Eine Geschäftsfrau telefoniert, während sie am Computer arbeitet. In der Verwaltung arbeiten im Landkreis Karlsruhe viele Frauen, jedoch wenige in Führungspositionen.
Eine Geschäftsfrau telefoniert, während sie am Computer arbeitet. In der Verwaltung arbeiten im Landkreis Karlsruhe viele Frauen, jedoch wenige in Führungspositionen. | Foto: dpa

Gleichbehandlung im Landkreis

„Wer am besten geeignet ist, bekommt den Job“

Im Jahr 2006 wurde das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verabschiedet. Es soll auch vor Diskriminierung wegen einer Behinderung, der ethnischen Herkunft, oder der sexuellen Orientierung schützen. Es zeigt sowohl die Pflichten des Arbeitgebers, als auch die Rechte des Arbeitnehmers auf. Das Landratsamt Karlsruhe erfüllte in Sachen Gleichbehandlung eine Vorreiterfunktion. Astrid Stolz, Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt Karlsruhe und Ulrich Max, Leiter des Personal- und Organisationsamtes, ziehen im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Patric Kastner Bilanz.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Landratsamtes Karlsruhe Astrid Stolz und Ulrich Max Amtsleiter des Personal- und Organisationsamtes im Interview mit den BNN.
Die Gleichstellungsbeauftragte des Landratsamtes Karlsruhe Astrid Stolz und Ulrich Max Amtsleiter des Personal- und Organisationsamtes im Interview mit den BNN. | Foto: Gustavo Alabiso

Was hat sich durch das Allgemeine Gleichstellungsgesetz verändert?

Max: Sicherlich hat sich viel in der Wahrnehmung und in der Gesellschaft verändert. Im öffentlichen Dienst waren die Themen, die im Gesetz erfasst worden sind, schon immer selbstverständlicher. Wir haben einen deutlich höheren Frauenanteil in der allgemeinen Verwaltung und etliche Beschäftigte mit Migrationshintergrund. Wir erfüllen die Behindertenquoten schon seit Jahrzehnten, auch wenn es immer schwieriger wird, weil der Arbeitsdruck im öffentlichen Dienst längst vergleichbar zu dem in der Wirtschaft geworden ist.

Wäre dieses Gesetz dann überhaupt nötig gewesen?

Max: An der gesetzlichen Situation können wir nichts ändern. Ich kann nur sagen, dass aus Sicht des Landratsamtes Karlsruhe wesentliche Teile auch ohne gesetzliche Verpflichtung umgesetzt werden.

Wo besteht bei dem Gesetz noch Verbesserungsbedarf?

Max: Es muss an der praktischen Ausgestaltung gearbeitet werden. In wenigen Fällen werden die gesetzlichen Grundlagen auch unverhältnismäßig ausgenutzt. So kann es nicht sein, dass bereits beim geringsten Diskriminierungsverdacht ein Klageanspruch entsteht.

Frau Stolz, welche Qualifikation muss eine Gleichstellungsbeauftragte mitbringen?

Stolz: Als Gleichstellungsbeauftragte ist es wichtig, wenn man über den Tellerrand hinausblicken kann. Seit Ende 2008 bin ich in dieser Funktion. Dadurch, dass ich in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn in verschiedenen Ämtern des Hauses eingesetzt war, weiß ich, wie dort gearbeitet wird und welche Schwerpunkte es gibt. Man muss auch gut zuhören und gut mit anderen Stellen zusammenarbeiten können.

Vier Städte im Landkreis haben Gleichstellungsbeauftragte – Ettlingen, Rheinstetten, Bruchsal und Waghäusel. Tauschen Sie sich gegenseitig aus?

Stolz: Ja. Wir treffen uns mindestens zwei Mal im Jahr und besprechen verschiedene Themen. Wir haben auch gemeinsame Projekte – in der Verwaltung ist man als Gleichstellungsbeauftragte ja auch ein Stück weit Einzelkämpferin – und für bestimmte Themen ist es von Vorteil, wenn man zusammenarbeitet.

Wo arbeiten sie zusammen?

Stolz: Eine enge Zusammenarbeit haben wir beim Thema häusliche Gewalt. 2010 haben wir das Netzwerk „Kommunalpolitik für Frauen im Landkreis Karlsruhe“ gegründet – mindestens einmal im Jahr findet ein Treffen der Kommunalpolitikerinnen des Landkreises statt. In den verschiedenen Gremien ist der Frauenanteil noch nicht sehr ausgeprägt. Daran müssen wir arbeiten.

Der Tätigkeitsbericht der Gleichstellungsbeauftragten legt dar, dass viele Frauen in der Verwaltung arbeiten, jedoch wenige bekleiden eine leitende Position. Wie erklären Sie sich das?

Max: Das ist für uns ein Thema, das bewegt. Wir erkennen, dass es für Führungspositionen deutlich weniger weibliche Bewerber gibt. Es kristallisiert sich aber heraus, dass weibliche Bewerber häufig besser sind als ihre männlichen Konkurrenten – übrigens ein Thema das wir gesellschaftlich in Bildung und Ausbildung im Auge behalten sollten. Nicht alle Frauen streben Führungspositionen an. Wir glauben, dass sich Frauen bei Stellenausschreibungen mehr hinterfragen, ob sie der beruflichen Aufgabe und den familiären Verpflichtungen gerecht werden.
Stolz: Frauen sind kritischer gegenüber sich selbst. Sie beziehen die Aufgabenstellung mit ein und wollen alles perfekt machen. Dem versuchen wir entgegenzuwirken und schreiben deshalb ganz bewusst alle Stellen teilbar aus.

Ein Beispiel: Bei einer Bewerbung können sowohl ein Mann als auch eine Frau die gleiche Qualifikation vorweisen. Wer bekommt den Job?

Max: Qualifikation ist nur ein Maßstab. Wir legen viel Wert auf Methodenkompetenzen. Wir treffen immer in Abstimmung mit der Gleichstellungsbeauftragten unsere Entscheidung. Für uns spielt das Geschlecht da überhaupt keine Rolle. Wer am besten für die Position geeignet ist, bekommt den Job.

Frauen in Führungspositionen. Wie sieht es denn mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus?

Max: Wir versuchen ganz klar, dort Möglichkeiten zu generieren. Das Landratsamt ist seit 2013 dafür speziell zertifiziert. Wir dürfen auch 2017 wieder das Siegel für Vereinbarkeit von Beruf und Familie tragen. Hierbei setzen wir auf Maßnahmen wie Teilzeit, Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeitgestaltung oder auch auf unser zertifiziertes Gesundheitsmanagement.

Böse Zungen behaupten, das AGG wäre ein Bevorzugungsgesetz….

Stolz: Ich bin bei sehr vielen Vorstellungsgesprächen dabei gewesen – dieses Klischee kann ich nicht bestätigen.
Max: Den Vorwurf hört man immer wieder, dass Frauen bevorzugt werden, aber in unserer Wahrnehmung ist das weder intern noch extern zutreffend.