Pedro Pedrosa und seine Mitstreiter aus dem Dorf Ferraria de São João  haben einen Korkeichenwald am Ortsrand gekauft. Für die Bäume, die von Hand geschält werden, vergibt die Dorfgemeinschaft Patenschaften.
Pedro Pedrosa und seine Mitstreiter aus dem Dorf Ferraria de São João haben einen Korkeichenwald am Ortsrand gekauft. Für die Bäume, die von Hand geschält werden, vergibt die Dorfgemeinschaft Patenschaften. | Foto: Patrizia Kaluzny

Paradies für Naturliebhaber

Wandern im Herzen von Portugal

Den Wecker kann man sich getrost sparen. Dass man rechtzeitig aus den Federn kommt, dafür sorgen schon die beiden zotteligen Eseldamen, die den frisch angebrochenen Tag gleich mehrfach mit einem langen, tiefen „Ihh-ahh“ begrüßen. Zu sehen sind sie allerdings nicht, sie grasen auf der Koppel, verschluckt vom dichten Nebel, der das kleine Bergdorf Ferraria de São João im Herzen von Portugal an diesem Morgen verhüllt.

Mit Pedro unterwegs im Herzen von Portugal

Doch schon eine ausgiebige Dusche später hat sich der Nebelvorhang wie von Zauberhand gehoben und einem perfekten Sommertag die Bühne überlassen. Ein Tag wie gemalt für eine Wanderung. Pedro  Pedrosa wartet schon auf die kleine Gruppe. „Braucht noch jemand Wasser“, fragt er in die Runde. Man sollte auf jeden Fall ausreichend Flüssigkeit im Wanderrucksack verstauen, denn die angenehm frischen Temperaturen am Morgen täuschen gewaltig – von Minute zu Minute zeigt sich die Sonne im Gebirge im Herzen von Portugal, in der Serra da Lousã, kraftvoller.

Schmucke Bauernhäuser

Die ersten Meter führen vorbei am urigen Gasthaus „Casa do Zé Sapateiro“ und an schmucken Bauernhäusern mit glänzenden Türklopfern und üppigen Obst- und Gemüsegärten. Hinter der nächsten Biegung verliert sich das Kopfsteinpflaster in einem staubigen Feldweg. „Olá“, ruft Pedro einer Frau im schwarzen langen Schürzenkleid und Kopftuch zu, die auf dem Kartoffelacker gebeugt

Da geht's lang: Die Wanderwege im Lousã-Gebirge sind gut ausgezeichnet.
Da geht’s lang: Die Wanderwege im Lousã-Gebirge sind gut ausgezeichnet. | Foto: Patrizia Kaluzny

Unkraut hackt. Sie könnte Vincent van Goghs Gemälde „Kartoffel erntende Frau“ entsprungen sein. Für einen Augenblick unterbricht die alte Frau ihre Arbeit, stützt ihren müden Körper auf die Hacke und nickt der Wandergruppe zu. Schmale Gräben durchziehen den Acker. Pedro springt zum Brunnen, senkt den Eimer in die Tiefe und demonstriert, „wie schon die Mauren ihre Felder bewässerten“. Daran hat sich kaum etwas geändert; bis heute bewirtschaften die Bauern in dieser dünn besiedelten Gegend ihre Äcker und Gärten ganz traditionell, mit viel mühsamer Handarbeit.

Schritt um Schritt vergisst man den Alltag

Verwunschene Pfade, leises Plätschern. Die Wanderer kämpfen sich durch hüfthohen Farndschungel entlang eines Bachs. Der Blick bleibt mal am silbrigen Schein eines Olivenhains haften, mal an mächtigen Kiefern, die sich in den Himmel schrauben, an Kastanienbäumen und knorrigen Eichen, die mit ihren Ästen nach dem unglaublich satten Blau zu greifen scheinen. Der intensive Duft von Thymian und Rosmarin berauscht die Nase, das Grün entspannt die Augen. Schritt um Schritt entfernt man sich immer weiter von der hektischen Welt, vergisst den stressigen Alltag zu Hause, vergisst gar die Zeit und wird irgendwann einfach nur Teil dieser Natur.

