Das denkmalgeschützte Rathaus in Achern wurde zur Stadtbibliothek umgebaut.
Das denkmalgeschützte Rathaus in Achern wurde zur Stadtbibliothek umgebaut. | Foto: Ulrich Coenen

Rathaus Achern

Ein bewusster Bruch mit der Vergangenheit

Avantgarde in der Kleinstadt – das Acherner Rathaus ist ein über die Stadtgrenzen hinaus bedeutendes Beispiel für die Nachkriegsmoderne. Jetzt hatten interessierte Bürger Gelegenheit, das sanierte und zur Stadtbibliothek umgestaltete Gebäude im Rahmen des „Tages der Architektur“, den die Architektenkammer Baden-Württemberg einmal im Jahr veranstaltet, zu besichtigen.

Typischer Vertreter der Nachkriegsmoderne

Viele Acherner fremdeln mit ihrem Rathaus, das bereits seit 2003 unter Denkmalschutz steht. Warum? Das NS-Regime, das für eine gigantische neoklassizistische Architektur schwärmte, hat die Entwicklung der modernen Architektur in den Jahren 1933 bis 1945 unterbrochen und von der internationalen Entwicklung abgekoppelt. Was das Bauhaus in den 1920er Jahren begonnen hatte, wurde erst nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Deutschland fortgesetzt. Gerade die maßgeblich von Egon Eiermann geprägte Karlsruher Architekturschule spielte dabei eine Rolle. Das Acherner Rathaus ist ein typischer Vertreter der Nachkriegsmoderne, wurde aber nicht von Eiermann-Schülern erbaut.

Eine repräsentative Treppe führt vom Erdgeschoss des Acherner Rathauses zum Bürgersaal im ersten Obergeschoss.
Eine repräsentative Treppe führt vom Erdgeschoss des Acherner Rathauses zum Bürgersaal im ersten Obergeschoss. | Foto: Ulrich Coenen

Nach dem Umzug der Acherner Stadtverwaltung in die Illenau hat das Rathaus seit rund einem Jahr eine neue Aufgabe, unter anderem als Stadtbibliothek, und wird damit viel stärker von einem breiten Publikum genutzt als bisher. Das war der Anlass für die die offene Tür im Rahmen des „Tages der Architektur“.

Das Rathaus ist das Ergebnis eines 1961 ausgelobten Wettbewerbs, in dem die Freiburger Architekten Hans-Dieter Hecker, Günther Hornschuh und Lothar Kiechle den ersten Preis gewannen. Alle drei waren zu Beginn der 1960er Jahre in der baden-württembergischen Hochbauverwaltung tätig, Hecker in leitender Funktion als Chef einer Planungsgruppe im Wiederaufbaubüro der Universität Freiburg.

„Es war sicherlich ein Wagnis, für das neue Rathaus einen Platz anzubieten, der in unmittelbarer Nähe des alten dreieckförmigen Hauptplatzes des Städtchens liegt und der mit diesem nur durch eine Baulücke verbunden ist“, heißt es in Heckers 2009 erschienenem Werkverzeichnis. „Der erste Preis zeigt eine geradezu klassische Lösung, sowohl für die Platzform wie auch für das Rathaus selbst. Die äußere Erscheinung zeigt die Repräsentanz, die einem Rathaus gebührt. Sie ist von kristalliner Klarheit.“

Stahlskelett prägt die Raumstruktur

Das Rathaus in Achern wird von geometrischer Strenge und den Baustoffen Stahl und Glas geprägt. Das Stahlskelett mit seinem rasterartigen Muster umschließt den viergeschossigen kubischen Baukörper. Das Tragwerk bildet eine Stahlkonstruktion mit Stahlbetondecken, die im Erdgeschoss von Stahlbetonstützen getragen werden. Die Decken über den Obergeschossen hängen hingegen an den Dachbindern. Diese Konstruktion ermöglicht im ersten Obergeschoss eine bis auf die Mittelstütze völlig freie Zone. Dort befindet sich der große Bürgersaal als zentraler Raum.

Die Skelettbauweise ist Voraussetzung für die ebenso intelligente wie ästhetische Raumstruktur des Gebäudes. Der Besucher betritt das Rathaus durch die große Eingangshalle im Erdgeschoss, um die ursprünglich die Ämter mit dem größten Publikumsverkehr gruppiert waren. Von dort führt eine dreiläufige Podesttreppe, die für ein modernes Verwaltungsgebäude sehr repräsentativ ist, ins Hauptgeschoss. Das zweite Geschoss mit dem Bürgersaal ist seiner Bedeutung entsprechend als piano nobile ausgewiesen. Dieses Stockwerk ist deutlich höher als die übrigen, um die Wichtigkeit des Gemeinderates in einer demokratischen Gesellschaft zu betonen. Die Akzentuierung des Hauptgeschosses mit dem Ratssaal ist bei der Baugattung Rathaus in der Nachkriegszeit nicht ungewöhnlich.  Der Ratssaal in Achern nimmt die volle Gebäudebreite an der dem Rathausplatz zugewandten Hauptfassade ein. Einen völlig anderen Charakter haben die beiden oberen Geschosse. Um eine offene zweigeschossige Halle sind weitere Büros angeordnet.

