In schwindelnden Höhen erstreckt sich der Klettersteig am Dachstein
In schwindelnden Höhen erstreckt sich der Klettersteig am Dachstein | Foto: Dachstein Tourismus

Als Anfänger im Klettersteig

Nerven an Drahtseilen

Der Walter! Mei, was der net schon alles g’sehn hat. Chinesen! In Turnschuh’n! Am Gipfel! „Da muas ma si fei net wundern“, murmelt er und kraxelt munter voran. Die Schäflein im Schlepp folgen. Ab und zu wirft eines mal einen ängstlichen Blick zurück. Zurück – das heißt in diesem Fall nach unten. Ganz steil nach unten. An die 1 000 Meter mindestens müssen es von hier zum Parkplatz unten am Ramsaubach sein. Da unten war die Welt für die Klettersteig-Anfänger vor ein paar Minuten noch ganz in Ordnung.
1 000 Meter sind natürlich hemmungslos übertrieben. Allerhöchstens zehn Höhenmeter haben die Klettersteignovizen in den vergangenen zehn Minuten überwunden. Aber wer erst mal im Berg hängt, der kann – zumal als eingefleischter Flachlandtiroler – die Höhe schlecht einschätzen. Ob zehn, hundert oder tausend Meter ist letztlich auch wurschd, wenn man mal fällt.

Der Rosina-Klettersteig bei Ramsau
Ganz weit oben: Der Rosina-Klettersteig bei Ramsau | Foto: TVB Ramsau

Aber keine Sorgen: Fallen tut am Anfänger-Klettersteig im Sattelberg in der Ramsau (Österreich) natürlich keiner. Dafür sorgt das Drahtseil, in dem die Kraxler zu jeder Zeit sicher eingehängt sind – und natürlich Bergführer Walter. G’schichten hat der Mann schon erlebt! Die Anekdoten, die der Mittfünfziger drauf hat und sein höchst charmanter österreichischer Schmäh würden locker ausreichen, um jeden in seiner Seilschaft den K2 hinauf zu quatschen.

Ab ins Klettergeschirr

Aber zu den 8 000ern geht es – wenn überhaupt – erst gegen Ende dieser Geschichte. Und auch nur vielleicht. Denn noch steckt die Anfängergruppe seit gerade mal 15 Minuten im Hüftgurt und wer weiß, was noch alles kommt. Walter weiß das. Die Nerven sind bei den meisten das Problem und deshalb versucht der gebürtige Ramsauer, die Greenhörner aus der Stadt mit seinen Anekdoten vom Grübeln abzuhalten. Das klappt mal gut, mal weniger gut. Während die schöne Nadja schon gar nicht mehr zuhört und sich stattdessen zum Selfie-Schießen freihändig und lachend, weit vom Berg weg in ihr Klettergeschirr lehnt, schaffen es Utes angstverkrampfte Hände kaum, den Karabinerhaken zu lösen, um ihn ein Stückchen weiter vorne wieder einzuhaken. Michael, der sich beim Blick auf den Kala-Jugendklettersteig eben auf dem Parkplatz noch die größten Sorgen machte, nimmt Walters Gesprächsangebot dankend an. Er lässt sich ablenken, lacht, fragt nach und vor allem hakt nach.

Nachhaken ist das A und O

Überhaupt: Nachhaken ist das A und O auf einem Klettersteig. Von zwei an einem Hüftgurt befestigten Leinen mit je einem Karabiner am Ende, hängt die Sicherheit der Bergfreunde ab, denen bloßes Wandern eine Spur zu langweilig und echtes Klettern am nackten Fels eine Nummer zu groß ist. Klettersteige, von denen es in den alpinen Regionen der Welt immer mehr gibt, führen in den meisten Fällen zwar auch in direkter Linie steil nach oben, doch ein im Stein verankertes Stahlseil, in dem der Kletterer zu jeder Zeit eingehakt ist, bietet – bei korrektem Gebrauch – einen einhundertprozentigen Absturzschutz.

Kletterer muss Vertrauen aufbauen

Nur: Dieses Vertrauen muss der unbeleckte Kletterer erst mal aufbauen und deshalb führt Walter seine Anfängergruppen für ein erstes Kennenlernen stets hier zum Jugendklettersteig „Kala“. 100 Höhenmeter trennen das Ende des Steigs vom Einstieg am Parkplatz an der Alten Mühle. Die mittelschwere Strecke gibt einen guten ersten Überblick über die Herausforderungen, die sich später auch auf einem ausgewachsenen Klettersteig auftun können: Steile Felspassagen, eine sogar mit einem ganz leichten Überhang, schmale Querungen und eine kurze Zipline, die über eine gut 40 Meter breite Schlucht führt.
Aller Anfang ist nicht schwer, aber ungewohnt. Allein das Anlegen des Hüftgurts erscheint beim ersten Mal wie eine Geheimwissenschaft. Walter greift seinen Schäflein routiniert unter die Arme und zwischen die Beine. Ruckelt ein bisschen hier und zobbelt ein bisschen da. Ein typisch österreichisches „basst scho’“ schließt den Vorgang ab, dann ist der nächste dran. „Wenn ihr das zwei oder dreimal gemacht habt, könnt ihr das im Schlaf“, versichert er. Doch mit den zwei Sicherungsleinen und ihren schweren Eisenkarabinern am Ende, die nun von der Hüfte auf den Boden baumeln, fühlt man sich erst mal wie ein Strafgefangener, dem gleich noch die Eisenkugel ans Kettengeschirr gehängt wird. Das ändert sich zum Glück schnell und schon nach den ersten Metern, die sie im Drahtseil des Klettersteigs festgemacht sind, wird klar, dass die Leinen den Kraxler eher beflügeln, als ihn zu beschweren.

