Der Philosoph Peter Sloterdijk hat einen erotischen Roman verfasst. Am Montag kommt "Das Schelling-Projekt" in die Buchläden. Foto: dpa
Der Philosoph Peter Sloterdijk hat einen erotischen Roman verfasst. Am Montag kommt "Das Schelling-Projekt" in die Buchläden. Foto: dpa

Philosoph legt Roman vor

Peter Sloterdijk und die weibliche Lust

Ein Abgesang und ein falsches Bild stehen am Anfang. Peter Sloterdijk hat einen Roman geschrieben, und der beginnt damit, dass ein Peer Sl. seinem Freund Kurt einen Brief sendet – letztmals in Papierform. Künftig wolle er mit Kurt nur noch elektronisch kommunizieren. Alles andere sei von gestern, oder wie Sloterdijk erklärt: „Post und Vergangenheit sind zu Synonymen geworden.“
Soweit der Abgesang. Das falsche Bild zeigt sich in der Beschreibung des bundesdeutschen Postwesens. Es gibt keine Postzüge mehr, die nächtens „über Schienen rollen, vorbei an abgehängten Dörfern, bevölkert von vor dem Fernseher eingenickten Alten.“ Man muss auch Umschläge nicht mehr „mit Autorenspucke“ zukleben, wie es in der Passage über den Briefversand heißt. Aber um Kleinigkeiten soll es in dem Werk ja auch nicht gehen, wie Sloterdijk mit einigen Bemerkungen über „die Knochen-Leser und Zähne-Interpreten“ deutlich macht. Gemeint sind die Paläontologen, die sich in Details verlieren, aber nie zum Wesentlichen vordringen. Peer Sl. geht es nicht um Beckenknochen, sondern um das, was sich zwischen ihnen abspielt. Es geht ihm um das weibliche Sexualerleben. Um die Unterschiede zwischen den prähistorischen Zeiten, als „die Menschenfrau, wie ihre Vorgängerinnen unter den Großaffen, das von hinten zu begattende Lebewesen war“, und heute.
Lange war bekannt, dass sich der Verfasser zeitdiagnostischer Betrachtungen wie „Zorn und Zeit“ (2008) oder „Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik“ (2009) mit einem erotischen Roman befassen würde. Der Erscheinungstermin wurde immer wieder ein Stückchen verschoben, das Erwartungspotenzial entsprechend gesteigert. Am Montag nun soll das Werk kaufbereit in den Buchläden liegen.
Der Titel „Das Schelling-Projekt“ erinnert daran, dass der Autor von Hause aus ein Philosoph ist, der seit seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) zunehmend Beachtung fand, nicht zuletzt als Hochschullehrer in Karlsruhe und Wien, sowie zwischendurch (von 2002 bis 2012) als Gastgeber in der Fernsehsendung „Das literarische Quartett“. In der dort geübten Form des dialogischen Gedankenaustauschs ist auch sein Roman angelegt, nur dass hier eine „Fünferbande“ per E-Mail miteinander kommuniziert – „mit Schelling als unserem Schutzheiligen“.
Auf Schelling geht Sloterdijk im mittleren seines dreiteilig angelegten Opus ausführlich ein. Er heißt „Die Evolutionstheorie“ und wird als Protokoll einer Tagung dargeboten, genannt „Karlsruher Aussprache“. Hier werden noch einmal die fünf Hauptakteure aufgelistet, aber auch drei Gäste sind vermerkt, darunter der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup. Warum sie erwähnt werden, bleibt unklar. Vielleicht, um die quasi dokumentarische Aura des Textes zu unterfüttern? Oder handelt es sich um den Schabernack eines philosophischen Literaten, der sich einmal alle Freiheiten gönnt – vom umgemodelten Zitat bis zur abgehalfterten Zote? Denn das gelingt Sloterdijk: Den hohen Ton der