Arbeitsplatz mit Blick auf den Atlantik: Der auf die Azoren ausgewanderte Rainer Würth.
Arbeitsplatz mit Blick auf den Atlantik: Der auf die Azoren ausgewanderte Rainer Würth. | Foto: privat

Der Auswanderer Rainer Würth

Neues Domizil auf einer traumhaften Insel

Würde man von morgens bis abends im Dorfladen sitzen, bekäme man im Laufe des Tages wahrscheinlich jeden Einwohner des Ortes zu Gesicht. Die Bar des kleinen Geschäfts, in dem es nur das Nötigste gibt, ist der Dreh- und Angelpunkt der Gemeinde Faja Grande. Sie liegt auf der Azoreninsel Flores mitten im Atlantik. Zu den 70 bis 80 Dorfbewohnern zählt neuerdings auch der Pforzheimer Reisejournalist und Schriftsteller Rainer Würth.
Vor einem halben Jahr hat der 49-jährige Schreibkünstler seine Zelte in der Pforzheimer Landhausstraße abgebrochen und ist auf die Azoren ausgewandert. Mit ein paar Habseligkeiten und vier Paletten voller Bücher trat Würth die Reise ins 3 000 Kilometer entfernte Flores an.

„Der perfekte Ort zum Arbeiten“

„Ich habe die Insel vor etwa zehn Jahren als Reisejournalist entdeckt“, erzählt Würth. „Sie ist einfach traumhaft. Und für mich der perfekte Ort zum Arbeiten.“ Schon für seine jüngsten drei Romane diente ihm das auch von Seglern sehr geschätzte Eiland im Atlantik als Schreibdomizil. Mehrmals verbrachte er die Wintermonate in Flores. Jetzt will er dauerhaft dort leben. In einem kleinen Haus mit Blick aufs Meer. Da die Azoren zu Portugal und mithin zu Europa gehören, gab es bei der Übersiedlung keine großen bürokratischen Hürden zu nehmen.

Keine Angst vor Langeweile

Die Sorge, es könne ihm in dem winzigen Nest auf der gerade mal 140 Quadratkilometer großen und nur rund 4 000 Menschen beherbergenden Insel zu langweilig werden, hat Würth nicht. „Man muss die Azoren als Ganzes sehen. Mit dem Flugzeug kommt man schnell und günstig auf die acht Nachbarinseln.“ Von denen allerdings nur eine flächenmäßig größer als der Enzkreis ist. Drei Inseln sind flächenmäßig sogar kleiner als Pforzheim.
Doch das sind nicht die Dimensionen, in denen der Pforzheimer Schriftsteller denkt. Würth freut sich über weniger Ablenkung als in der umtriebigen Goldstadt. Er mag die Abgeschiedenheit und die Nähe zur Natur, die sich auf Flores in Form von Meer und Bergen von einer ihrer schönsten Seiten zeigt.

Morgens Schreiben, nachmittags Schwimmen

Nachdem er morgens einen Espresso im Dorfladen getrunken hat, widmet sich Würth zumeist der Schreibarbeit. Nachmittags schwimmt er im Meer. Sofern es dazu nicht zu kalt ist. Denn im Winter sinkt die Lufttemperatur trotz subtropischen Klimas auf zwölf bis 13 Grad. Im Sommer sind 26 Grad der Standard.
Die Inselbewohner finden, wie Würth festgestellt hat, immer wieder Anlässe, um ausgiebige Feste zu feiern. Oft sind es religiöse Anlässe. Nach der Messe in der Kirche wird feucht-fröhlich bis in den andern Morgen hinein gefeiert.
Das führte unter anderem dazu, dass Würth seine Liebe zur Musik wiederentdeckt hat. Zusammen mit anderen auf Flores gestrandeten Künstlern beteiligt er sich an Musiksessions.
Die musikalischen Freunde begleiteten ihn auch bei seiner Buchpräsentation in einem Restaurant auf der Azoreninsel. „Ich habe auf Deutsch gelesen, in Englisch erklärt und dann noch ein bisschen Portugiesisch gesprochen“, erzählt der Pforzheimer Azoren-Auswanderer.

Landwirtschaftliche Versuche

Die noch bruchstückhaften Portugiesisch-Kenntnisse sind für den Kontakt mit der – wie der Pforzheimer berichtet – dem Fremden gegenüber recht aufgeschlossenen einheimischen Bevölkerung sehr nützlich. Seine Nachbarn versorgen ihn bereitwillig mit Kartoffeln und Gemüse.
Würth hat auch schon selbst erste landwirtschaftliche Pflanzversuche unternommen. Aus den Tomaten wurde nichts, Zucchini konnte er schon ernten.
„Es ist ein ganz anderes Leben“, sagt der ehemalige Großstadtbewohner. Aber es scheint ihm sehr zu gefallen. Würth ist auch gern bereit, seine Schreib- und Azorenbegeisterung mit anderen zu teilen. Im kommenden Frühjahr bietet er erstmals Schreib- und Erzählkurse, teilweise auch mit Wanderungen, auf Flores an.

Am 23. November, um 19.30 Uhr, liest Rainer Würth (http://www.rainerwuerth.de) in der Pforzheimer Stadtbibliothek aus seinem aktuellen Roman „Das tote Herz“.