Erbolino in Bietigheim
Corinna Erber (rechts) hat mit dem „Erbolino“ das Bietigheimer Bahnhofsgebäude erfolgreich mit Leben gefüllt. | Foto: Kraft

Kaffeeröster und Bierbrauer

Reanimierte Bahnhöfe im Landkreis Rastatt

Von Ralf Joachim Kraft

Wie lässt sich alten, von der Bahn nicht mehr genutzten Bahnhofsgebäuden an noch intakten Strecken neues Leben einhauchen? Diese Frage stellen sich derzeit viele Gemeinden in der Region – und in manchen Kommunen gelingt die „Wiederbelebung“. Um zu erfahren, wie und warum bestimmte Konzepte funktionieren, begaben sich die BNN auf die Reise zu „alten Bahnhofsgebäuden im neuen Gewand“ – und machten zuerst Station am Bietigheimer Bahnhof, Bedarfshaltepunkt der S 4 und S 41.

„Erbolino“ ging im März an den Start

Das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude an der Zufuhrstraße 5 stammt aus dem Jahr 1896. Die Gemeinde hat es umfassend saniert, umgebaut, einer neuen Nutzung zugeführt und auch den Bahnhofsvorplatz erneuert. Während das ausgebaute Obergeschoss und Teile des Dachgeschosses „gemeindlichen Nutzungen“ vorbehalten sind, hat sich im runderneuerten Erdgeschoss ein Gastronomiebetrieb angesiedelt. Am 3. März öffnete das nach dem Pächterehepaar Corinna und Andreas Erber benannte „Erbolino“ seine Pforten. „Wir sind breit aufgestellt und bieten den Bürgern von Montag bis Samstag gleich mehrere Anlässe, sich hier zu treffen. Dieses Konzept geht auf. Unsere Angebote werden von den Einheimischen, von Reisenden und Menschen aus der Umgebung sehr gut angenommen“, berichtet Corinna Erber.

Zwei Standbeine

Standbein eins ist ein liebevoll nostalgisch eingerichtetes Kaffeehaus mit Restaurantbereich innen und einer Außenbewirtung auf der Terrasse. „Jeden Tag gibt es ein reichhaltiges Frühstücksbuffet, frisch zubereiteten Mittagstisch, später Kaffee und Kuchen“, berichtet Erber, dass morgens viele Mütter und mittags die Berufstätigen kommen. Es gebe auch schon einen Seniorentreff. Wurst- und Backwaren würden von den örtlichen Betrieben bezogen. Standbein zwei ist die Kaffeerösterei im Restaurantbereich mit selbst geröstetem Kaffee aus dem Fair-Trade-Handel. „Es kommen bereits ganze Gruppen, die beim Rösten zuschauen wollen“, erzählt Erber und nennt als drittes Standbein das integrierte Ladengeschäft mit täglichem Verkauf von Wohnaccessoires, Geschenkartikeln, Tees und Feinkostspezialitäten aller Art.

Selbstgebrautes ist der Renner

Nächste Station auf der Tour ist der von zwei Linien der Stadtbahn Karlsruhe bediente Bahnhof Malsch. Die zu einem Haltepunkt heruntergestufte Station in der Bahnhofstraße 2 wurde am 1. Mai 1844 eröffnet. Im ehemaligen Empfangsgebäude des Bahnhofs befindet sich seit 2001 die Hausbrauerei „Alter Bahnhof“. Inhaber des urigen, mit Eisenbahnmotiven ausgemalten Bierlokals samt Bilderbuch-Biergarten unter Bäumen ist Hardy Schröder, der „Am Hänfig“ in Malsch auch das Garni-Hotel „Auf der Bühn“ und den „Sportpark Malsch“ betreibt. „Die Idee war, das Gebäude sinnvoll zu nutzen und etwas anzubieten, das es so im Umkreis noch nicht gab“, berichtet Mitarbeiterin Heike Baumgärtner, die von Beginn an dabei ist. „Wir liegen hier sehr zentral, sind für jeden per Bus und Bahn, mit Auto oder Rad gut erreichbar und können auch große Gruppen bewirten.“

Biergarten Bahnhof Malsch
Im Biergarten des Malscher Bahnhofs kann man frisch gebrautes Bier genießen. | Foto: Kraft

Draußen ständen genügend Plätze zur Verfügung. Ebenso im Erd- und Obergeschoss des Lokals, das laut Baumgärtner „immer gut ausgelastet“ ist. Drei- bis viermal pro Woche werde frisches Bier gebraut – „und das bringen wir auch restlos an den Mann und die Frau“. Das Selbstgebraute sei der Renner, „wir haben Helles und Hefeweizen, aber auch vorzügliche Saisonbiere im Angebot“. Dazu gebe es jeden Tag wechselnde Tagesgerichte neben der normalen Speisekarte. Sehr gut angenommen werde der Mittagstisch, insbesondere von den Mitarbeitern der Firmen im angrenzenden Industriegebiet. „Hier passt einfach alles, das Konzept hat sich bewährt“, so Baumgärtner.

Drei auf engstem Raum

Kein Mangel an Gastronomie herrscht im Umfeld des zweigleisigen Kuppenheimer Bahnhofs, an dem die S 31 und S 41 verkehren und sich die Busse der Regionalbusverkehr Südwest kreuzen. Im Bahnhofsgebäude selbst betreibt Annerose Köhl das „Bistro am Bahnsteig“. Direkt gegenüber befindet sich das Gasthaus „Alter Bahnhof“ und ein paar Schritte weiter, in der Bahnhofstraße 4, hat Brezel Böhmer ein Café eröffnet.

„Geisterbahnhöfe“ haben es schwer

Weitaus schwieriger als stillgelegte Bahnhöfe an intakten Strecken zu reanimieren, ist es, „Geisterbahnhöfe“ an stillgelegten Strecken „wiederzubeleben“. Aber auch das kann gelingen, wie der in den 50er Jahren stillgelegte „Wintersdorfer Bahnhof“ zeigt. Das lange im Dornröschenschlaf versunkene Gebäude im Ried-Stadtteil wurde von der Künstlerin Christina Moderhack in ein Atelier umfunktioniert.