Porträt Sozialminister Lucha

Mit Tatkraft und guter Laune

Stuttgart. Einen Minister stellt man sich landläufig anders vor. Da denkt man an fortwährend telefonierende Herren mit schütterem Haupthaar, Krawatte und der typischen technokratisch grundierten Politiker-Diktion. Jedenfalls nicht an einen wie Manfred Lucha. Der Grüne und frisch gebackene Sozialminister ist ein Kerl wie eine Eiche. Sein meist lachendes Gesicht ist genauso offen wie sein Hemdkragen, um den Hals trägt der gebürtige Oberbayer ein ledernes Band mit einem ungefassten Türkis. Auch als Kabinettsmitglied gedenkt er daran nichts zu ändern.
Als der 55-Jährige bei der jüngsten Landtagswahl in seinem Wahlkreis Ravensburg das erste Direktmandat für die dortigen Grünen errang, richteten sich alle Augen auf Lucha, der in seiner Heimatstadt vor allem als „der Manne“ bekannt ist. 2011 war der stets gut gelaunte Grüne mit dem oberbayerischen Zungenschlag in den Landtag eingezogen, und dort machte sich der Sozialpolitiker alsbald einen Namen. Er amtierte als Vorsitzender des Arbeitskreises Soziales der Landtagsfraktion und als Mitglied im Petitionsausschuss. Er war stellvertretender Vorsitzender der Enquetekommission „Pflege“ des Landtags und Leiter der Projektgruppe „Flüchtlinge“ bei den Landtags-Grünen. Als Stimmenkönig in Ravensburg war Lucha gesetzt: Sollten die Sozialdemokraten nicht mehr Teil der Landesregierung sein, wäre Lucha ein heißer Aspirant für die Nachfolge der bisherigen Ressortchefin Katrin Altpeter (SPD). Das war allen klar.
Jetzt ist Manne Lucha Minister. Ein Höhepunkt auf der Karriereleiter, an den Mitte der 70er-Jahre nicht zu denken war. Damals flog Lucha in Altötting vom Gymnasium – „wegen besonders guten Betragens und besonders guter Leistungen“ wie er in typisch ironischer Brechung erzählt. Seither hat er viel vom Leben mitbekommen. Er machte den Hauptschulabschluss und wurde Chemiewerker. Nach dem Zivildienst sattelte er um auf Krankenpfleger, dann war er in verschiedenen sozialpsychiatrischen Einrichtungen tätig. 1992 erwarb Lucha die Fachhochschulreife und studierte Soziale Arbeit. Später sattelte er noch einen Masterstudiengang obendrauf. Sein Schwerpunkt wurden sozialpsychiatrische Fragen.
Als Landtagsabgeordneter engagierte sich der jetzige Minister etwa für die Stärkung einer wohnortnahen Gesundheitsversorgung. Das ist ihm weiterhin ein großes Anliegen, wie er gestern beim Landestreffen evangelischer und katholischer Krankenhäuser in Stuttgart deutlich machte. Dort plädierte er für Gesundheitszentren auf dem Land. Sollten kleinere Kliniken mangels Wirtschaftlichkeit geschlossen werden, brauche es andere ortsnahe Hilfen – zum Beispiel für die stationäre Pflege. Die Vernetzung sämtlicher Ärzte, Krankenhäuser und sonstiger ambulanter wie stationärer Leistungen liegt ihm am Herzen. Oder, wie er selbst es beschreibt: „Lebensbedingungen schaffen, in denen jeder in Würde leben kann.“ Egal ob alt, behindert oder krank. Weggefährten attestieren Manne Lucha dafür eine besondere Glaubwürdigkeit. Nicht nur, weil er die Verhältnisse ungeschminkt kennt. Auch weil er seine Überzeugungen privat lebt. Lucha und seine Frau haben zwei Kinder aus Haiti adoptiert.
Wenn Ministerpräsident Winfried Kretschmann von Luchas Sozialressort spricht, dann nennt er es gern „Gesellschaftsministerium“. Das bildet Luchas ganzheitlichen Ansatz ab und trägt auch dem Umstand Rechnung, dass Integration eine wichtige Rolle bei der dortigen Arbeit spielt. Mit seiner großen Präsenz und seinem oft unkonventionellen Auftreten kann der Minister und bekennende Frühaufsteher motivieren, wie Vertraute verraten. Außerdem weiß er mit dem früheren Amtsleiter im Integrationsressort, Wolf-Dietrich Hammann, einen erfahrenen Spitzenbeamten an seiner Seite. Inhaltlich einig ist sich Lucha auch mit Bärbl Mielich, seiner Staatssekretärin. Praktische Hilfe ist dem Minister wichtig, das formalisierte Sozialleistungsrecht will er durchlässiger machen. Längst legendär ist ein Bonmot Luchas, mit dem er Ex-Regierungschef Erwin Teufel zitiert, und das angesichts von Luchas Spitzname eine lustige Wendung erfährt: „Das Amt muss zum Manne kommen.“ Das hat es getan.

Der designierte Minister, Manfred Lucha (Bündnis 90/Die Grünen, Soziales), aufgenommen am 10.05.2016 in Stuttgart (Baden-Württemberg) bei der Vorstellung der grün-schwarzen Landesregierung. Foto: Marijan Murat/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Manfred Lucha (Grüne) ist Sozialminister von Baden-Württemberg. Foto: dpa