Die Auswahl ist groß: Notizblöcke in allen Formen und Farben.
Die Auswahl ist groß: Notizblöcke in allen Formen und Farben. | Foto: dpa

Evergreen im Regal

Der Notizblock lebt

Schon Ernest Hemingway hat es getan: Fiel dem Literat bei seinen Spaziergängen durch das Paris der Goldenen Zwanziger etwas Besonderes auf oder sprang ihn während der vielen Stunden in den Cafés der französischen Hauptstadt eine Geschichte an – so notierte er seine Beobachtungen in ein kleines schwarzes Notizbüchlein. Unzählige machten es ihm in den folgenden Jahrzehnten nach: Dem Mann von Welt steckte ein Notizblock in der Sakkotasche. An der Seite ein kleiner Bleistift. Und heute? Der Notizblock ist tot, es lebe das Smartphone?

Kleine Formate sind Mangelware

Die Spurensuche beginnt in Blankenloch. Ein kleiner Notizblock mit angestecktem Bleistift? Hildegard Stich winkt ab. „Die haben wir seit mindestens 10 Jahren nicht mehr.“ Sie muss es wissen. Seit 1982 betreibt sie das gleichnamige Schreibwarengeschäft im Zentrum des Stutenseer Ortsteils. Blöcke gibt es dort genug – DIN-A4-Blöcke. Liniert, kariert und blanko. Gelocht und ungelocht. „Für die Schüler“, sagt Stich. Und tatsächlich: Kleinere Formate sind Mangelware. Ein paar Blöcke in A5. Drei einsame Notizbüchlein in A6. Davon brauche sie vielleicht zehn Stück im Jahr, sagt die Schreibwarenexpertin, als eine Kundin just in diesem Moment eines der Oktavhefte auf den Ladentisch legt. „Ich habe seit einiger Zeit ein Heft, in das ich alles schreibe und klebe, was mir wichtig erscheint. Dieses hier wollte ich etwas verschönern und dann einer Freundin schenken“, sagt Alexandra Kurth, die Frau mit Sinn für Raritäten.

Kladden sind das Maß der Dinge

Es gibt sie also doch noch, die Notizblockschreiber? „Solch kleinen Blöcke verkaufen wir so gut wie gar nicht mehr. Die verwenden die Leute höchstens noch zum Einkaufszettel schreiben“, sagt auch Wolfgang Klotz, Inhaber von Schreibwaren-Geigle in Eggenstein, und hält einen blauen Spiralblock in A7 in die Höhe. Normalerweise muss es etwas größer sein. Der Chef zeigt auf einen Ständer mit schwarzen Kladden: „Die hier sind sehr beliebt.“ Ein A5-Format mit Gummiband.

Sie wollen ihre Schrift nicht verlieren. Deswegen schreiben sie.

Doch nicht nur die Größe des Blocks scheint sich verändert zu haben. Auch die Altersstruktur der Schreiberlinge. „Es sind viel junge Leute, die sich die Blöcke kaufen“, sagt Richard Brettl vom gleichnamigen Fachgeschäft in Ettlingen. Sie schrieben Tagebuch oder notierten ihre Reiseerfahrungen. Doch eigentlich stecke noch viel mehr dahinter. In Zeiten von Smartphones und Tablets bleibe die Handschrift zunehmend auf der Strecke – ein Umstand, der junge Kunden besorge. „Sie wollen ihre Schrift nicht verlieren. Deswegen schreiben sie“, meint Brettl. Da dürfe es dann auch mal etwas Edleres sein. Seit einigen Jahren schon gehören die Notizbücher und Kalender der Marke Paperblanks zu den Kassenschlagern in den Läden. „Vor allem Frauen können den kunstvoll verzierten Einbänden kaum widerstehen“, berichtet Brettl.

