Natürlicher Pflanzenschutz: Nützlinge wie Insekten und Vögel tragen bei der integrierten Produktion dazu bei, dass der Einsatz von Insektiziden deutlich verringert werden kann.
Natürlicher Pflanzenschutz: Nützlinge wie Insekten und Vögel tragen bei der integrierten Produktion dazu bei, dass der Einsatz von Insektiziden deutlich verringert werden kann. | Foto: pr

Neue Verfahren in Pfinztal

Pflanzenschutz auf natürlichem Wege

In Baden-Württemberg wurden innerhalb eines durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderten Projekts 2011 die ersten „Demonstrationsbetriebe für integrierten Pflanzenschutz“ eingerichtet. Dabei handelt es sich um landwirtschaftliche Betriebe mit bestimmten Anbauschwerpunkten, die, unterstützt von Fachleuten, den integrierten Pflanzenschutz konsequent anwenden und bereit sind, neue Verfahren einzuführen. In Baden-Württemberg koordiniert das Landwirtschaftliche Technologiezentrum (LTZ) Augustenberg das Projekt. Einer der Demonstrationsbetriebe ist seit 2014 der Obstbaubetrieb von Friedhelm Wenz in Pfinztal. Unser Redaktionsmitglied Jörg Uwe Meller sprach mit Friedhelm Wenz über Erfahrungen, Risiken und Nebenwirkungen.

Kann man sich als Obstbaubetrieb integrierten Pflanzenschutz überhaupt leisten?

Wenz: Die Produktion für den Großmarkt sollte zu 95 Prozent Ware der Handelsklasse eins liefern. Sonst können diese Betriebe einfach nicht mehr existieren. Privatvermarkter wie wir sind so aufgestellt, dass wir mit möglichst wenig Eingriffen in die Natur arbeiten und zum Beispiel Früchte mit kleinen Narben eher verkaufen oder verarbeiten können. Wir haben eine eigene Kelterei, dadurch können wir aus fehlerhaften Früchten selbst Apfelsaft produzieren. Wir haben unsere eigene Gewinnspanne. Durch den Abhofverkauf und die Akzeptanz der Kunden kommen wir auch noch mit 75 Prozent Handelsklasse eins zurecht.

Wie halten Sie es mit der Schädlingsbekämpfung?

Wenz: Bei der integrierten Produktion arbeiten wir nach Schadschwellen. Fachleute vom LTZ gehen in Eigenregie durch den Betrieb, zählen die Schädlinge aus, beobachten, wie sich eine Population aufbaut oder zusammenbricht und kontrollieren auch, ob etwa parallel ein Nützlingsaufbau stattgefunden hat, durch den man die Schädlinge in den Griff bekommen kann. Dann sprechen wir ab, ob wir was tun müssen oder ob wir etwas riskieren. Privatvermarkter können eher ein Risiko eingehen und noch etwas warten.

Das klingt nach einer kitzligen Sache.

Wenz: Das Wetter ist eine zusätzliche Herausforderung. Es kann uns zuarbeiten oder die Schädlinge fördern. Was bringt der nächste Tag? Das ist ein Kriterium, das ungemein schwierig einzubeziehen ist. 2015 hatten wir die Blutlaus, einen schwierigen Schädling. Weil wir wenig Insektizide einsetzen, hatten wir aber auch die Blutlauszehrwespe, ihren Gegenspieler, in den Anlagen. Unsere Erfahrungen waren so gut, dass wir noch zugewartet haben, bevor wir Insektizide einsetzen. Dann hatten wir hohe Temperaturen und die Blutlaus hat sich rasant vermehrt. Hätten wir früher Insektizide eingesetzt, hätten wir einen größeren Wirkungsgrad gehabt, die Population hätte sich nicht so aufgebaut und wir hätten nicht so einen großen Schaden gehabt. Das ist das Risiko.

Wie kann man Schädlinge noch auf natürliche Weise bekämpfen?

Wenz: Durch intensives Beobachten zeigte sich, dass in unseren Kulturen nicht nur Insekten als Nützlinge auftreten, sondern auch viele Vogelarten. Wir haben viele Nistkästen in den Anlagen aufgehängt, wir liegen richtig im Streuobstgebiet, sind überall eingebunden. Bei uns wurde zum Beispiel auch der Wendehals festgestellt, eine geschützte Vogelart. Vielleicht hat er sich hier einen Rückzugsraum gesucht. Auch das spricht für die integrierte Produktion.

Biologischer Anbau ganz unbehandelt…

Wenz: … geht im Obstanbau in der Regel nicht. Was unter freiem Himmel wächst, braucht Schutz.

Zu Ihren Aufgaben als Demonstrationsbetrieb gehört die Information von Kollegen. Wie läuft das ab?

Wenz: Zwei- bis viermal im Jahr, meist während der Hauptvegetationszeit, kommen Erfahrungsaustauschgruppen zusammen, in denen man Probleme anspricht, Lösungsansätze sucht. Wir lernen jedes Jahr dazu. Ich mache das Geschäft seit 35 Jahren und jedes Jahr ist eine neue Herausforderung: Niederschlagsmengen, Temperatur, Vegetationszeitpunkt – der Erfahrungsschatz macht es vielleicht leichter, an ideale Lösungen zu kommen. Daran arbeiten wir alle miteinander.