Steige sind selbsterklärend

So grau wie der Fels rundherum ist jede Theorie und deshalb verzichtet Walter auf pseudo-akademische Anleitungen. Klettersteige und ihre Benutzung sind auf angenehme Weise selbsterklärend. Wer vorankommen will, muss erst den einen Karabiner aus dem Seil aus-, um ihn eine Armlänge weiter vorne wieder einzuhaken. Dann erst wird der zweite Karabiner gelöst. Klar wie Kloßbrühe eigentlich. Der natürliche Selbsterhaltungstrieb übernimmt den Rest und spätestens nach dem ersten Klettersteig am Morgen sind die Novizen angefixt. Am Nachmittag schon wartet die nächste Herausforderung: Der „Hias“ führt die wunderschöne Silberklammschlucht hoch. Der Weg wird anspruchsvoller, bleibt aber zu bewältigen, auch wenn er einen kurzen D-Abschnitt beinhaltet. Die zum Glück seltene Schwierigkeitsstufe E ist beim Klettersteiggehen das, was beim Skifahren der schwarze Abfahrt entspricht. Kann man machen, muss man aber nicht.

Bereit für die Königsetappe

Nach „Kala“ und „Hias“ sind Walters Schäflein am nächsten Morgen bereit für die Königsetappe. Das Gipfelkreuz am Dachstein lockt in 2 995 Metern Höhe. Von der Bergstation der Gondel führen die Klettersteige „Randkluft“ und „Schulter“ die letzten 250 Meter hinauf zum Kreuz.
Friedrich Simony, der „Dachstein-Professor“, soll sich ab 1840 dafür eingesetzt haben, dass der angeblich erste Klettersteig der Alpen hier eingerichtet wird. Er wollte „das recht abscheuliche Klettern“ erleichtern und ebnete mit Schiffstau, Steghilfen und eingemeißelten Tritten den finanziell vermögenden, aber klettertechnisch unvermögenden Kurgästen den Weg zum Gipfel.
Gute drei Stunden dauert der Anstieg auf historischer Strecke. Walters Anekdoten und seine ruhige Gelassenheit machen den Schäflein Mut und am zweiten Tag in seiner Obhut ist schon keine Rede mehr von Schwindel oder Angst. Bei Nadja sowieso nicht und auch die gestern noch so nervöse Ute strahlt beim Ausblick vom höchsten Punkt weit und breit.

Wo?

In dieser Geschichte werden die Klettersteige rund um den Dachstein in der Ramsau in Österreich beschrieben. Die Region gilt als das Klettersteig-Eldorado der Alpen und rühmt sich sogar, die Sportart erfunden zu haben. Seit Sommer 2014 können hier 21 verschiedene Klettersteige begangen werden. Klettersteige gibt es inzwischen aber auch an vielen anderen Orten in den Alpen.
Kann das jeder?
Fast. Ein Minimum an körperlicher Fitness kann allerdings nicht schaden. Das Klettern in die Höhe erfordert neben Kondition auch Kraft. Wer läuft und ab und zu ins Fitnessstudio geht, sollte keine Probleme haben.
Was braucht man?
Unbedingt einen Helm und ein Klettersteigset bestehend aus Gurt und Sicherungsseilen (siehe Bild). Trittfeste Wanderschuhe sind ein Muss und Handschuhe helfen bei empfindlichen Handflächen gegen Blasen. Außerdem geben sie ein bisschen mehr Sicherheit beim Griff ins Seil. Ansonsten hängt die Ausrüstung von der Art und Lage des Weges ab. Ein kleiner Rucksack mit Getränk, Snack und Handy reicht aus.
Was kostet das Ganze?
Die Ausrüstung kann man in der Regel ausleihen. In Ramsau kostet das um die 50 Euro pro Tag. Für ein neues Klettersteigset muss man um die 200 Euro investieren. Rund um den Dachstein sind die meisten Klettersteige kostenfrei zu begehen.
Gibt es Kurse?
Mit dem „Gipfelstürmer“ haben Einsteiger die Möglichkeit, die Grundtechniken des Klettersteiggehens mit einem Bergführer zu lernen. Die Kurse werden an verschiedenen Wochentagen von Mitte Juni bis Ende September angeboten und kosten für Erwachsene 35 Euro. Infos beim Tourismusverband.
Kann man auch alleine los?
Wer sich sicher ist und schon ein wenig Klettererfahrung hat, der kann auch alleine losziehen. Bei einem Kurs merkt man als Anfänger ziemlich schnell, was man sich selbst zutrauen kann und was nicht. Auf jeden Fall sollte man auf sein Gefühl hören und sich nicht überfordern.
Ist das was für Kinder?
Für Kleinkinder bis sieben Jahren eher nicht. Die sind im Kletterpark besser aufgehoben. In Ramsau gibt es dann Klettersteigkurse für Kinder ab sieben und Jugendliche ab neun Jahren.
Wo gibt es Infos?
Der Tourismusverband Ramsau am Dachstein informiert über die Klettersteige und die Möglichkeiten, einen Kurs zu besuchen. Entweder auf der Internetseite:
www.ramsau.com
oder telefonisch unter:
(00 43) 36 87/81 83 38
Spaßfaktor:
Fünf Sterne
(aber nur für Schwindelfreie.)