In der Zeitschrift „Bauen + Wohnen“ beschreiben die Architekten 1962 ihr Konzept für die städtebauliche Einbindung: „Das Rathaus wird als Mittelpunkt der städtischen Selbstverwaltung frei auf den Marktplatz gestellt. Niedrige, horizontal gegliederte Baukörper bilden die Platzwände und decken die bestehende unruhige Randbebauung ab. Das Rathaus wird gegen die Platzwände gedreht und zur Hauptstraße hin orientiert.“ Es ist ein ganz bewusster Bruch mit der Vergangenheit.

Drei Erlebnisbereiche

Drei völlig unterschiedliche Erlebnisbereiche prägen das Acherner Rathaus nach der gelungenen Umgestaltung. Stadtbibliothek, Bürgersaal und Bürgerservice sind dort entstanden.

Das auffälligste und spannendste Novum des multifunktionalen Gebäudes ist die Stadtbibliothek in den beiden Obergeschossen des vierstöckigen Verwaltungsbaus, der 1963 vollendet wurde. Für die Planung war die Fachgruppe Hochbau der Stadt unter Leitung von Carmen Weber verantwortlich. Das Ergebnis ist sehenswert, sowohl unter denkmalpflegerischen als auch unter ästhetischen Aspekten.

Die beiden Bibliotheksgeschosse umschließen ein Atrium.
Die beiden Bibliotheksgeschosse umschließen ein Atrium. | Foto: Ulrich Coenen

Das Team um Carmen Weber hat die beiden oberen Geschosse, die ein Atrium umschließen, zu einer Einheit zusammengefasst. Im Zentrum des Raums stehen die große zentrale Stütze, die als Rückgrat des Gebäudes über alle vier Stockwerke reicht, und vier schlankere Stützen, die an der Dachkonstruktion hängen, und die beiden oberen Geschosse tragen. Um diese herum sind Theken und Möbel für die Infrastruktur der Bibliothek angeordnet. Der Besucher, der durch das seitliche Treppenhaus in die Bücherei gelangt, findet sofort die zentrale Anlaufstelle für die Medienausgabe und -rückgabe.

Bücherregale statt Büros

Wo früher entlang der Außenwände Büros angeordnet waren, stehen heute Regale. Zu diesem Zweck haben die Architekten die parallel zur Außenhaut verlaufenden Wände demontiert. Die Querwände blieben auf Wunsch des Landesamtes für Denkmalpflege erhalten, so dass die ursprüngliche Grundrissstruktur in beiden Obergeschossen ablesbar bleibt. Statisch sind die Zwischenwände bedeutungslos. Man hätte sie also ohne Auswirkungen auf das Tragwerk abbrechen können.

Herrliche Ausblicke über die Stadt sind aus den Bibliotheksräumen im Rathaus möglich.
Herrliche Ausblicke über die Stadt sind aus den Bibliotheksräumen im Rathaus möglich. | Foto: Ulrich Coenen

Jetzt gliedern die alten Bürowände die Bibliothek in ganz unterschiedliche Bereiche. Es gibt über zwei Ebenen Abteilungen für Belletristik und Fachbücher, Leseecken für Kinder und Erwachsene, Computerarbeitsplätze und Besprechungsräume. Herrliche Aussichten in alle Himmelsrichtungen über die Dächer Acherns und auf den Rathausplatz laden zum Verweilen ein.

Transparenz in der Eingangshalle

Noch geringer sind die Eingriffe in den beiden unteren Stockwerke ausgefallen. Das Erdgeschoss wurde nach Plänen des Baden-Badener Büros Schmiga und Kleis umgestaltet. Dort gruppieren sich um die zentrale Eingangshalle mit der neuen Empfangstheke Büros für Bürgerservice, Standesamt und Tourist-Info. Diese Bereiche werden traditionell stark von Besuchern frequentiert und sind deshalb durch Glaswände zum Foyer offen und transparent gestaltet. Das Rathaus lädt seine Bürger ein.

Über die aufwändige Treppenanlage aus der Erbauungszeit geht es in die Beletage, wo sich der Bürgersaal befindet. Dank der außerordentlichen Höhe des zweiten Stockwerks ist das charakteristische Deckensegel, das den Saal und das Foyer überspannt, bereits von außen gut erkennbar. Auch für dieses Geschoss waren Carmen Weber und ihre Mitarbeiter verantwortlich. Verändert hat sich offensichtlich im Sinne der Denkmalpflege wenig. Doch der erste Eindruck trügt. Große Summen flossen in den Brandschutz und die Schadstoffsanierung. Die gesamte Gebäudetechnik wurde erneuert. Insgesamt hat die Stadt mehr als 3,3 Millionen Euro in ihre gute Stube investiert. Es hat sich gelohnt.