Eine Familie schaut sich  am Strand den Sonnenuntergang an.
Eine Familie schaut sich am Strand den Sonnenuntergang an. | Foto: dpa

Gesellschaftlicher Wandel

Familie wird bunter

Wenn Nadines 70-jährige Mutter Gerda bei ihrer Tochter und den Enkelkindern einspringt, empfindet sie den Blick zurück als die reinste Zeitreise: „Das Familienleben meiner Tochter ist mit meinem eigenen damals überhaupt nicht vergleichbar“, erklärt die Rentnerin. In ihrer Mimik halten sich Freude und Befremden die Waage.
Als Gerda zum ersten Mal schwanger wurde, hängte sie besten Gewissens ihren Bürojob an den Nagel; Ehemann Karl-Heinz, als Ingenieur damals Angestellter bei Bosch, übernahm ganz selbstverständlich den Part des alleinigen Ernährers. Gerda und Karl-Heinz sind immer noch ein Ehepaar. Bei Nadine ist fast alles anders.
Die 36-Jährige war noch nie verheiratet, hat aber mit Clemens zwei gemeinsame Kinder. Nachdem sich die Sozialpädagogin vor fünf Jahren von ihrem Partner getrennt hatte, traf sie Thomas. Der 40-jährige Produktmanager hat aus seiner früheren Ehe ein Kind, und er wünscht sich alsbald noch ein weiteres – diesmal mit Nadine. Großmutter Gerda ist um Gelassenheit bemüht. „Die jungen Leute müssen selbst wissen, wie sie ihr Leben gestalten wollen.“

Figuren von einer Familie aus Mutter, Vater und Kindern sind auf dem Gebäude des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Berlin in der Glinkastraße aufgeklebt.
Figuren von einer Familie aus Mutter, Vater und Kindern sind auf dem Gebäude des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Berlin in der Glinkastraße aufgeklebt. | Foto: dpa

Das Familienbild ist weiterhin stark im Wandel – da macht Baden-Württemberg gegenüber dem Rest der Republik keine Ausnahme. Experten wie der Sozialwissenschaftler Rüdiger Peuckert sprechen von „vielfältigen Familienkonstellationen“ und von „Diskontinuitäten“: Familien sind also keine statischen Gebilde mehr, sondern verändern sich im individuellen Lebenslauf. Aus einer Vater-Mutter-Kind-Familie kann so durch Trennung eine „Einelternfamilie“ werden. Die wiederum kann sich in eine Stieffamilie verwandeln, sobald Mutter oder Vater mit einem neuen Partner zusammenziehen. Wird in dieser Beziehung dann ein weiteres Kind geboren, ist die Patchworkfamilie komplett. Es kann diverse Familiengründungsphasen geben, es kann zu Familienauflösungen kommen, es gibt das sogenannte „Coparenting“, wenn getrennt lebende Eltern zu gleichen Teilen ihrem Erziehungsauftrag nachkommen – Familie wird dann zunehmend „multilokal“ gelebt, wie der Sozialwissenschaftler sagt.
Dass Nadines Familienmodell kein exotischer Einzelfall ist, bestätigt die Statistik: Seit 1980 ist der Anteil der Elternpaare mit minderjährigen Kindern im Haushalt kontinuierlich zurückgegangen. Dagegen ist der Anteil der nicht ehelichen Paare und der Alleinerziehenden angestiegen. 2014 waren etwa drei Viertel der Familien in Baden-Württemberg Ehepaare mit Kindern (73,9 Prozent), ein Fünftel Einelternfamilien (20,8 Prozent) und 5,3 Prozent nicht eheliche Paare mit Kindern – darunter auch gleichgeschlechtliche. Von den Alleinerziehenden waren 84,1 Prozent alleinerziehende Mütter.
Mit steigendem Alter der Kinder nimmt im Übrigen der Anteil jener Kinder ab, die bei verheirateten oder unverheirateten Paaren leben; zugleich nimmt der Anteil jener in Einelternfamilien zu. Während 8,9 Prozent der unter Dreijährigen bei Alleinerziehenden leben, liegt der entsprechende Anteil unter den 15- bis 18-Jährigen bei 18,4 Prozent. Mit zunehmendem Alter sind also immer mehr Kinder von Trennung und Scheidung der Eltern betroffen. Bundesweit ist es nicht viel anders: Dort leben zwölf Prozent der unter Dreijährigen und 21,8 Prozent der 15- bis 18-Jährigen in einer Einelternfamilie. Zumindest gibt es laut den statistischen Erhebungen bei Bildung und Einkommen keine Unterschiede zwischen Stief- oder Patchworkfamilie auf der einen und der traditionellen Kernfamilie auf der anderen Seite. Ein besonders interessanter Trend betrifft die Aufgabenteilung zwischen Vater und Mutter in traditionellen Familien: Während man in der Theorie gern eine identische Verteilung bejaht, sind die Väter mit mittlerem und niedrigem Schulabschluss meist aktiver als Akademiker. Je stärker sich Mütter im Berufsleben engagieren, desto wahrscheinlicher ist ein aktives Engagement der Väter.