Im Bunker in Neuweier traf der junge Leutnant Martin Graßnick Ende 1944 den Reichsführer SS Heinrich Himmler.
Im Bunker in Neuweier traf der junge Leutnant Martin Graßnick Ende 1944 den Reichsführer SS Heinrich Himmler. | Foto: Wilfried Lienhard

Kriegsende in Mittelbaden

Martin Graßnick: „Diesen Blick habe ich nicht vergessen“

„Diesen Blick habe ich bis heute nicht vergessen!“ Obwohl Martin Graßnick inzwischen 99 Jahre alt ist, sind seine Erinnerungen an seine einzige Begegnung mit Heinrich Himmler und die Endphase des Zweiten Weltkriegs am Oberrhein frisch geblieben. Den Reichsführer SS, eine der dunkelsten Gestalten des Nazi-Regimes, traf der damalige Leutnant im Spätjahr 1944 in der Unterwelt des Bunkers im heutigen Baden-Badener Stadtteil Neuweier.

Großmutter war Jüdin

„Er glotzte mich durch seine scharfe Brille an“, sagt Graßnick, der als emeritierter Professor für Baugeschichte und Denkmalpflege der Technischen Universität Kaiserslautern heute im Parkstift Hahnhof in Baden-Baden lebt. Es war für den gebürtigen Mainzer einer der unangenehmsten Augenblicke in den gefährlichen Kriegsjahren. Immerhin hatte er eine jüdische Großmutter, sein Vater war deswegen als Baubeamter entlassen worden und der junge Architekt konnte nur Offizier werden, weil es gelungen war, seine „nichtarische“ Herkunft zu verschleiern.

Ausbildung als Pionieroffizier

Graßnick war 1940 eingezogen und als Pionier ausgebildet worden. Als die Front im Westen 1944 immer näher rückte, war er bei Kunheim im Südelsass stationiert. Er erhielt das Kommando über eine 300 Mann starke schwere Panzerbrückenabteilung und organisierte den Rheinübergang für die aus Frankreich zurückströmenden Truppen. Gegen Ende des Jahres 1944 lag Graßnicks Einheit bei Memprechtshofen (heute Stadtteil von Rheinau). „Wir erhielten einen Funkspruch, dass ich mich für neue Befehle in der Nähe von Baden-Baden melden solle“, erzählt er im Gespräch mit dieser Zeitung. In seinen Kriegserinnerungen, die er in Form einer Broschüre für seine Freunde und Bekannten verfasst hat, spricht Graßnik von einem Bunkergewirr. In Neuweier angekommen, führte ihn ein SS-Offizier durch lange Gänge und Mannschaftsräume in die Unterwelt, bis sie einen kleinen unmöblierten Raum erreichten.

Begegnung mit Himmler

Dort standen bereits zwei Majore der Wehrmacht. „Ich machte mein Männeken und wartete gemeinsam mit ihnen“, berichtet Graßnick. Schließlich öffnete sich die Tür und ein weiterer SS-Offizier erschien. „Gleich kommt der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Oberrhein“, verkündete er und verschwand. Als sich die Tür wenig später erneut auftat, stand Himmler vor Graßnick und den beiden Majoren. „Heil Hitler!“ grüßte er, um sich sofort an den jungen Leutnant zu wenden. „Er kannte meinen Namen“, sagt Graßnick, der darüber heute noch überrascht ist.

Martin Graßnick
Martin Graßnick | Foto: Ulrich Coenen

„Leutnant Graßnick, mit ihnen steht und fällt meine Absicht, die Amerikaner wieder in den Atlantik zu werfen“, erklärte der Reichsführer SS großspurig. Diese Aussage war für den kriegserfahrenen Leutnant unbegreiflich. „Vor mir stand ein Mann, der keine Ahnung vom Militär hatte, dem es aber gelungen war, eine Heeresgruppe Oberrhein mit sehr guten Divisionen zusammenzuraffen“, konstatiert er. Himmler erklärte ihm: „Sie müssen meine schweren Panzer über den Rhein bringen!“ Ohne diesen Auftrag gab es für den im Grunde aussichtslosen Gegenangriff überhaupt keine Chance.

