Ein Rettungswagen fährt zu einem Einsatz. Foto: Carsten Rehder/Archiv
Ein Rettungswagen fährt zu einem Einsatz. Foto: Carsten Rehder/Archiv

Helfer mit Problemen

Wird der Rettungsdienst im Landkreis zum Ernstfall?

Viele Einsätze, wenig Personal, die Ausbildung von Notfallsanitätern und die Kostendeckung – das sind die Probleme, mit denen der Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes im Landkreis kämpft. Mit rund 1250 Quadratkilometern ist er der größte Rettungsdienstbereich im Bundesland.

Hilfsfrist oder Rettungskette?

Ein Thema sind die Hilfsfristen: Damit ist die Zeit vom Eingang des Notrufs bis zum Eintreffen der Helfer am Einsatzort definiert. Die Frist wurde vom Gesetzgeber in Baden-Württemberg im Rettungsdienstgesetz auf zehn, maximal 15 Minuten festgelegt, die in 95 Prozent der Fälle eingehalten werden muss. 2011 erreichte die Quote im Landkreis Karlsruhe mit 95,5 Prozent beim ersteintreffenden Fahrzeug, Rettungswagen oder Notarzteinsatzfahrzeug noch die Norm. Damals sprach der ehemalige SPD-Innenminister Reinhold Gall von den Hilfsfristen im Landkreis Karlsruhe als „Beispiel gebend“.
Und nun? „Die Fristen könnten besser sein“, stellt Jörg Biermann, Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, fest. Im Jahr 2014 lag die Quote laut der Studie der Stelle zur trägerübergreifenden Qualitätssicherung im Rettungsdienst Baden-Württemberg noch bei 93,3 Prozent. Vergangenes Jahr ging sie auf 90,7 Prozent beim Erreichen der 15-Minuten-Frist herunter. Aber, so Josef Wirth-Schäfer, Leiter der Rettungsdienste im Landkreis, die Helfer seien bei diesen gut 90 Prozent in unter zehn Minuten am Einsatzort. Bei einem Notfall treffe man in maximal neuneinhalb Minuten am Ort ein. Der Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes in Baden-Württemberg, Udo Bangerter, zeichnet ein ähnliches Bild. „Die Situation der Rettungsdienste in Baden-Württemberg ist besser als andernorts“, sagt er. Es gebe kein anderes Bundesland, in dem die Transparenz in punkto Rettungsdienste so hoch sei. „Es heißt aber nicht, dass wir unsere Hausaufgaben nicht machen müssen“, betont er. Baden-Württemberg sei besser als der bundesweite Schnitt – der liege nämlich bei 16,9 Minuten.
Die Hilfsfristen seien eine politische Größe, vielmehr müsste man die komplette Rettungskette betrachten, also vom Eingang des Notrufs bis zur Versorgung des Patienten im Krankenhaus – eine Sache, der auch Biermann und Wirth-Schäfer zustimmen. Der Weg zur Rettung eines Patienten ende nicht beim Abliefern in der Notaufnahme. Wirth-Schäfer und Biermann sehen den Gesetzgeber in der Pflicht. Die Missstände wollen sie zusammen mit dem Kreisverbandsvorsitzenden Heribert Rech in Stuttgart anprangern.

Einsätze

„Es gibt deutlich mehr Einsätze“, sagt Josef Wirth-Schäfer. Ein Trend, der sich bundesweit abzeichne, betont Bangerter. Innerhalb von zehn Jahren habe sich die Zahl der Einsätze im Landkreis Karlsruhe von 70 000 auf rund 150 000 mehr als verdoppelt. Allerdings habe sich der Fuhrpark der Helfer nicht besonders verbessert. Legte ein Gutachten aus dem Jahr 2000 die Rettungsfahrzeuge auf 22 000 Fahrten unter Blaulicht aus, seien es heute 35 000 Fahrten mit Sondersignal. Hinzu kämen noch einmal 70 000 Notfälle ohne Blaulichteinsatz. Nach Angaben des baden-württembergischen Innenministeriums sind die Einsätze im vergangenen Jahr mit Rettungswagen landesweit um 7,8 Prozent gestiegen. Bei Notärzten war es sogar eine Steigerung um 10,8 Prozent.

Material

„Wir haben die Fahrzeuge länger auf der Straße, aber wir bräuchten eigentlich mehr Fahrzeuge auf der Straße“, sagt Biermann. Im Bereichsausschuss, in dem die Vertreter der Rettungsdienste, Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), Malteser-Hilfsdienst (MHD) und der private Anbieter Promedic mit Vertretern von Krankenkassen tagen, wurde eine Steigerung der Einsatzzeit von acht Notarzteinsatzfahrzeugen und 25 Rettungswagen vereinbart. Laut Udo Bangerter sind durch Neuanschaffungen und sogenannte Vorhaltungserweiterungen im Jahr 2015 in der Hochrechnung rund 25 Fahrzeuge und 250 Personen hinzugekommen. Eine andere Frage werde sein, qualifiziertes Personal für die Einsatzwagen zu bekommen.

Personal

Rund 300 Helfer arbeiten im Stadt- und Landkreis Karlsruhe. Allerdings gibt es bei DRK, MHD und ASB 45 hauptamtliche Planstellen, die zurzeit nicht besetzt werden können. An Attraktivität mangele es den Rettungsdienstberufen nicht, erklärt Kreisgeschäftsführer Jörg Biermann, allerdings seien die Arbeitswoche mit 43,5 Stunden und die Bezahlung ein Hindernis.

Notfallsanitäter

Im Jahr 2020 soll auf jedem Rettungswagen ein Notfallsanitäter mitfahren. Der neue Beruf soll den bisherigen Rettungsassistenten ersetzen. Die Ausbildung dauert drei Jahre, im Vergleich dazu dauerte die Ausbildung zum Rettungsassistenten zwei Jahre. „Ein komplettes Berufsbild wurde weggekippt“, beklagt Biermann. Wirth-Schäfer ist skeptisch, dass die Umstellung bis zum Jahr 2020 klappt. „Wir rauschen auf einen personellen Engpass zu“, sagt auch Udo Bangerter. Die Ausbildung der Rettungsassistenten sei weggefallen – gleichzeitig hätten aber nur 39 Personen im ersten Jahr eine Ausbildung zum Notfallsanitäter begonnen. 2015 waren es etwa 160. „Viel zu wenig im Vergleich zu den 300 bis 400 Rettungsassistenten, die wir jedes Jahr hatten“, sagt er. Die vorhandenen Rettungsassistenten müssten weitergebildet werden und haben eine Fortbildungsdauer von sechs Monaten. „Wir haben 1 500 bis 2 000 Rettungsassistenten, die wir weiterbilden müssen und die vom laufenden Betrieb dann freigestellt werden müssen“, erklärt er. Ab kommendem Jahr sollen in Baden-Württemberg Notfallsanitäter an acht Standorten ausgebildet werden.