Die offene Ganztagsschule beeindruckte Kultusministerin Susanne Eisenmann, die hier einem Schüler über die Schulter schaut. im Hintergrund OB Hubert Schnurr sowie Bürgermeister und Schuldezernent Wolfgang Jokerst.
Die offene Ganztagsschule beeindruckte Kultusministerin Susanne Eisenmann, die hier einem Schüler über die Schulter schaut. im Hintergrund OB Hubert Schnurr sowie Bürgermeister und Schuldezernent Wolfgang Jokerst. | Foto: Ulrich Coenen

Kultusministerin in Bühl

„Mehr als nur das Standardprogramm“

Für die oft geschmähte Werkrealschule war es eine Sternstunde. Beim Besuch von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) präsentierte sich die Bachschloss-Schule zukunftsorientiert und selbstbewusst. „Ich habe großen Respekt“, konstatierte Eisenmann. „Hier gibt es nicht nur das Standardprogramm. Sie machen das echt klasse.“

Lob für Inklusion

Diese Worte bedeuteten mehr als das bei solchen Visiten obligatorische Politikerlob. Vittorio Lazaridis, Abteilungspräsident Schule und Bildung im Regierungspräsidiums Karlsruhe, ergänzte: „Mir gefällt dieses Selbstbewusstsein. Wenn Kollegen immer nach den besten Lösungen suchen, macht das Schule aus.“ Dem gelernten Sonderschulpädagogen gefiel insbesondere die Inklusion an der Bachschloss-Schule. In einer Regelklasse werden, unterstützt durch eine zusätzliche Sonderschullehrerin, sieben Kinder mit Behinderungen unterrichtet. „Wenn man in die Klasse kommt, fallen sie überhaupt nicht auf“, berichtete Rektorin Constanze Velimvassakis.

Gute Erfahrungen mit Ganztagsschule

Die Schulleiterin schilderte ihre guten Erfahrungen mit der offenen Ganztagsschule in den vergangenen vier Jahren. „Wir haben sofort für alle Klassen umgestellt“, sagte Velimvassakis. „Das war am Anfang ein wenig stressig, aber wir sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen.“ Nach ihren Ausführungen wurden über die „Ressourcen der Schule hinaus“ auswärtige Unterstützer wie Vereine gewonnen, so dass die Ganztagsschule für 185 Schüler am Nachmittag ein attraktives Programm bietet. Insgesamt hat die Bachschloss-Schule 502 Schüler, davon 275 in der Grundschule.

Offene Form hat Vorteile

Auf Nachfrage der Ministerin brachen Velimvassakis und ihr Kollegium eine Lanze für die offene (also nicht für alle Schüler verpflichtende) Form der Ganztagsschule. Sie sprach von einem Erfolgsrezept. „Den Eltern bleibt die Möglichkeit zur Gestaltung des Familienlebens“, meinte Velimvassakis.

Die Rektorin wünschte sich noch mehr Wahlmöglichkeiten für die Eltern als bisher. Manche Mütter würden nur an einem oder zwei Tagen in der Woche arbeiten, sagte sie. Weil man sich für die Ganztagsschule für jeweils ein Schuljahr verpflichten muss, gibt es für die betroffenen Familien bislang keine Betreuungsangebote. Die Bachschloss-Schule versucht Eltern und Kindern aber zu helfen, in dem sie zumindest ihre Nachmittags-AGs in solchen Fällen an einzelnen Tagen öffnet. „Ohne unsere externen Anbieter wäre das nicht möglich“, sagte Velimvassakis. „Es ist ein Spagat, den wir hier leisten.“ Sie wünschte sich auch von offizieller Seite mehr Flexibilität.

Werkrealschule mit Akzeptanzproblemen

„Die Werkrealschule steht bei den Eltern in der Beliebtheitsskala nicht gerade weit oben“, stellte Kultusministerin Susanne Eisenmann fest. Sie diskutierte mit Lehrern der Bachschloss-Schule, ob eine Stärkung der Berufsbildung dieses Image verbessern könne.

„Die regionale Wirtschaft sucht Leute, die sie ausbilden kann“, berichtete Rektorin Constanze Velimvassakis. Oberbürgermeister Hubert Schnurr ergänzte, dass in Bühl mit einer Arbeitslosenquote von 2,3 Prozent Vollbeschäftigung herrsche und die Arbeitgeber nicht nur Akademiker benötigten. Christoph Reichenbach kritisierte, dass die praktisch/technischen Fächer im Lehrplan zurückgedrängt wurden.
Die Bachschloss-Schule sucht bereits jetzt mit Betriebsbesichtigungen und ähnlichen Angeboten einen stärkeren Praxisbesuch. Beispielsweise stellen die Eltern der Schüler ihre Berufe im Unterricht vor.

Ernüchterndes Ergebnis

Der von den Kultusministern der Länder beim Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Auftrag gegebene Test war ernüchternd. Die Medien berichteten ausführlich über den Sturz des erfolgsverwöhnten Baden-Württemberg von einem Spitzenplatz in den Keller der Tabelle. Bei ihrem Besuch in der Bachschloss-Schule räumte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) gegenüber dem Acher- und Bühler Boten die vorhandenen Defizite unumwunden ein.

„Dem ging ein längerer Prozess voraus“, sagte sie. Beim Rechnen, Schreiben und Lesen hätten die Schüler nicht die gewünschten Leistungen gezeigt. „Dies müssen wir gemeinsam mit Experten analysieren und für die Lehreraus- und -fortbildung sowie für die Unterrichtsmethoden unsere Schlüsse ziehen“, konstatierte Susanne Eisenmann.

Keine Einschnitte für Kommunen

Die von der grün-roten Vorgängerregierung eingeführte Gemeinschaftsschule wollte die Ministerin auf Nachfrage dieser Zeitung für die aktuelle Misere nicht verantwortlich machen. „Natürlich führt eine Schulstrukturdiskussion bei den anderen Schularten immer zu einer Verunsicherung“, räumte sie ein.
Vom Tisch sind die Einsparungen im Bereich der gebundenen Ganztagsschulen. (Das sind Ganztagsschulen, an denen alle Schüler zur Teilnahme am Nachmittagsangebot verpflichtet sind.) Diese Ankündigung hatte im Oktober für Diskussionen gesorgt. Inzwischen hat das Kultusministerium sich mit dem Finanzministerium geeinigt. „Die Kommunen brauchen keine Einschnitte zu befürchten“, sagte Susanne Eisenmann gegenüber dieser Zeitung.

Der Besuch in der Bachschloss-Schule gestern Nachmittag ist für die Ministerin mehr als ein Höflichkeitstermin. „Ich will mir vor Ort im Gespräch mit Lehrern, Eltern und Schülern ein Bild machen“, sagte sie. „Das ist besser, als Aktenvermerke zu lesen.“