Wahlplakat
Wahlplakat im Niemandsland: Viel mehr Information erreicht die Menschen auf dem Land nicht zu den politischen Ereignissen in der Hauptstadt Pretoria. Zeitungen gibt es hier nicht. | Foto: Oestreicher

Ötigheimerin in Südafrika

Am Tag vor der Wahl gibt’s kostenlose Shirts

Die Ötigheimerin Lea Oestreicher war im vergangenen November Praktikantin bei den BNN. Nach ihrem Abitur ist die junge Frau für ein Jahr als Freiwillige nach Südafrika gegangen, wo sie im Tlholego Ökodorf arbeitet. Von ihren Erlebnissen berichtet die Abiturientin in loser Folge in den Badischen Neuesten Nachrichten. Diesmal geht es um die Kommunalwahlen.

Am 3. August waren Kommunalwahlen in Südafrika – auch in unserer Provinz. Damit auch wirklich alle wählen gehen war an diesem Tag „public holiday“, ein Feiertag. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Leute deswegen wählen gehen, steigt zwar, aber ich glaube, dass zumindest in meinem Dorf die Hälfte trotzdem nicht gewählt hat.

Heißer Verehrer Präsident Zumas

In dem Projekt, in dem ich arbeite, gibt es einen Einheimischen, der dauernd und nur über die Politik in Südafrika redet. Er ist zwar im Township aufgewachsen, hat aber studiert und hilft bei uns im Büro mit aus, ist also gebildeter als die meisten Einheimischen hier.
Er vergöttert Präsident Jacob Zuma und glaubt nicht daran, was die Zeitungen Schlechtes über ihn berichten. Er macht gefühlt jeden Tag Werbung für den Afrikanischen Nationalkongress (ANC). Als die Stimmen ausgezählt wurden und der ANC in den meisten Provinzen die größte Wählerzahl hatte, war er in Höchststimmung, die bis heute (eine Woche nach der Wahl) immer noch anhält. Er ist vermutlich der Grund, warum die Einheimischen in Tlholego den ANC wählen, da sie sonst kaum Informationen über die Parteien oder die Regierung bekommen.

Auf dem Land kommt man kaum an Informationen

Dass der ANC sehr viel schlechter abgeschnitten hat, als die Jahre zuvor, erwähnt er mit keinem Wort. Auch nicht, wenn er mit den anderen Einheimischen spricht, die nicht so viel Ahnung haben, was in der Politik im Land passiert. Das liegt daran, dass sie fast nie in die Stadt kommen. Zeitungen auf dem Land, wo mein Dorf ist, gibt es nicht. Und Internet auf dem Handy zu verbrauchen, nur um sich über Politik zu informieren – das würde hier niemand machen. Ich verurteile die Einheimischen dafür nicht. Ich würde es genau so machen, wenn ich kaum Geld zum Leben hätte.

Wer nicht ANC wählt, verrät Mandela

Von den vielen Protesten in den Townships bekommt man also nichts mit. Und von den Fehltritten Zumas auch kaum. Die Leute hier beschweren sich alle über Zuma und den ANC, da sie doch ein bisschen etwas davon aufgreifen, was schiefgeht, aber letzten Endes wählen sie ihn doch, die Alternativen wären ja noch schlimmer, ist die Auffassung. Außerdem ist der ANC hier Traditionspartei. Wer die nicht wählt, verrät Nelson Mandela.

Wahlplakate bleiben hängen

Der ANC kam einen Tag vor der Wahl bei uns im Dorf vorbei – und wenn er zu uns rauskommt, kommt er sicher zu allen, die abseits der Städte wohnen. Er hat kostenlose T-Shirts verteilt und Werbung für die Partei gemacht. Das passiert auch nur direkt vor einer Wahl. Danach sieht und hört man hier nichts vom ANC, außer Jahre alte Plakate, die hier überall herumhängen, übrigens von fast jeder Partei. „Warum sollte man die Plakate nach einer Wahl abhängen? In ein paar Jahren braucht man sie ja wieder für die nächste Wahl“, denken sie sich vermutlich.

Politik-Verdrossenheit ist groß

Die Politik-Verdrossenheit hier im Land ist groß. Ich dachte schon bei uns in Deutschland geht zurzeit einiges schief, aber im Vergleich zu Südafrika bin ich echt froh um die deutsche Politik. Wenn ich mit den europäischstämmigen Einwanderern über Politik rede, beginnen die meisten erst einmal eine große Diskussion mit mir. Es sei alles so schlimm hier in Südafrika und sie wollen alle auswandern, aber hätten nicht das Geld dazu. Sie sind total unzufrieden mit der Politik, was ich verstehen kann. Aber sie versuchen auch nicht, etwas zu ändern. Stattdessen gehen sie einfach gar nicht wählen, weil es keine Partei gibt, die ihren Interessen entspricht. Wie die Wahlen ausgehen, ist uns hier relativ egal. Wir werden keine Auswirkungen der Ergebnisse spüren. Das ist alles andere als ideal, aber die Realität.

Ich habe mich inzwischen dazu entschlossen, mich aus den Politikgesprächen über Südafrika rauszuhalten, weil man eh nie weiß was stimmt und was nicht. Dafür schaue ich jeden Tag die Tagesschau, um wenigstens über Deutschland auf dem Laufenden zu bleiben.