Panzer über den Rhein

Himmler bezog sich in seinem Befehl auf die „Jagdtiger“. Das waren 78 Tonnen schwere Panzer, übrigens die größten, die weltweit jemals gebaut wurden. Zwölf dieser Monsterfahrzeuge sollte Graßnick mit seiner Einheit für die Offensive über den Rhein setzen.

Angriff bei eisiger Kälte

Am 17. Januar 1945 bei 17 Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt begann die aussichtslose Aktion. Graßnicks Einheit baute bei Memprechtshofen eine Rheinfähre auf. Die Soldaten montierten an beiden Ufern des Flusses große Landeböcke und bauten aus mehreren Pontons eine motorbetriebene Fähre, um die Panzer überzusetzen. „Die Amerikaner hatten sich wegen der eisigen Kälte vom Rhein in die umliegenden Dörfer zurückgezogen, so dass wir zunächst unbemerkt blieben“, erinnert sich Graßnick.

Jagdtiger waren zu schwer

Ein Oberst der Wehrmacht kommandierte die Panzereinheit. Weil die Fähre für das extrem hohe Gewicht des Panzers nicht ausgelegt war, empfahl der junge Leutnant ihm, alle Fahrzeuge ausschließlich durch seinen besten Fahrer auf die Fähre steuern zu lassen. „Ich habe nur gute Fahrer“, brüllte der Stabsoffizier. Diese Fehleinschätzung sollte sich als folgenreich erweisen.
„Der Feldwebel, der den ersten Jagdtiger steuerte, war sehr geschickt“, berichtet Graßnick. „Obwohl das gewaltige Fahrzeug die Fähre leicht unter Wasser drückte, gelang es ihm, den Panzer mit äußerster Vorsicht und sehr langsam auf den fünf Zentimeter höher liegenden Landebock zu steuern.“ Der zweite Panzerfahrer, der übergesetzt werden sollte, war weit weniger begabt. Er fuhr viel zu schnell auf den Landebock, das 18 Meter lange Stahlungetüm stellte sich vor dem Jagdtiger senkrecht auf. Damit war der schnelle Rheinübergang erst einmal gescheitert. „Wir benötigten 17 Stunden für die Reparatur“, erinnert sich Graßnick.

Größenwahnsinnige Offensive

Himmlers größenwahnsinnige Offensive dauerte lediglich vier Tage. „Dann gab es einen Einbruch an der Ostfront und gleich mehrere Divisionen wurden am Oberrhein abgezogen“, sagte Graßnick. Zuvor war der Leutnant zweimal einem Kriegsgericht nur knapp entgangen.

Einmal hatte er sich geweigert, einen SS-Gruppenführer mit seinem Fahrer über den Rhein zu setzen. Befehlsgemäß sollte er mit seiner Fähre Treibstoff sparen. Für die Überfahrt von kleinen Fahrzeugen waren andere Fähren zuständig, die weniger Diesel verbrauchten. Der SS-Gruppenführer war verärgert und beschwerte sich bei Himmler. Graßnicks kommandierender General Geiger konnte das drohende Kriegsgericht und das sichere Todesurteil abwenden.

Widerspruch gegen Himmlers Befehl

Dann sollte Graßnick im Nebel mit seiner Fähre Munition über den Rhein bringen und weigerte sich erneut. „Sagen Sie Herrn Himmler, er soll kommen und den Nebel wegblasen“, erklärte er dem SS-Offizier, der den Transport begleitete. Der erstattete umgehend Meldung bei Himmler. Erneut musste Geiger eingreifen. „Natürlich kann man bei Nebel nicht über Wasser fahren“, meinte der.
Der Krieg ging weiter. Graßnicks Einheit zog sich vom Rhein immer weiter nach Osten zurück. Zuletzt waren von seinen 300 Soldaten, nur noch 50 am Leben. Dann endete der Irrsinn mit der deutschen Kapitulation.

Über Martin Graßnicks Leben ist in den BNN ebenfalls online ein Porträt erschienen.