Mit dem Schaudepot auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein haben Herzog & de Meuron den puristischen Archetyp eines Hauses geschaffen.
Mit dem Schaudepot auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein haben Herzog & de Meuron den puristischen Archetyp eines Hauses geschaffen. | Foto: Ulrich Coenen

Schaudepot auf dem Vitracampus

Leuchtend roter Archetyp eines Hauses

Sie stehen für die große Geste. In der breiten Öffentlichkeit sind Jacques Herzog und Pierre de Meuron für spektakuläre Solitäre wie die Allianz-Arena in München oder die Elbphilharmonie in Hamburg bekannt. Am Oberrhein wurden in den vergangenen Monaten gleich zwei Museumsbauten der Basler Architekten eröffnet, die sich mit ihren einfachen, geradezu archaischen Formen subtil in ihr städtebauliches Umfeld einfügen. Nach dem Museum Unterlinden in Colmar im Januar folgte jetzt das Schaudepot auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein.

Wie eine Piazza erscheint der Platz vor dem Schaudepot. Das Foto zeigt den Blick vom Café zu Zaha Hadis Feuerwehrhaus.
Wie eine Piazza erscheint der Platz vor dem Schaudepot. Das Foto zeigt den Blick vom Café zu Zaha Hadis Feuerwehrhaus. | Foto: Ulrich Coenen

Im Elsass haben Herzog & de Meuron einen Baukörper geschaffen, der an ein gotisches Kirchenschiff erinnert und sich in die pittoreske Altstadt schmiegt. Der Vitra-Campus, den der Schweizer Möbelhersteller nach einem Großbrand ab 1981 mit Fabrik- und Ausstellungsbauten weltberühmter Architekten auf der Basis eines Masterplans von Nicholas Grimshaw neu gestaltet hat, stellt eine völlig andere Herausforderung dar. Das große Firmengelände dient gleichermaßen der Produktion und der stolzen Selbstdarstellung des Familienunternehmens und ist dank einer ganzen Reihe zeitgenössischer Architekturikonen mit rund 350.000 Besuchern pro Jahr ein Touristenmagnet in Südbaden.

Café des Schaudepots auf dem Vitracampus
Café des Schaudepots auf dem Vitracampus | Foto: Ulrich Coenen

Ein halbes Dutzend der Architekten, die bisher auf dem Vitra-Campus gebaut haben, wurde mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet, der als Nobelpreis der Architektur gilt. Der US-amerikanische Architekt Philip Johnson hat mit Recht darauf hingewiesen, dass seit der Stuttgarter Weißenhofsiedlung in den späten 1920er Jahren kein vergleichbares Architekturensemble mehr entstanden ist. Die wohl bekanntesten Beispiele in Weil am Rhein gehören dem Dekonstruktivismus an: das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid (1993) und das Vitra Design Museum von Frank Gehry (1989). Dieses bekam mit dem Schaudepot am anderen Ende des Werksgeländes nun einen erheblichen Zugewinn an Ausstellungsfläche. Während im Gehry-Bau wechselnden Ausstellungen gezeigt werden, können die Besucher im Schaudepot mehr als 400 Möbel aus der Zeit zwischen 1800 und heute sehen. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Vitra-Sammlung, die mit 7000 Möbeln, 1300 Leuchten und Nachlässen bedeutender Künstler zu den wichtigsten ihrer Art weltweit gehört.

Das Schaudepot ist nach dem 2010 eröffneten Vitra-Haus, in dem der Hersteller seine aktuelle Kollektion präsentiert, bereits das zweite Werk von Herzog & de Meuron auf dem Campus. Wie Bauklötze haben die Architekten im Vitra-Haus zwölf Giebelhäuser mehr als 21 Meter hoch gestapelt. Die Schwerkraft scheint in dieser riesigen Skulptur aufgehoben.

Der Kontrast zum neuen Schaudepot an der anderen Seite des Campus könnte größer nicht sein. Dort erhebt sich der puristische Archetyp eines Hauses, das nur aus leuchtendroten fensterlosen Ziegelwänden und einem flachen Satteldach besteht, auf einer ebenfalls aus Ziegeln bestehenden Plattform. Dieser erhöhte Vorplatz wird durch den niedrigen Seitentrakt für die Gastronomie zu einer Piazza, die das gegenüber liegende Feuerwehrhaus von Zaha Hadid geschickt einbezieht. Dessen kristalliner, geradezu dynamischer Beton bildet in der strahlenden Sonne gemeinsam mit der archaischen, in sich ruhenden Giebelwand des Schaudepots eine Theaterkulisse für die Gäste, die auf der Terrasse ihren Cappuccino genießen.

In hohen Regalen werden Sitzmöbel aus zwei Jahrhunderten präsentiert.
In hohen Regalen werden Sitzmöbel aus zwei Jahrhunderten präsentiert. | Foto: Ulrich Coenen

Der Besucher betritt das Schaudepot an der Schmalseite durch eine hohe Tür und gelangt in eine andere Welt. Das Museum besteht nur aus einem einzigen Raum mit offenen Dachstuhl. Die Wände sind weiß, der Boden hellgrau, von der Decke spenden Leuchtstoffröhren gleichförmiges Licht. Nichts lenkt den Besucher von den Exponaten ab. In hohen Regalen werden auf drei Ebenen hauptsächlich Stühle aus zwei Jahrhunderten präsentiert. Die weit entfernten Möbel hoch über den Köpfen erschließen sich dem Besucher nur schwer. Dass der Neubau Lager und Museum gleichzeitig sein will, verdeutlicht der Wandaufbruch an der rechten Seite, der einen Blick in die „Unterwelt“ des Schaudepots erlaubt. Dort lagern hinter Glastüren tausende weitere Designklassiker.

Es ist sicher kein Zufall, dass die Außenwände des Schaudepots aus handgebrochenen Ziegeln bestehen, die denen des Museums in Colmar ähneln.  Hier wie dort nimmt das Material Bezug auf die unmittelbare Nachbarschaft. In Colmar ist es die Altstadt, in Weil am Rhein die 1994 fertig gestellte Produktionshalle von Alvaro Siza mit ihren charakteristischen Ziegelwänden. Die beiden neuen Werke von Herzog & de Meuron suchen eindrucksvoll den Dialog mit ihrer Umgebung.