Jaron Lanier gilt als einer der führenden Intellektuellen des digitalen Zeitalters. Sein Credo lautet: Das Netz muss den Menschen dienen, nicht der Mensch den Netzen.
Jaron Lanier gilt als einer der führenden Intellektuellen des digitalen Zeitalters. Sein Credo lautet: Das Netz muss den Menschen dienen, nicht der Mensch den Netzen. | Foto: BNN Screenshot/Lanier

Lanier im BNN-Interview

Vordenker der vernetzten Welt

Vor zwei Jahren bekam Jaron Lanier den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der Titel seines Buches, das damals erschienen war, verrät schon viel darüber, worum es dem 56-Jährigen geht. „Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt“, heißt die deutsche Übersetzung. Seither ist der US-Amerikaner auch hierzulande ein gefragter Redner. Unser Redaktionsmitglied Tobias Roth traf Lanier in Karlsruhe, wo er am Share-Economy-Kongress teilnahm.
Herr Lanier, Sie sind weder bei Facebook, noch bei Twitter oder Instagram, Sie nutzen überhaupt keine sozialen Netzwerke. Warum nicht?
Lanier: Weil es für mich die beste Wahl ist. Ich finde es sehr traurig, wenn ich sehe, wie viel Zeit vor allem junge Leute damit verbringen, um in diesen Netzwerken beliebt zu erscheinen. Und ich glaube, sie dienen den großen Internetfirmen damit mehr als sich selbst.
Sie haben eine neunjährige Tochter, hat sie einen Facebook-Account?
Lanier: Nein, ich glaube nicht. Aber ich würde es ihr auch nicht verbieten. Ich schlage vor, dass junge Leute damit experimentieren sollen. Man kann Facebook zum Beispiel einmal sechs Monate lang ausprobieren und sich danach fragen: was hat mir das gebracht? Wenn man es nicht ausprobiert, kann man es auch nicht beurteilen. Für mich ist es jedenfalls besser, nicht dabei zu sein. Man ist in diesen Netzwerken leichter zu manipulieren.

Jaron Lanier ist ein Hoffnungsträger für diejenigen, die in der Macht der Internetriesen eine Gefahr für Freiheit und Bürgerrechte sehen.
Jaron Lanier ist ein Hoffnungsträger für diejenigen, die in der Macht der Internetriesen eine Gefahr für Freiheit und Bürgerrechte sehen. | Foto: dpa

Was meinen Sie mit manipulieren?
Lanier: Facebook oder Google haben ein kommerzielles Interesse. Und die Unternehmen wollen die Möglichkeit haben, Einfluss zu nehmen. Das ist ihr einziger Weg, Geld zu verdienen. Das funktioniert mit Werbung, so nennen sie es zumindest. Ich glaube, dass man das nicht wirklich Werbung im herkömmlichen Sinne nennen kann. Denn es geht dabei nicht darum, jemanden von einem Produkt zu überzeugen, sondern darum, herauszufinden, wofür wir uns interessieren. Und wir bekommen dann die Dinge gezeigt, die am profitabelsten sind. Daher ist das für mich eher eine direkte Manipulation unseres Verhaltens.

In Deutschland fordert der Justizminister, dass Facebook sogenannte Hasskommentare schneller löscht. Vor allem in der Frage der Flüchtlingspolitik gibt es massenhaft Kommentare, die bösartig und rassistisch sind. Warum gibt es so viel Hass in den sozialen Medien?
Lanier: Das ist ein kompliziertes Thema, das schon viele Wissenschaftler untersucht haben, vor allem Soziologen. Eines der Probleme ist, dass Leute dazu tendieren, in der Online-Welt eine Art infantile Persönlichkeit anzunehmen, sie verhalten sich unglaublich kindisch. Man kränkt andere schneller und fühlt sich auch selbst schneller gekränkt. Ich glaube, das liegt daran, dass in der Online-Welt einige soziale Strukturen keine Rolle mehr spielen, die uns helfen, miteinander etwas ziviler umzugehen. Man kann häufig beobachten, dass Leute, die sich in der Online-Welt bemerkenswert grausam verhalten, eigentlich gar nicht so sind, wenn man sie in der Realität trifft. Die Netzwerke entmenschlichen, das ist sicherlich ein Problem.

