BERGE VON STYROPOR bleiben derzeit auf den Baustellen in der Region liegen – so wie hier beim Abriss des Kindergartens St. Peter und Paul in Karlsruhe-Mühlburg.
BERGE VON STYROPOR bleiben derzeit auf den Baustellen in der Region liegen – so wie hier beim Abriss des Kindergartens St. Peter und Paul in Karlsruhe-Mühlburg. | Foto: pr

Poker um Styropor-Müll

Dachdecker bangen um ihre Zukunft

Für Hans-Peter Kistenberger und seine Kollegen ist es eine „große Katastrophe“. Seit Wochen stapeln sich auf den Baustellen der Dachdecker Berge von Styroporplatten – und wieder ist ein Versuch, das Problem zu lösen, gescheitert. Auch die Umweltministerkonferenz konnte den Handwerkern nicht helfen. „Viele Betriebe können keine Aufträge mehr annehmen. Das geht an die Existenz“, schimpft der Dachdecker- und Landesinnungsmeister aus Bruchsal.

Der Bundesrat deklarierte HBCD als Sondermüll

Hintergrund ist eine EU-Richtlinie: Seit dem Frühjahr darf Dämmstyropor, das das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan – kurz HBCD – enthält, nicht mehr recycelt werden. HBCD (siehe Infobox unten) gilt als umweltschädlich. Die Produktion ist seit 2014 verboten und um den Stoff aus dem Wirtschaftskreislauf zu verbannen, müssen HBCD-Abfälle künftig verbrannt werden. Der Bundesrat aber ist bei der Umsetzung der EU-Norm noch einen Schritt weiter gegangen und hat das Styropor als Sondermüll deklariert – entgegen der Empfehlung von Umweltministerin Barbara Hendricks und der Bundesregierung.

Den Verbrennungsanlagen fehlen die Genehmigungen

Seit dem 1. Oktober darf HBCD-lastiges Styropor in Deutschland deswegen nicht mehr gemeinsam mit anderen Bauabfällen entsorgt werden. Doch nur ein Bruchteil der Müllverbrennungsanlagen hat die Genehmigung, Sondermüll zu verbrennen. Vielen ist es rein technisch nicht möglich. Für die, die es können, ist der Aufwand enorm. „Styropor hat einen sehr hohen Heizwert und schmilzt, wenn es verbrannt wird. Der Styropor müllt den Betreibern die Anlagen zu. Das schlägt sich im Preis nieder – oder sie nehmen sie gar nicht erst an“, sagt Philipp Saar, Unternehmenssprecher der Suez GmbH, einem der größten deutschen Müllentsorgungsunternehmen mit Betrieben in Karlsbad und Knittlingen. „Die Entsorgungsunternehmen stellen uns erst gar keine Container mehr – und wenn doch, sind die Preise horrend“, beschwert sich Kistenberger. Der Entsorgungspreis für eine Tonne Styropor ist von rund 200 Euro auf bis 6 000 Euro gestiegen. Auf die Frage, ob Suez einem Dachdecker, der HBCD-Styropor loswerden möchte, einen Container zur Verfügung stelle, sagt Saar: „Da finden wir eine Lösung.“

Das ist der blanke Hohn

Das Umweltministerium von Baden-Württemberg reagierte mit einem Erlass auf den Entsorgungsnotstand. Die Behörde wies darauf hin, dass Styropor dann mit dem Baumischabfall entsorgt werden dürfe, wenn der Anteil der Dämmplatten die Grenze von 0,5 Kubikmeter pro Tonne nicht übersteige. Das hilft zumindest den Baubetrieben ein wenig. „Da wir meistens Mischmüll haben, hat sich Lage bei uns etwas entspannt“, sagt Gerhardt Rudolph, Obermeister der Bauinnung Karlsruhe-Bruchsal. Die Dachdecker allerdings fühlen sich alleine gelassen. Die Aussage von Umweltminister Franz Untersteller, mit der Regelung werde man sowohl Umweltschutz als auch Handwerkern gerecht, bezeichnet Kistenberger als „blanken Hohn“. „Das hilft uns überhaupt nicht“, sagt der Innungsmeister. „Bei den meisten Dachsanierungen fällt ein wesentlich größerer Anteil HBCD-belasteter Abfälle an.“

Umweltminister wollen zurückrudern

Für diese sogenannten Monochargen aber ist zwei Monate nach Inkrafttreten der Verordnung zumindest keine schnelle Lösung in Sicht. Die Umweltministerkonferenz, die am vorigen Freitag tagte, kam zu keinem Ergebnis. Der Vorschlag Sachsens und des Saarlandes, die Einstufung als Sondermüll rückgängig zu machen, fand nicht die notwendige Einstimmigkeit. Jetzt wollen einige Länder einen Rückstufungsantrag in den Bundesrat einbringen. Dieser tagt am 16. Dezember. Außerdem hat das Bundesumweltministerium angekündigt, in der darauffolgenden Woche einen Kabinettsbeschluss zur Unterstützung der Initiative durch die Bundesregierung herbeizuführen. „Die Verordnung wieder aufzuheben, ist das einzige, das uns hilft“, sagt Kistenberger.

Hexabromcyclododecan
Hexabromcyclododecan (HBCD) ist ein Flammschutzmittel, das vorwiegend in isolierendem Styropor vorkommt. Weil sich das sehr langlebige Gift bei Auswaschungen in Organismen anreichert und die Fortpflanzung schädigt, wird es seit 2013 als schwer abbaubarer, organischer Schadstoff geführt. Durch die Luft gelangte es sogar in sehr entlegene Gebiete.
Seit 2014 ist die Produktion von HBCD verboten. Seitdem werden Dämmplatten mit einer unbedenklichen Alternative versehen. Nach Angaben des Umweltbundesamtes wird HBCD beim Verbrennen zerstört. Wer in einem Haus mit HBCD-haltigen Dämmplatten wohnt, müsse bei fachgerechter Anwendung keine Sorge um seine Gesundheit haben.