Schwimmende Kleinstadt: Die "Mein Schiff 5" von TUI Cruises bietet Platz für 2500 Passagiere.
Schwimmende Kleinstadt: Die "Mein Schiff 5" von TUI Cruises bietet Platz für 2500 Passagiere. | Foto: TUI Cruises

Die "Mein Schiff 5"

Neuer Trumpf für die Weltmeere

Die rüstige Seniorin ist eine eingefleischte Wiederholungstäterin. Früher, so mit 40, war sie überzeugt davon, dass Kreuzfahren nur etwas für ältere Herrschaften sind. Doch dann überzeugte sie eine Freundin, mit ihr mal in See zu stechen. „Seitdem bin ich dem Meer verfallen, möchte gar nicht mehr anders meinen Urlaub verbringen“, erzählt die Hamburgerin, die die Zahl ihrer Fahrten so auf 40, 50 schätzt: mal kürzere Vier-Tage-Trips, mal zwei Wochen-Törns. Sie kennt sie alle. Die schwimmenden Vergnügungsparks der Amerikaner, die noblen Diven der Franzosen, den Schmollmund aus deutschen Landen. Klar, dass sie auch das neueste Flottenmitglied von TUI Cruises kennenlernen wollte, noch vor der offiziellen Taufe mit Lena Meyer-Landrut, die alle Voraussetzungen als Taufpatin erfüllt: die Glücksbringerinnen dürfen nämlich weder rothaarig, noch grüngewandet sein. Die rüstige Seniorin ist jedenfalls voll des Lobes über die schwimmende Kleinstadt, die Mitte Juli zu ihrer Jungfernfahrt Richtung St. Petersburg starten wird: „Die Kabinen sind geräumig und geschmackvoll eingerichtet; das Essen ist prima, und es gibt viele Rückzugsräume auf dem Schiff, trotz der 2500 Passagiere“, fasst die Weitgereiste ihr erstes Urteil zusammen. Die Verantwortlichen der Reederei, deren Schiffe seit 2009 auf den Weltmeeren unterwegs sind, werden es gerne hören, zumal auf den ersten Fahrten selten alles klappt: „Bei 1000 Crewmitgliedern aus aller Herren Ländern müssen sich Abläufe erst mal einspielen“, bestätigt Pressesprecherin Godja Sönnichsen, die sich freuen kann. Denn die ersten Fahrten mit dem Neuzugang sind allesamt ausgebucht.

Wer die „Mein Schiff 5“ betritt, die aus insgesamt 10717 Stahlplatten gefertigt wurde, ist erst einmal beeindruckt von der schieren Größe des neuen Ozeanriesen. Fast 300 Meter lang und 36 Meter breit – da nehmen sich ältere Kreuzfahrtschiffe wie Nussschalen aus. Auf dem Blauen Balkon – einer Aussichtsplattform – blicken Wagemutige durch eine Plexiglasscheibe 37 Meter in die Tiefe. Trotzdem hat man nicht den Eindruck, in einen wuseligen Bienenkorb aus Menschen geraten zu sein. Es gibt zwar Areale wie beispielsweise das Restaurant Atlantik mit bis zu 1000 Sitzplätzen, aber auch viele Rückzugsorte, wo der Gast (fast) alleine ist – wie in den kuscheligen Entspannungslogen mit Meerblick auf Deck 15.

Deutlich größer: 25 Meter ist der größte Pool des neuen Schiffes lang.
Deutlich größer: 25 Meter ist der größte Pool des neuen Schiffes lang. | Foto: wit

40 Quadratmeter Platz pro Passagier sowie ein Anteil von 82 Prozent Balkonkabinen unterstreichen: Das in 581 Tagen auf der Meyer Werft in Turku gebaute Schiff zielt auf den anspruchsvollen Gast ab, der sich in den schönsten Wochen des Jahres auch mal den Besuch im Edelrestaurant Hanami gönnt, hinter dem der Berliner Zwei-Sterne-Koch Tim Raue steht. Um in der Oberklasse mitzuspielen, hat sich das Gemeinschaftsunternehmen der TUI AG und des global tätigen Kreuzfahrtgiganten Royal Caribbean Cruises Einiges einfallen lassen. Es gibt mehr Luxussuiten mit eigenem Sonnendeck, die Godja Sönnichsen zufolge immer besonders schnell ausgebucht sind, einen 1800 Quadratmeter großen Spa- und Sportbereich sowie eine extra große Poollandschaft mit einem 25-Meter-Becken, einer Handvoll Whirlpools und einem kleineren Außenpool, den vor allem Kinder lieben. Für das neue Konzept musste allerdings der Innenpool der Schwesterschiffe geopfert werden. Der tobende Nachwuchs – bei Mittelmeertörns in den Sommerferien sind manchmal bis zu 500 Kinder an Bord – wird es verschmerzen, gibt es doch für Krabben, Seeteufel und Piranhas, wie die Clubs der einzelnen Altersgruppen heißen, ein eigenes Unterhaltungsprogramm.

