam mit dem New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) für eine Edition aufzubereiten.

Nachlass von Beuys

Namen wie MoMA oder Centre Pompidou fallen immer wieder, wenn vom ZKM die Rede ist – als Vergleichsgröße taugen sie laut Weibel nur bedingt. „Ich bin angesichts der Größe von Karlsruhe sehr, sehr zufrieden mit unserer Bilanz von 220 000 bis 240 000 Besuchern pro Jahr – bei Häusern wie dem MoMA muss man bedenken, dass 80 Prozent ihrer Besucher Touristen sind, die wegen der Stadt da sind und dabei auch ins Museum gehen.“ Da es in Karlsruhe kaum Städtetourismus gebe, müsse das ZKM seine Besucher direkt mit seinen Ausstellungen anziehen – weshalb auch immer mehrere unterschiedliche Angebote parallel laufen. Dass die Orientierung für den ungeübten Betrachter hierbei nicht immer einfach ist, räumen Weibel und Riedel ein, der erklärenden Museumspädagogik seien letztlich aber die Grenzen des Etats gesetzt. Bemerkenswert: Auch akademische Nischen-Ausstellungen wie derzeit über den Kunsthistoriker Aby Warburg fänden viel Zuspruch.

„Zukunft ist immer anstrengend“

Zudem gelte: „Zukunft ist immer anstrengend.“ So kommentiert Weibel die Herausforderung innovativer Ausstellungsthemen, mit denen das ZKM oft seiner Zeit voraus war: Bereits 2001 widmete man sich unter dem Titel „CTRL [Space]“ dem Thema der globalen Überwachung. Auch „Virtual Reality“ oder die Wechselwirkung zwischen digitalen Medien und Nutzern wurden im ZKM früh thematisiert. „Dass es dauert, bis der Mainstream auf unsere Themen aufmerksam wird, stört mich nicht“, sagt Weibel. Die Vorreiterrolle aber will er dem ZKM sichern: „In München soll in fünf Jahren im Nymphenburger Schloss ein Museum für Lifedesign und Kunst eröffnet werden, Berlin plant ein ,Futurium‘ – auch woanders kommt jetzt die Pionierleistung zum Tragen, die Karlsruher Bürger mit der Gründung des ZKM geleistet haben“, erklärt Weibel. „Wir wollen diese Leistung nicht nur verteidigen, sondern steigern.“

Code-n-Festival im ZKM

Zum Beispiel indem die Medienkunst noch mehr als bisher mit der regionalen Wissenschaft und Wirtschaft verknüpft wird, wie jetzt beim Code_n-Festival, das von der Messe Hannover ans ZKM wechselt. „Wir haben hier die am viertschnellsten wachsende IT-Region Europas, nach London. Paris und München“, erklärt Christiane Riedel. Dies sei allerdings kaum bekannt, weil die Branche hier eher auf Geschäftskunden ausgerichtet sei. „Mit diesem Festival wollen wir ein Bewusstsein für die Stärke des Wirtschafts- und Innovationsortes Karlsruhe vermitteln“, so Riedel. Für Weibel ist der Schulterschluss geradezu zwingend: „In der Software-Entwicklung sind die USA uneinholbar, bei der Hardware ist es Asien – Europa muss mit der Mischung aus Kultur und Wirtschaft Flagge zeigen, und Karlsruhe muss hier wettbewerbsfähig bleiben.“ Umso mehr liegen ihm die Pläne der Stadtverwaltung im Magen, ab nächstem Jahr die Kulturzuschüsse zu kürzen. „Dabei geht es mir nicht in erster Linie ums Geld – wir werden eben umstrukturieren und auf manches verzichten müssen.“ Traurig stimme ihn aber eine spürbare „Kulturferne“, so Weibel: „Wenn nach dem Stadtgeburtstag dem Organisationsteam für den Erfolg der Schlosslichtspiele gedankt wird, ohne das ZKM zu erwähnen, dann wird offenbar verkannt, dass der Erfolg von der Kunst her kommt und nicht von den Würstchenbuden.“

Erfolg nicht von Würstchenbuden

Dankbar sei er allerdings dafür, dass bereits jetzt die Fortführung der Schlosslichtspiele 2017 beschlossen worden sei – das erleichtere die detaillierte Planung. Denn Weibel ist sich sicher: „Um aus den Schlosslichtspielen eine langfristige Marke zu machen, darf man sie nicht verflachen lassen, sondern muss das Niveau im nächsten Jahr nochmals steigern.“ Allerdings sei dies mit einem Budget wie in diesem Jahr, wo der künstlerische Etat 150 000 Euro betrug, nicht darstellbar – die 400 000 Euro aus dem Stadtgeburtstagsjahr seien das Minimum, so Weibel. „Und wenn wir vier Millionen Euro für die Sprinkleranlage ausgeben müssen, weil die Brandschutzlobby ständig neue Bestimmungen durchsetzt, dann müsste das doch eigentlich auch möglich sein.“

„Meine Lieblingssituation im Museum ist, wenn ein Neunjähriger zu seinem Vater sagt: Ich habe es dir jetzt doch schon zweimal erklärt.“

(Peter Weibel über den unterschiedlichen Medienumgang der Generationen)