Jutta Häuser-Hartung
Sie schlüpfte in alle erdenklichen Rollen: Schauspielerin Jutta Häuser-Hartung gestaltete mehr als 30 Jahre lang die „Märchenstunde“ in der Stadtbibliothek. | Foto: BNN

Jutta Häuser-Hartung hört auf

Letztes Märchenstündlein für Rastatt hat geschlagen

Von Martina Holbein

Ein verwunschener König, ein wilder Mann im Wald, ein tiefes Wasserloch, ein Königssohn, der nach vielen Abenteuern eine Prinzessin heiratet – das alles gibt es im Märchen „Eisenhans“, der wegen seiner rostigen Hautfarbe so heißt. Und es ist das Lieblingsmärchen von Jutta Häuser-Hartung.
Häuser-Hartung und Märchen, das gehört untrennbar zusammen, zumindest für Rastatter Kinder, die regelmäßig die Märchenstunde in der Stadtbibliothek besucht haben und besuchen. Seit inzwischen 31 Jahren gibt es dieses monatliche Angebot, seit den Anfängen der Stadtbibliothek Rastatt und mittlerweile sind auch schon die Kinder ihrer allerersten Zuhörer wieder aus dem Alter herausgewachsen, in dem man zu „Großmutters Märchenstunde“ ging. So hieß die Märchen-Erzählstunde nämlich auch schon. „Es ist Zeit, dass ich aufhöre“, sagt die 86-jährige Jutta Häuser-Hartung. „Es hängt an einer solchen Stunde doch viel“, sagt sie. „Ich bereite mich vor, denn jedes Märchen ist neu, die Atmosphäre ist immer wieder eine andere, die Kinder auch“. 31 Jahre sind eine lange Zeit, die ihr nie lang geworden ist. „Ich habe immer gerne mit Kindern gearbeitet, für Kinder gespielt, schon als junge Schauspielerin in Frankfurt an der Oder oder in Rostock, gleich nach Kriegsende“, sagt Häuser-Hartung, und dass sie sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hat. „Ich hatte nie Probleme mit den Kindern, auch wenn sie unruhiger sind als vor 30 Jahren“.

Kinder hingen stets an ihren Lippen

Die Märchen fesseln, ziehen auf eine ganz subtile Weise mit ihren Botschaften die Kinder in ihren Bann. Das hat sie oft erlebt, und das ist für sie selbst immens wichtig. „Das sind nicht nur einfache Erzählungen, dahinter verbergen sich tiefe Einsichten in das Leben und Weisheiten über das Leben“. Die seien so essenziell, dass sie von Generation zu Generation weitererzählt werden müssen. Für sie war es eine Lebensaufgabe, die in ihr schon sehr früh angelegt war. „Wenn mein Großvater mir ’Eisenhans’ erzählte, dann habe ich nur noch gelauscht“. Und diese Faszination hat angehalten und wurde so stark, dass sie diese weitergab. An all die Kinder, die ihrer Stimme lauschten, wie sie sich in eine Prinzessin, in die Hexe oder einen König verwandelte. Sie las nicht vor, erzählte frei, ganz in der Tradition der frühen Sänger, als Lesen und Schreiben können nur wenigen vorbehalten war. In den Volksmärchen wurde und wird die Kultur eines Volkes weitergegeben, Regeln für ein gutes Zusammenleben, ethische und moralische Werte. Sie sind in symbolische Bilder gekleidet, zu denen Kinder intuitiv Zugang haben. Deshalb gehörte es zu Häuser-Hartungs Märchenstunde auch dazu, dass zum Abschluss gemalt wurde.

„Märchen wird es weiterhin geben“

Ihre Ausbildung und ihr Können als Schauspielerin und Regisseurin, die sie in Produktionen in der Rastatter Fruchthalle, am Theater Baden-Baden oder in Ettlingen entfalten konnte, trugen zu dieser Präsenz bei, die Kinder fesselt: Mimik, Gestik, die gesamte Körpersprache strahlten Vertrauen aus, wurden eins mit dem, was sie erzählte. So verloren auch schüchterne Kinder ihre Hemmungen, wie Birgit Stellmach, Kinderbibliothekarin an der Stadtbibliothek, mehr als einmal erstaunt feststellte. Sie habe erlebt, wie wildfremde Kinder bei ihr auf den Schoss geklettert sind, um näher beim Erzählen zu sein. „Mit Jutta Häuser-Hartung geht eine Institution, sie lässt sich nicht ersetzen“, so Stellmach. Die monatliche „Märchenstunde“ wird es deshalb in der Form auch nicht mehr geben. „Märchen wird es weiterhin geben, das ist mir wichtig“, so Stellmach, „aber in einem anderen Gewand“. Wie, das weiß sie noch nicht.

Service

Die letzte Märchenstunde findet am Freitag, 25. November, um 15 Uhr in der Stadtbibliothek Rastatt statt.