In der Online-Welt fehlen soziale Strukturen

Und sie sind ein wahres Biotop für Verschwörungstheorien…
Lanier: Ja, im Internet allgemein kursiert eine sehr merkwürdige Kultur der Unehrlichkeit. Da werden Informationen als unvoreingenommen und wahr präsentiert, obwohl sie das in Wirklichkeit nicht sind. Aus dieser Unehrlichkeit erwächst das seltsame Gefühl, dass manche Leute denken, das, was sie glauben zu wissen, sei die Normalität. Darin steckt großes Konfliktpotenzial. Und die sozialen Medien verstärken das.
Inwiefern?
Lanier: In den sozialen Medien bewegen wir uns in bestimmten Gruppen, in denen ähnliche Leute ähnliche Inhalte sehen. Daher geraten wir in eine sogenannte Filter-Blase. Mit dem Effekt, dass eine bestimmte Einstellung immer weiter verstärkt werden kann. Die Netzwerke nutzen diese Filter und können uns zum Beispiel nur konservative Nachrichten zur Verfügung stellen, aber diese so verkaufen, dass wir es nicht merken und glauben, das sind die gesamten Nachrichten.
Passiert das nicht auch im realen Leben? Ich umgebe mich auch hauptsächlich mit Leuten, die mir ähnlich sind.
Lanier: Ja, natürlich, aber deshalb glauben Sie doch nicht, dass das, was Sie tun, das einzig Richtige ist auf der Welt und nur Sie normal sind. Wenn ich aus der extremen Linken bin und ich treffe jemanden aus der extremen Rechten, und wir beide wissen, was wir sind, dann haben wir möglicherweise einen Streit, bei dem wir merken, dass wir unterschiedlich sind. Wenn allerdings beide denken, dass sie für die einzig richtige Wahrheit stehen, dann gehen sie auseinander und denken, der jeweils andere sei verrückt. Diese Illusion von Verrücktheit ist ein Gleichnis für die soziale Umgebung im Netz.

Die Share-Economy war Thema in Karlsruhe

Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagt, er will die Welt besser machen. Trauen Sie ihm?
Lanier: Ihn persönlich kenne ich ehrlich gesagt nicht, aber ich kenne einige andere Leute aus dem Facebook-Team, die von Anfang an dabei waren. In meiner Erfahrung ist die Elite aus dem Silicon Valley die wahrscheinlich netteste, gebildetste und aufrichtigste Elite in der Geschichte. Sie haben sicherlich die besten Absichten, es sind gute Menschen. Aber das spielt vielleicht gar keine große Rolle. Wenn das, was sie machen, strukturell nicht aufrechterhalten werden kann, wenn es nicht funktioniert, oder wenn es für etwas anderes benutzt wird, dann ist es wirklich egal, ob die Leute, die es aufgebaut haben, nett sind.
Sie waren in Karlsruhe bei einem Kongress, bei dem es um die sogenannte Share-Economy ging, also das Teilen im digitalen Zeitalter. Menschen teilen heutzutage alles mögliche, das Auto, die Wohnung oder Essen. Ist diese Share-Economy eine Möglichkeit, dem Netz ein humaneres Gesicht zu geben?
Lanier: Im Prinzip schon. Das Problem ist, beim Teilen schauen dir momentan die großen Unternehmen über die Schulter, greifen die Daten ab und können damit mehr anfangen als du mit dem Teilen. Aber natürlich ist das Prinzip des Teilens der eigentliche Grund, warum man ein Netzwerk hat.

Eines sieht man Jaron Lanier nicht an: Dass er in seinem Leben schon eine Menge Geld verdient hat. In den frühen 1980er Jahren arbeitete er im Atari-Forschungslabor und legte Grundsteine in der Computerspielewelt. Er entwickelte einen Datenhandschuh für die Nasa, war einer der ersten, die sich mit virtueller Realität beschäftigten und forschte mit 3-D, als die Zeit der Multiplex-Kinos noch gar nicht absehbar war. Heute arbeitet er unter anderem für Microsoft. Jaron Lanier ist eine Mischung aus Computer-Nerd, freischaffender Künstler und Bob Marley – seine Rasta-Zöpfe reichen bis zu den Kniekehlen. Er ist Unternehmer, Künstler, Musiker, Autor, digitaler Philosoph, Intellektueller und Orakel der Online-Welt. Er gilt als einer der bedeutendsten Vordenker des Internets und er ist einer der größten Kritiker der großen Netzkonzerne wie Google, Amazon oder Facebook.
Dass er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam, wurde auch als politisches Signal bewertet. Lanier ist ein Hoffnungsträger für diejenigen, die in der Macht der Internetriesen eine Gefahr für Freiheit und Bürgerrechte sehen. Er kritisiert die Gratiskultur des Netzes und macht radikale Vorschläge. Einer seiner Ansätze ist, dass die Unternehmen ihre Nutzer bezahlen sollten, dafür, dass sie ihre Daten einpflegen. Er hält es für einen fatalen Fehler, dass Zeitungen und Verlage ihre Produkte gratis online zur Verfügung stellen und zum Beispiel Inhalte auf Facebook posten.
Seine Kritik hat ihm aber auch den Vorwurf eingebracht, sich vom Saulus zum Paulus gewandelt zu haben. Er ist ein Kind des Silicon Valley, Teil der Computerindustrie, der sich nun als deren Kritiker profiliere. Ein enttäuschter Internet-Optimist. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er das Buch „Wenn Träume erwachsen werden. Ein Blick auf das digitale Zeitalter“, in dem er einen kritischen Blick auf die technologische Entwicklung wirft. Das Netz soll den Menschen dienen, nicht andersherum, das ist sein Credo. Darin schwingt auch eine gewisse Sehnsucht mit nach den Anfängen des digitalen Zeitalters. Die zeigt sich auf seiner Homepage. Die Seite sieht aus wie aus den frühen 2000er Jahren, programmiert von einem Informatikgrundkurs.