Das Verdienstkreuz feiert Jubiläum.
Das Verdienstkreuz feiert Jubiläum. | Foto: dpa

Bundesverdienstkreuz ist 65

Ein Orden für jeden, dem ein Orden gebührt?

Von Teresa Dapp

Berlin.  Den Bergmann Franz Brandl kann man einen Helden nennen. Als im November 1950 Wasser in das hessische Kupferbergwerk Sontra einbricht, rettet er in 300 Metern Tiefe zwei Männern das Leben und riskiert dafür sein eigenes. Der aus dem heutigen Tschechien stammende Ex-Soldat geht in die Geschichtsbücher ein als erster Träger des 1951 gestifteten Bundesverdienstkreuzes am Bande. Bundespräsident Theodor Heuss verleiht es ihm am 19. September 1951. Das ist jetzt gut 65 Jahre her.

Zu viele Orden?

Brandl (1926-2008) ist einer von inzwischen als 254 000 Trägern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, wie die Auszeichnung offiziell heißt. Nach 1951 bricht eine regelrechte Ordenslawine über die Deutschen herein. Spitzenjahr ist 1993 mit 7265 Verleihungen. Seitdem wurden es immer weniger: 1404 Menschen bekamen die Auszeichnung vergangenes Jahr. Wer hat entschieden, dass es zu viele waren?

Ehrung für Unternehmer

Roman Herzog, der 1994 ins Schloss Bellevue einzog? So richtig beantwortet das Bundespräsidialamt die Frage nicht. „Bis in die 1990er-Jahre wurden häufig Leistungen ausgezeichnet, die im Bereich der politischen, der wirtschaftlich-sozialen und der geistigen Arbeit „dem Wiederaufbau des Vaterlandes“ dienten“, teilt eine Sprecherin mit. So sei es im Erlass von 1951 formuliert. Daher seien damals sicherlich mehr Unternehmer, Vorstandsvorsitzende oder auch Beamte ausgezeichnet worden als heute. Eine andere Erklärung hat Knut Bergmann, der für das Institut der deutschen Wirtschaft Köln arbeitet.

Angebot und Nachfrage

Für Orden und Ehrenzeichen gelte eigentlich der Grundsatz von Angebot und Nachfrage: „Wenn sie inflationär vergeben werden, verlieren sie an Wert.“ Aber Heuss habe eine Möglichkeit erkannt, die Bande zwischen der noch jungen Bundesrepublik und ihren Bürgern zu stärken. Auch mit der Auswahl der Ordensträger hat Bergmann sich beschäftigt. Es würden oft die „üblichen Verdächtigen“ aus dem Bürgertum ausgezeichnet, kritisierte er bereits 2014 in einem Aufsatz. „Es wäre

 Das Verdienstkreuz am Bande und die Urkunde für die Sängerin Vicky Leandros. M
Das Verdienstkreuz für Vicky Leandros. | Foto: dpa

wünschenswert, wenn die Anregungs- wie Vergabepraxis des Bundesverdienstkreuzes als der prominentesten Auszeichnung unseres Landes mutiger würde“, fordert er  zum 65. Jahrestag.

Stolze Queen

Das hieße vor allem, „stärker die weniger etablierten Kreise der Gesellschaft zu berücksichtigen.“ Unter den Ordensträgern sind viele, die bereits eine ganze Sammlung von Ehrungen haben. Und prominente Namen: Moderatorin Carmen Nebel, der kürzlich gestorbene Schauspieler Götz George, Opernstar Jonas Kaufmann, Schlagersängerin Andrea Berg. Und die Queen: Elizabeth II. stellte zuletzt bei ihrem Berlin-Besuch im Sommer 2015 ihre „Sonderstufe des Großkreuzes“ zur Schau. Die hatte sie 1958 von Heuss bekommen.

Auszeichnung für Normalbürger

Wer nicht als Staatsoberhaupt oder Promi, sondern als normaler verdienter Bürger ausgezeichnet wird, bekommt meist eine Verdienstmedaille oder das Verdienstkreuz am Bande. „Die ehrenamtliche Tätigkeit muss mit großem persönlichem Einsatz unter Zurückstellung eigener Interessen längere Zeit ausgeübt worden sein“, heißt es in der Handreichung dazu. Aber auch mit herausragenden Einzeltaten kann man sich den Orden verdienen – wie Bergmann Brandl. Die Ordenskanzlei kann sich mit ihrer Auswahl reichlich Ärger einhandeln. Etwa, als die deutsch-israelische Anwältin Felicia Langer ausgezeichnet wurde, die sich für Palästinenser einsetzt und Israel scharf angreift.

Ärger mit Orden

Als 2012 die Fifa-Korruptionsaffäre ans Licht kam, wollten Politiker dem Präsidenten des Weltfußballverbands, Sepp Blatter, sein Verdienstkreuz aberkennen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) persönlich hatte ihm 2006 das Abzeichen ans Jackett geheftet. Aufsehen erregten auch Fälle, in denen erst nach der Auszeichnung die Nazi-Vergangenheit der Geehrten bekannt wurde. Der Staat kann seine Würdigung natürlich wieder zurücknehmen – in der Regel, wenn jemand rechtskräftig zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Wie oft das schon geschehen ist, teilt das Präsidialamt aber nicht mit.

Niedriger Frauenanteil

„Wegen der Intensität des Eingriffs“ werde das weder öffentlich behandelt noch würden dazu Auskünfte erteilt, heißt es. Eines werde der Staat mit seinen Orden nie schaffen: „Gerechtigkeit herzustellen“, resümiert Bergmann. Nicht jeder Ausgezeichnete hat den Orden verdient, und nicht jeder, der einen verdient hat, bekommt ihn. Immerhin liegt der Frauenanteil seit 2007 recht konstant bei 30 Prozent – etwa doppelt so hoch wie noch 1990.