Check: Gerd Siegrist (vorne) und Daniel Moschell kontrollieren die Weingartener Trauben wegen der Kirschessigfliege.
Check: Gerd Siegrist (vorne) und Daniel Moschell kontrollieren die Weingartener Trauben wegen der Kirschessigfliege. | Foto: Müller

Schädling im Kreis Karlsruhe

Kirschessigfliege: Warm und trocken mag es der Schädling nicht

Von Klaus Müller

 

Bis heute haben die Weinberge in der Region die Wetterkapriolen der vergangenen Monate ganz gut überstanden. Kälte und Regen folgt nun Hitze. Zugeschlagen hat im Frühjahr und Frühsommer – es gab viel zu viel Feuchtigkeit – der „falsche Mehltau“, eine Pilzerkrankung, die zunächst die Blätter angreift und sich dann über Blüten und (Jung-)Beeren hermacht. Das wiederum hat direkte Auswirkungen auf den späteren Ertrag. Die Ernte fällt schlichtweg geringer aus. „Genau das wird dieses Jahr der Fall sein“, berichten Daniel Moschell, Kellermeister in der Winzergenossenschaft Weingarten, und Winzer Gerd Siegrist, Vorstandsmitglied der Genossenschaft. Der nächste Feind für Winzer und Weinberge lauert schon; ein kleines Insekt mit großer Schadenswirkung: die Kirschessigfliege. Bislang blieb sie 2016 den Weinbergen fern. „Bleibt das Wetter heiß und trocken, dürfte nichts passieren“, meint Dietrich Kern vom gleichnamigen Weingut in Kürnbach. Auf diese Wetterlage hoffen auch die Weingartener. Ansonsten könnte die Kirschessigfliege zum großen Problem werden.

Warm und trocken mag es die Kirschessigfliege nicht.
Warm und trocken mag es die Kirschessigfliege nicht. | Foto: Müller

Die Invasion
2008 gab es erste Sichtungen der Kirschessigfliege in Europa. 2011 konnte das Insekt erstmals in Deutschland nachgewiesen werden. Seine wissenschaftliche Bezeichnung lautet „Drosophila suzukii“. Ursprünglich kommt das Insekt aus Asien. Und das Tierchen hat es in sich. Von einem „extrem hohen Risiko“ spricht Kirsten Köppler. Die Biologin arbeitet am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg. Unter anderem sucht sie – vereinfacht ausgedrückt – nach Methoden, potenzielle Kirschessigfliegenplagen einigermaßen in den Griff zu bekommen. Geforscht wird daran national wie international.
Der Angriff
Vor allem auf Beeren hat es die Kirschessigfliege abgesehen. Sie sucht sich die Beeren mehr oder weniger gezielt aus, nach dem Motto: fressen, fortpflanzen, wohlfühlen und das am besten alles unter einem Beerendach. Inzwischen hat die Fliege auch Weinberge und dabei insbesondere die roten Trauben entdeckt. Zu spüren bekamen das viele Winzer 2014.
Lange bevor die Kirschessigfliege über die grenzenlosen Globalisierungswege hierher kam, sorgte die harmlosere „deutsche“ Essigfliege für Verdruss bei Obstbauern und Winzern. Die normale Essigfliege brauche beschädigte Beeren, klärt Köppler auf. Nicht so die Drosophila suzukii, erkennbar an ihren roten Augen: Mit ihrem (in der Vergrößerung) martialisch aussehenden Sägeapparat bohrt sie gesunde Trauben an. Dabei überträgt sie Bakterien, die schließlich für den Essigsäuregeruch sorgen. Kirschen mag das Insekt besonders gerne – so entstand in Deutschland wahrscheinlich auch der Name Kirschessigfliege.
Die Verteidigung
Da sieht es derzeit schlecht aus. Die Fliege aus dem Fernen Osten ist nicht nur zäh, sie verfügt laut der Biologin obendrein über ein „hohes Reproduktionspotenzial“ – und sie befällt eben auch reife Früchte. Was sie nicht mag, sind Hitze und Trockenheit. Bisher gebe es keine vorbeugende Bekämpfung, sagt Kirsten Köppler. Beim Einsatz von Insektiziden – und das noch kurz vor der Lese – müssen die Winzer genaue Vorgaben einhalten. So darf erst Tage nach dem „Spritzen“ geerntet werden. Vielleicht aber liegt genau in dieser Zeit das perfekte Lesewetter. Befallene Trauben sollten keinesfalls in die Weinverarbeitung gelangen. Schnell könnten die Grenzwerte des Gesamtsäureanteils überschritten werden – damit wäre das Produkt nicht mehr weiterverwendbar, erläutert Kellermeister Moschell.
Weiße Fahne?
Nein, die weiße Fahne wollen die Winzer natürlich nicht hissen. Zu vorbeugenden Maßnahmen, wenngleich sie keinen endgültigen Schutz vor der Invasion bieten, zählen laut Siegrist und Kern: Lockeres Traubengerüst, Begrünung in den Weinbergen flach halten, verstärkte Entblätterung der Rebstöcke – um nur einige Beispiele zu nennen. Einnetzungen wären ebenso möglich.
Kampfansage
Als extreme Herausforderung bezeichnet Köppler den Kampf gegen die Kirschessigfliege; Ein Kampf, der erst begonnen hat und langen Atems bedarf.
Ausblick
Der Jahrgang 2016, bis dato gehen davon die Winzer Kern und Siegrist sowie Kellermeister Moschell aus, könnte qualitativ gesehen ein richtiger guter, ja sogar sehr guter werden. Vorausgesetzt es bleibt warm und trocken, ein Wetter, das die Kirschessigfliege gar nicht mag.