Schulterschluss: Jan Linders (Badisches Staatstheater) Julia Freifrau Hiller von Gaertringen (Badische Landesbibliothek) und Wolfgang Zimmermann (Generellandesarchiv) bei der Präsentation der digitalisierten Theaterzettel.
Schulterschluss: Jan Linders (Badisches Staatstheater) Julia Freifrau Hiller von Gaertringen (Badische Landesbibliothek) und Wolfgang Zimmermann (Generellandesarchiv) bei der Präsentation der digitalisierten Theaterzettel. | Foto: Wiesel

Theaterzettel im Internet

Per Mausklick in die Theatergeschichte

Was mag „Barbarey und Größe“ von Friedrich W. Ziegler wohl für ein Stück gewesen sein? Auf jeden Fall wurde dieses „Ritterschauspiel in 4 Aufzügen“ am 1. November 1813 im „Großherzoglichen Hof-Theater“ Karlsruhe gespielt und steht somit am chronologischen Anfang von knapp 25 600 Karlsruher Theaterzetteln, die jetzt über den Internetauftritt der Badischen Landesbibliothek (BLB) abrufbar sind. „Theaterzettel waren die Fernsehzeitschrift des 19. Jahrhunderts“, so formulierte es Julia Freifrau Hiller von Gaertringen, Leiterin der BLB, bei einem Pressegespräch: „Da wurde bekanntgegeben, was dem Bürger im Abendprogramm geboten wird.“ Auf den etwa dem heutigen DINA4-Format entsprechenden Zetteln, die ein Bote morgens in die Häuser der Honoratioren und der Theaterabonnenten brachte, standen alle wichtige Angaben zum angesetzten Stück – ab 1862, als das Karlsruher Ensemble auch des öfteren im damals eröffneten Theater Baden-Baden gastierte, mitunter sogar die Fahrzeiten der Züge.

Wer und was wurde oft gespielt?

Für die Forschung ist die Digitalisierung dieser Dokumente ebenso eine Fundgrube wie für alle Theaterinteressierte: Mit wenigen Mausklicks lässt sich nachsehen, welches Stück beispielsweise vor genau 200 Jahren gespielt wurde (am 18. November 1816 keines, das war ein Montag – am 19. aber wurde August von Kotzebues Lustspiel „Das Epigramm“ gegeben). Auf einen Blick zeigt sich, welcher Komponist und welcher Dichter zwischen 1813 und 1939 am häufigsten in Karlsruhe gespielt wurden: Richard Wagner (1 235 Mal) und Friedrich Schiller (969 Mal), gefolgt von Shakespeare (907) und Mozart (831). Das in dieser Zeitspanne am häufigsten aufgeführte Stück ist Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ mit 321 erhaltenen Theaterzetteln, gefolgt vom „Barbier von Sevilla“ (238), „Tannhäuser“ (227) und „Faust“ (226) – wobei natürlich auch reihenweise längst vergessene Stücke zu entdecken sind, die Einblicke in den Geschmack und die Interessen der jeweiligen Zeit zulassen.
Die abgedeckte Zeitspanne umfasst in etwa die Zeit von der Eröffnung des Großherzoglichen Hoftheaters im Oktober 1810 bis zur Ablösung des Theaterzettels durch das umfangreichere Programmheft (für den Besucher) und das größere Plakat (für die Werbung) in den 1930er-Jahren. Die bislang ins Netz gestellten 25 587 Zettel stammen aus dem Archiv des Badischen Staatstheaters, wo sie in 124 Bänden gesammelt waren – allerdings ohne Register oder eine sonstige Such- und Ordnungsfunktion, wie Jan Linders, Chefdramaturg des Theaters, erklärte. Die Digitalisierung erfolgte in der Badischen Landesbibliothek und wurde mit deren Eigenmitteln finanziert.

Schatz ist noch nicht ganz gehoben

Der Karlsruher Theaterschatz ist damit aber noch nicht ganz gehoben: In der Landesbibliothek selbst lagern 8 500 Zettel aus der Zeit zwischen 1859 und 1939, das Generallandesarchiv verfügt über rund 18 500 Blätter (1830 bis 1929) und das Stadtarchiv hat zwar „nur“ 1 700 Blatt vorzuweisen, dafür datiert der früheste Zettel sogar auf 1804. Auch diese Dokumente sollen digital eingepflegt werden. Da die Staatstheater-Bestände als annähernd vollständig gelten – es fehlen nur die Jahrgänge 1912/13 und 1926/27 –, sind da zwar etliche „Doubletten“ zu erwarten. Aber manche Zettel beinhalten auch ganz individuelle Informationen, wie Ludger Syré, Leiter der Digitalisierung an der BLB, berichtete. So sind etwa die Einnahmen oft handschriftlich vermerkt, und auf einem Blatt zu „The Earl of Essex“ am 14. November 1824 notierte ein Besucher zwar erfreut „es wurde ganz vorzüglich gespielt“, merkte aber als Gesamtresümee an: „gefiel, doch schadete der Epilog von Goethe dem Schluss Effect“.

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