Viel Platz: 82 Prozent der Kabinen auf der "Mein Schiff 5" verfügen über einen Balkon.
Viel Platz: 82 Prozent der Kabinen auf der „Mein Schiff 5“ verfügen über einen Balkon. | Foto: wit

In Sachen Unterhaltung wartet der Flottenneuling ebenfalls mit einigen Neuerungen auf. Wer schon mit der „Mein Schiff 3“ oder der „Mein Schiff 4“ unterwegs war, wird das Klanghaus vermissen. Der Konzertsaal mit seiner erstklassigen Akustik für klassische Konzerte, Jazz, aber auch Vorträge und Lesungen musste nun dem Studio weichen, einer mobilen Hologramm-Bühne, die bekannte Künstler gleichsam an Bord beamt. Was die Profis von Artdirector Thomas Schmitt-Ott mittels Leinwand und Spiegeln herbeizaubern, führt jedes menschliche Auge in die Irre. Musical-Star Ute Lemper, Comedy-Legende Dieter Hallervorden, der Cellist Jan Vogler sowie die vierfachen Breakdance-Weltmeister Flyings Steps wurden für das Projekt gewonnen und treten nun als lebensechte 3D-Illusion im Studio auf – so real, dass der Zuschauer das Gefühl hat, der Künstler stehe live auf der Bühne.

Edel speisen: Das Hanami ist eines der zuzahlungspflichtigen Restaurants an Bord.
Edel speisen: Das Hanami ist eines der zuzahlungspflichtigen Restaurants an Bord. | Foto: wit

Die Deutschen sind inzwischen fast so kreuzfahrtverrückt wie die Amerikaner. 1,8 Millionen gingen vergangenes Jahr auf Tour, in diesem Jahr dürfte erstmals die Zwei-Millionen-Marke geknackt werden, und ein Großteil wird bei den beiden deutschen Marken TUI Cruises und Aida buchen. Die wachsende Zahl an Schiffen stellt die Reedereien auch vor ökologische Herausforderungen, denn rauchende Schornsteine und verpestete Luft wollen nicht so recht zu den schönsten Wochen des Jahres passen. Milos Grgic, Umweltoffizier der „Mein Schiff 5“, hätte keine Probleme damit, Verantwortliche des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) zu begrüßen, der der Kreuzfahrtindustrie wiederholt vorgeworfen hat, zu wenig zur Senkung der Emissionen zu tun. Nach Angaben des Umweltverbandes stößt ein einziger Ozeanriesen auf einer Kreuzfahrt so viel Schadstoffe aus wie fünf Millionen Pkw auf gleicher Strecke, weil immer noch hochgiftiges Schweröl verbrannt werde. Solche Einwände lässt Lucien Damme, Umweltmanagerin bei TUI Cruises nicht gelten, schließlich sei ein Kreuzfahrtschiff nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Hotel, Vergnügungspark, Theater, Shoppingmall und Restaurant. Rund 60 Prozent des Treibstoffes entfallen auf den Antrieb, der Rest auf Klimaanlagen, Aufzüge, Beleuchtung, Küchen, also für den kompletten Hotel- und Entertainmentbetrieb.
Sicher ist: Die Reedereien werden sich wegen strengerer Grenzwerte noch stärker mit Energieeffizienz, Abwasser- und Müllentsorgung befassen müssen. Doch nicht jede Alternative sei umsetzbar, vieles scheitere ganz einfach an der fehlenden Infrastruktur: „Würden wir unsere Schiffe in den Häfen mit Strom versorgen, würde das beispielsweise auf etlichen Karibikinsel zum Blackout führen, gibt der 39-jährige Serbe Grgic zu bedenken, und auch der Einsatz von schadstoffärmerem Flüssiggas sei nicht das Maß aller Dinge. „Wer will schon garantieren, dass das Schiff während der Betankung wirklich komplett geräumt ist“, so Godja Sönnichsen. Allein durch eine optimierte Rumpfform ließe sich ein Drittel Energie einsparen.
Das Thema wird bei allen Kreuzfahrtreedereien auf der Tagesordnung bleiben, weil 2020 die Grenzwerte für Schwefeldioxide in EU-Küstengewässern noch einmal abgesenkt werden. Bis dahin wird TUI Cruises weitere Neuzugänge in seiner Flotte begrüßen können, denn die „6“ sticht nächstes Jahr in See, die „7“ und „8“ sind bereits bestellt. Weil die älteren Dampfer dann verkauft werden, „werden wir eine der modernsten Flotten Europas haben“, so Geschäftsführerin Wybke Meier. Die rüstige Seniorin freut sich schon jetzt auf die neuen, schwimmenden Hotels, denn eines ist klar: Die Kreuzfahrt mit der „Mein Schiff 5“ war nicht ihre letzte.