Die schmucken Blöcke der Firma Paperblanks sind vor allem bei Frauen beliebt.
Der Block als Lifestyle-Produkt: Die schmucken Blöcke der Firma Paperblanks sind vor allem bei Frauen beliebt. | Foto: Fischer

Der Kalender ist nicht totzukriegen

Apropos Kalender. Der kleine Bruder des Notizblocks scheint beliebt wie eh und je: „Der Kalender ist ein Dauerbrenner. Für 2017 sind wir so gut wie ausverkauft“, bestätigt Brettl. Planer in allen Formen und Arten schmücken die Auslage seines Geschäfts. Und dabei haben ein paar durchaus historische Exemplare überlebt.
Sowohl der Buchkalender als auch die Quervariante für den Schreibtisch erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Der gute alte Faltkalender? „Kein Problem“, sagt Richard Brettl und greift zu einem roten Exemplar. Erst neulich habe ein panischer junger Mann seinen Laden betreten und energisch nach selbigem verlangt. Sein Smartphone habe nur einige Tage vorher den Geist aufgeben – der junge Mann habe sich „wie tot“ gefühlt. Deswegen habe er entschieden, neben der elektronischen Variante künftig auch einen herkömmlichen Kalender aus Papier zu führen.
Fazit: Der Notizblock ist nicht weg – er hat sich verändert. Nur vom kleinen Schwarzen mit dem Ansteckbleistift müssen wir uns verabschieden. Aber Hemingway ist ja auch schon lange tot.

Der traditionelle Faltkalender ist beliebt wie eh und je.
Der traditionelle Faltkalender ist beliebt wie eh und je. | Foto: Hora

Die Traditionalistin
E-Mail, SMS und Internet – all das ist nichts für sie, sagt Christel Lafferthon. Die Vorsitzende des Landfrauenvereins in Rußheim besitzt weder Smartphone noch Computer und kommt dennoch wunderbar zurecht. „Ich halte es für kritisch, dass die Menschen nur noch mit Tippen beschäftigt sind.“
Ihr Handy benutzt sie lediglich zum Telefonieren, ihre Termine notiert sie sich in gleich zwei Kalender. „Einer hängt zu Hause an der Wand“, sagt Lafferthon, „den anderen habe ich bei mir in der Handtasche.“ Dort hat sie auch einen kleinen Notizblock verstaut, den sie hervorholt, wenn ihr etwas einfällt.
Und wenn die Landfrauen tagen? Auch da greife sie regelmäßig zu einem Block, sagt Lafferthon. Oder sie verlasse sich auf ihre Schriftführerin, die zuerst alles handschriftlich mitschreibe, um die Notizen anschließend am Computer zu einem Protokoll zusammenzufassen.

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Christel Lafferthon kommt auch ohne Smartphone wunderbar klar – Kalender und Notizblock hat sie immer dabei. | Foto: Nees

Der Digitalisierte
Ob er sich einen traditionellen Kalender welcher Art auch immer zulegt, stand für Christian Eheim nie zur Debatte. Alles, was der Bürgermeister von Graben-Neudorf braucht, ist ein Smartphone.
„Ich bin es nicht anders gewohnt. Das ist wohl eine Generationenfrage“, sagt der 34-Jährige. Schon als er damit angefangen habe, sich Termine zu notieren, hätten Handys eine Kalenderfunktion gehabt. Heute, in Zeiten, in denen der Planer des Smartphones sogar mit dem Server der Gemeinde verbunden ist, sei er gar nicht mehr wegzudenken. Gleiches gilt für E-Mails, die Eheim mithilfe seines Telefons bequem von unterwegs aus lesen und auch schreiben kann.
Nur wenn es um Mitschriften zu Sitzungen und Besprechungen geht, sind Smartphone und Tablet nicht Eheims erste Wahl. „Es erscheint mir komplizierter, als das Wichtigste schnell handschriftlich festzuhalten“, so das Gemeindeoberhaupt.

Christian Eheim, Bürgermeister von Graben-Neudorf, verlässt sich voll und ganz auf sein Smartphone.
Christian Eheim, Bürgermeister von Graben-Neudorf, verlässt sich voll und ganz auf sein Smartphone. | Foto: pr