Ein Rettungswagen ist unterwegs: Viele Einsätze und Personalnot machen die Arbeit für die Helfer schwer. Die Verkehrslage und die Baustellen im Stadt- und Landkreis wirken sich auf die Eintreffzeiten aus.
Ein Rettungswagen ist unterwegs: Viele Einsätze und Personalnot machen die Arbeit für die Helfer schwer. Die Verkehrslage und die Baustellen im Stadt- und Landkreis wirken sich auf die Eintreffzeiten aus. | Foto: dpa

Rettungsdienst im Landkreis

„Retter will nicht als Kostenfaktor gelten“

Mehr Einsätze und wenig Personal machen die Lage für den Rettungsdienst im Landkreis schwierig. „Wir könnten auf der Stelle 30 Leute einstellen“, sagt Josef Wirth-Schäfer, Rettungsdienstleiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Kreis Karlsruhe.
Dabei ist nach Angaben des Innenministeriums der Rettungsdienst in Baden-Württemberg gut aufgestellt. Im Land gibt es rund 270 Rettungswachen mit 400 Rettungswagen. „Wir sind auf einem hohen Niveau. Das Personal ist gut und die Ausrüstung ist gut, aber es bricht mehr weg, als nachkommt“, sagt DRK-Kreisgeschäftsführer Jörg Biermann. Der Rettungsdienst laufe Gefahr, das hohe Niveau zu verlieren (wir berichteten).

„Notfallregelung“

Biermann beklagt, dass es keine Rettungsassistenten auf dem Markt gebe – im Jahr 2020 soll dieser vom Notfallsanitäter ersetzt werden. Eine externe Zertifizierung bescheinigt dem DRK-Kreisverband eine vorbildliche Ausbildung, allerdings macht dieses Audit auch deutlich, dass es schwierig sei, die Rettungsfahrzeuge zu besetzen und die Helfer auf verpflichtende Weiterbildungen zu schicken.
Wegen des Personalengpasses und bevor ein Fahrzeug der Helfer ganz ausfalle, sei beim DRK im Stadt- und Landkreis bereits im August eine „Notfallregelung“ ersonnen worden, die bei der Besatzung eines Rettungswagens zwei Rettungssanitäter anstelle eines Rettungssanitäters und eines Rettungsassistenten vorsieht. Der Haken dabei: Das Rettungsdienstgesetz schreibt die Qualifikation der Besatzung eines Rettungswagens vor. Die Reaktion des Innenministeriums folgte prompt, mit dem Aufruf, sich an das Rettungsdienstgesetz zu halten. „Das Rettungsdienstgesetz sieht keine Ausnahme vor“, sagt Carsten Dehner von der Presseabteilung des Innenministeriums in Stuttgart. Es sei auch nicht von ministerieller Seite angedacht, eine Ausnahmeregelung zuzulassen, betont er. Rettungssanitäter haben in der Regel eine Ausbildung von 560 Stunden, Rettungsassistenten werden zwei Jahre ausgebildet. Habe eine Rettungsorganisation Personalengpässe, bestehe die Möglichkeit mit anderen Hilfsorganisationen zu kooperieren.
Brächte Hilfe aus den benachbarten Rettungsdienstbereichen etwas? „Die haben das gleiche Problem wie wir“, klagt Jörg Biermann. Im gesamten Bundesland kämpften die Rettungsdienste mit den gleichen Schwierigkeiten. Die „Notfallregelung“ sei jedoch nicht angewandt worden. Nach der Aufforderung wolle man nicht in eine Haftungsfalle treten.

Reaktionen

Wegen der Einsatzzahlen benötigen alle Hilfsorganisationen mehr Personal, sagt Matthias Wahl, Rettungsdienstleiter beim Arbeiter-Samariter-Bund. „Wir haben im Rettungsdienst im Moment 42 Kollegen, darunter gerade mal drei Rettungssanitäter, alle anderen sind staatlich anerkannte Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter“, betont er. Man sei gut aufgestellt und erfülle das Rettungsdienstgesetz in jedem Rettungswagen problemlos. „Jeder Patient hat einen gesetzlich verbrieften Anspruch von höchstqualifiziertem Personal gerettet zu werden“, betont Andreas Wolf, Geschäftsführer von ProMedic in Karlsruhe. Die Qualifikation des Personals in einem Rettungswagen herunterzuschrauben gehe nicht. ProMedic erfülle die Forderungen des Rettungsdienstgesetzes zu 100 Prozent. Man sei nicht üppig besetzt, aber gut, so Wolf.
ProMedic fährt mit einer Konzession den Rettungsdienst. „Wenn ich gegen diese Konzession verstoße, kann ich den Laden zu machen“, mahnt Wolf. Als Notbehelf könne man einen Krankenwagen als Ersthelfer einsetzen, der die Erstversorgung sicherstellt, bis der Rettungswagen eintreffe. „Wir wollen uns zu diesem Thema nicht dazu äußern“, sagt Uwe Janke, Dienststellenleiter des Malteser Hilfsdienstes.

Attraktivität der Arbeit

„Karlsruhe ist in Sachen Rettungsdienst ein attraktiver Standort“, betont ProMedic-Chef Wolf. Wenn man vernünftiges Personal haben wolle, müsse man es vernünftig bezahlen. „Der Retter will nicht als Kostenfaktor gelten“, sagt der private Dienstleister. Zentrale Notaufnahmen würden mit hochattraktiven Arbeitsplätzen und einem Lohn werben, den sich der Rettungsdienst nur mit Mühe leisten könne. Jörg Biermann erklärt, dass man zurzeit in einer Tarifauseinandersetzung stehe. Sollte keine zufriedenstellende Lösung auf Bundesebene gefunden werden, würde die Landestarifgemeinschaft aus der Bundestarifgemeinschaft aussteigen.

Verkehrslage / B 36

Die aktuelle Verkehrssituation und die Baustellen im Stadt- und Landkreis Karlsruhe haben mittlerweile auch Auswirkungen auf den Rettungsdienst. Das geht aus einer Statistik des Kreisverbandes Karlsruhe des DRK hervor. Brauchten die Helfer im Jahr 2012 noch im Schnitt sieben Minuten und zehn Sekunden bis zum Einsatzort, sind es vier Jahre später schon zehn Minuten und vier Sekunden. Im Landkreis stieg die mittlere Eintreffzeit von acht Minuten und 40 Sekunden auf elf Minuten und 41 Sekunden. „Das ist eine eklatante Zahl – wenn die Leute warten, fühlt sich eine Minute wie eine Stunde an“, sagt Jörg Biermann.
Die Verkehrsinfrastruktur habe mit der Städteentwicklung nicht mitgehalten, erklärt Biermann. Baustellen wie beispielsweise auf der Autobahn 5 würden sich natürlich auch in den Hilfsfristen niederschlagen. Ganz zu schweigen von der sowieso schon überlasteten B 36.
„Bei der Notfallrettung fahren die  Leute noch zur Seite“, sagt Wirth-Schäfer, aber bei einem Krankentransport, der kein Blaulicht anschalten dürfe, stünden die Helfer mit im Stau. Und: Wenn auf der zweispurigen Strecke die Fahrzeuge wegen eines Staus stünden, sei „Feierabend“ – auch für die Retter, so Josef Wirth-Schäfer.