Flugübungen
Flugversuche: Dieser Jungstorch hat das nasskalte Wetter gut überstanden und übt nun das Fliegen. | Foto: Nestler

Rastatt: Viele tote Jungtiere

Regen machte es Störchen schwer

Für Storchenfreunde war es bisher kein schönes Jahr: Wegen des nasskalten, von Wind und Unwettern geprägten Mais sind viele der Jungstörche im Landkreis gestorben. „Etwa 30 Prozent der Jungen sind eingegangen“, erklärt Stefan Eisenbarth, Storchenbeauftragter im nördlichen Landkreis Rastatt. Und auch Vogelexperte Pierre Fingermann spricht von einem „schlechten Storchenjahr“. Erst vor zwei Wochen hat er die beiden jungen Störche aus dem Horst an der Badner Halle geholt – tot.

Nachwuchs lag im Nassen

Normalerweise schützen die Alttiere ihren Nachwuchs auch bei schlechtem Wetter sicher mit den Flügeln. „Hudern“ heißt das bei den Fachleuten. Doch in diesem Jahr brachte das Wetter die Alttiere an ihre Grenzen: „Der Wind war zu stark, die Störche hätten ihr Leben riskiert, wenn sie die Flügel ausgebreitet hätten“, weiß Eisenbarth. Doch so konnte sich der Flaum der kleinen Störche vollsaugen – die Tiere unterkühlen, betteln nicht mehr und werden von den Eltern nicht mehr gefüttert. Hinzu kommt, dass Störche gerne alles zum Nestbau verwenden, was ihnen vor den Schnabel kommt – auch Plastik. Dadurch wird der Storchenhorst immer dichter, das Regenwasser läuft nicht mehr ab, die Tiere liegen im Nassen.
Doch der Regen hatte noch einen anderen Nachteil: „Die Landwirte haben ihre Wiesen nicht gemäht“, erklärt Storchenexperte Eisenbarth. Das jedoch sei ungemein wichtig für die staksigen Frackträger. Sie meiden die hohen Wiesen, weil ihnen der Fuchs lauern könnte und durchsuchen die frisch gemähten Flächen. Ob Maus, Maulwurf, Heuschrecke oder Ringelnatter – „die fressen alles“. Ein Landwirt in Rheinstetten habe kürzlich berichtet, wie er von 30 Störchen beim Mähen begleitet wurde. „Das ist schon ungewöhnlich“, weiß Eisenbarth. Mit der Angst mancher, die vielen Störche könnten eine Gefahr für die Frösche werden, kann er wenig anfangen: „Maximal 20 Prozent der Nahrung sind Amphibien.“

Störche auf gemähter Wiese
Storchenbüfett: Zahlreiche Tiere sammelten sich vergangene Woche auf den frisch gemähten Wiesen entlang der Plittersdorfer Fährstraße. | Foto: Nestler

In seiner Funktion als Storchenbeauftragter des nördlichen Landkreises hat Eisenbarth einen guten Überblick über Adebar und seine Familien: Plittersdorf sei absoluter Spitzenreiter. 14 Nester gibt es hier, mindestens 15 Junge saßen darin. Ganz genau weiß es selbst der Experte nicht, da er wegen des hohen Pegelstands des Rheins viele Nester nicht kontrollieren konnte. Sicher ist allerdings: Auch hier sind Tiere gestorben, mindestens ein Baum mit einem Nest drauf ist zusammengebrochen, die Jungtiere ertrunken. In Ottersdorf hat eins der beiden Jungen überlebt, ebenso in Muggensturm, wo vier Tiere eingegangen sind. Auch in Iffezheim sind alle vier Junge gestorben. Noch gibt es zwei Nester in Steinmauern – und in Elchesheim-Illingen und Au am Rhein üben derzeit insgesamt sieben junge Störche das Fliegen. „Wir haben eine starke Population, der auch dieses Jahr nicht schaden wird“, beruhigt Eisenbarth.

Hoffnung auf besseres Wetter im nächsten Jahr

Auch für den Experten ist es nicht schön, tote Tiere aus den Horsten zu angeln, doch ein vorheriges Retten der Tiere kommt für Stefan Eisenbarth nicht in Frage. „Das gehört einfach zur Natur dazu. Wir kümmern uns um den Lebensraum der Störche. Das ist viel wichtiger, als ins Nest einzugreifen.“ Gerade wenn ein Horst mit einer Kamera ausgestattet sei, sei es aber besonders hart, live zu sehen, wie die kleinen Störche sterben. Dass trotz des schlechten Wetters am Ende nur 30 Prozent der Tiere verendet sind und nicht noch viel mehr, liegt übrigens daran, dass die Störche über einen recht langen Zeitraum ihre Eier legen. „Sechs Wochen jünger oder älter zu sein, ist manchmal entscheidend“, so Eisenbarth. Dennoch: Für das kommende Jahr hofft er auf besseres Wetter.
Auch Vogelexperte Pierre Fingermann ist optimistisch, dass 2017 wieder junge Störche an der Badner Halle zu sehen sein werden. „Die Alttiere nutzen ihr Nest weiterhin und machen frischen Kot auf den Rand.“ Damit signalisierten sie anderen Störchen, dass der Horst weiter ihnen gehöre. Fingermann lacht: „Das ist in etwa so, wie das berühmte Handtuch auf der Liege.“

 

Der Storch

Bis in die 80er Jahre ist der Storchenbestand vor allem in Westdeutschland sehr stark zurückgegangen. Durch Auswilderung, den Bau von Nistplätzen und den Schutz der Lebensräume nimmt der Storchenbestand seitdem wieder zu. Der Nabu spricht von rund 4 300 Brutpaaren in der Bundesrepublik.
Auch im Landkreis beschäftigte man sich in den 80er Jahren mit den Störchen. In Iffezheim etwa wurden 1984 die ersten Störche ausgewildert, 1986, nachdem durch die Umwandlung von Äckern in Wiesen Lebensraum geschaffen wurde, die nächsten: Esmeralda und Kasimir blieben Iffezheim bis zu ihrem Tod 2014 und 2015 treu. Seitdem gibt es ein neues Storchenpaar.