Thesen und Theorien („Im Menschen schämt sich die Natur für sich selber“) mit Pennälerjargon zu koagulieren, den er auch schon mal einer Frau in den Mund legt. Erst lässt er Desiree zur Lippe in munteren Feuchtigkeitsmetaphern darüber räsonieren, dass dem weiblichen Geschlecht von Alters her bis in die jüngere Zeit die Fähigkeit abgesprochen wird, sich hochgesteckten und hochstehenden Zielen zuzuwenden, um dann zu zeigen wie unterleibsfixiert sie ist. Sie schildert, wie sie mit einem Ex-Freund einen Streit ausfocht, der in der Erkenntnis endet: „In Wirklichkeit tropfte ich doch schon wie ein Kieslaster.“
Das klingt nach „Also sprach Zarathustra“. Dort steht: „Das Glück des Mannes heisst: ich will. Das Glück des Weibes heisst: er will.“ Friedrich Nietzsche steht wie oft bei Sloterdijk auch in seinem „Schelling-Projekt“ Pate, auch wenn er dem Altmeister an einer Stelle widerspricht. Dessen „Willen zur Macht“ als originäre Triebkraft des Menschen (Mannes) lässt er nicht gelten: „Nein, nein, in diesem Punkt sehen wir seit einer Weile klarer als unser Freund Nietzsche. Machtstreben ist nur bei den wenigsten das treibende Motiv. Die vielen wollen von sich selbst und in den Augen der anderen zu den Guten zählen. Das Universum soll sie zum Mitarbeiter des Monats machen.“
Derlei wohlfeil-fragwürdige Sentenzen sind eine Spezialität von Sloterdijk, und auch in seinen Roman hat er sie reichlich eingestreut. Einige Beispiele: „Jedes Hotelzimmer bringt einen Neuanfang.“ „Was war die ältere Philosophie, wenn nicht ein Vorgriff auf den Tod? Zweieinhalbtausend Jahre Unfug auf Stelzen.“ „Wie der Krieg wirkt Provokation als Evolutionsbeschleuniger.“ Oder über den Menschen: „Er ist ein Seil, gespannt zwischen dem Einzeller und dem Übertier“ – was abermals eine Anlehnung an Nietzsche bedeutet, über den Sloterdijk an anderer Stelle schreibt „Nietzsches Prosa ist der einzige Deutsch-Unterricht, den ich bis heute gelten lasse.“ Wobei er gleich relativierend nachschiebt, dass ihn die „Meinungen“ seines Ahnen im Geiste „kaum noch“ interessierten.
Überhaupt teilt der Philosoph im Romanciersgewand gerne aus: Den Islam und so genannte Gutmenschen hat ersowieso im Visier, aber auch der Dichter Marcel Proust („Idiot seines Gedächtnisses“) oder der Schriftsteller und Philosoph Georges Bataille („Bastard der Mystik“) kriegen ihr Fett ab. Nicht zu vergessen den Kreis um Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und andere, die allerdings nur indirekt erwähnt werden, wenn es heißt: „In späteren Jahren hütete ich bei den Kritischen von Frankfurt die Säue.“
Die Ich-Form ist symptomatisch, denn „Das Schelling-Projekt“ trägt erkennbar autobiografische Züge. Es steht sogar zu vermuten, dass neben Peer Sloterdijk auch die übrigen Teilnehmer Kurt Silbe und Guido Mösenlechzner, sowie Beatrice von Freygel und Desiree zur Lippe den Autor, respektive Frauen aus seinem Leben meinen. Gegen Ende zerfasert das Geschehen. Als letzter Clou bleibt, dass Kurt Silbe eine Orgasmus-Kantate komponiert. Wem an einen erotischen Roman liegt, der wird auf schlüpfrige Passagen wie diese stoßen, wer Philosophie sucht, wird Aphorismen finden. Wie schreibt Sloterdjik: „Doch was ist Philosophie heute? Ist sie nicht der Leerlauf des Leerlaufs?“

Peter Sloterdijk: Das Schelling-Projekt. Suhrkamp, 251 Seiten, 24,95 Euro.