 


All jene, die unberührte Natur lieben, die nach Einsamkeit und Ursprünglichkeit suchen und den Luxus des Einfachen schätzen, sind im Lousã-Gebirge gut aufgehoben. Vom leichten Spazierweg rund ums Dorf über mittelschwere Wanderungen von Weiler zu Weiler bis hinzu anspruchsvollen Strecken mit ordentlich Steigung – „bei uns findet jeder Wanderer das Passende für sich“, versichert Pedro. Und auch zu jeder Jahreszeit.

Das Wegenetz umfasst rund 1000 Kilometer

Für die heißen Sommermonate etwa eigneten sich Strecken mit viel Schatten und Wasser (Flussläufe, Bäche, Wasserfälle). Gut 45 Wanderwege schlängeln sich von Dorf zu Dorf, durch Täler und über Höhen der Serra da Lousã, viele von ihnen sind alte Bauernwege und Ziegenpfade. Ein rund 1 000 Kilometer umfassendes Wegenetz voller Naturschönheiten – mal karg und rau, mal lieblich – wartet nur darauf, von Wandersfüßen erobert zu werden. Die Abschnitte könne man sich individuell zusammenstellen, erzählt Pedro.

Sportliche Herausforderung

Wer eine besondere sportliche Herausforderung sucht, kann sich auf die 370 Kilometer lange Tour „Grande Rota do Zêzere“, entlang des Flusses Zêzere machen, die sich bis zum Naturpark in der Serra da Estrela zieht. Selbstverständlich eignen sich die Strecken auch für Mountainbike-Fahrer, für die es zudem ausgewiesene Trails in vier Schwierigkeitsstufen gibt.

Er könne sich keinen schöneren Platz zum Leben vorstellen, sagt Pedro Pedrosa. Sechs Jahre ist es her, dass er sein Leben auf den Kopf stellte. Der Ingenieurinformatiker mit Schwerpunkt Umweltplanung tauschte sein Zuhause in der Hauptstadt Lissabon mit all seinen Annehmlichkeiten gegen das in dem Bergnest Ferraria de São João im äußersten Süden des Lousã-Gebirges.

Pedro ist gerne Gastgeber

Hier lebt er nun mit Ehefrau Sofia, den beiden Kindern („mit der Geburt unserer Zwillinge explodierte die Einwohnerzahl auf 46 im Dorf“), zwei Eseldamen, drei Hunden, ein paar Katzen und jeder Menge Hühnern. Von hier aus führt er eine Agentur für Wander- und Mountainbike-Urlaub, und er ist Gastgeber. Neben seinem Bauernhaus hat der 46-Jährige drei kleine Öko-Ferienhäuser gebaut, und mit der Dorfgemeinschaft die Initiative „Aldeia Viva“ aufgebaut, die vor allem Kindern versucht, die Natur und das Landleben nahezubringen.

Nur die Alten blieben in den Dörfern

Die Natur war es, die ihn in diese einsame Gegend lockte – und ein besonderes Projekt: Es stand nicht gut um die Bergregion im Centro de Portugal. Mangels Perspektive suchten die Jüngeren ihr Glück in der Ferne. Nur die Älteren blieben in den Dörfern, lebten von Ziegenzucht und Ackerbau. Nach und nach starben sie weg, die Häuser verfielen, bald überwucherte Gestrüpp die Steinruinen. Vor rund 15 Jahren hatten dann einige engagierte Portugiesen, darunter eine Gruppe Studenten, die Idee, die alten Schieferdörfer im Lousã-Gebirge aus ihrem Dornröschenschlaf wach zu küssen.

Projekt setzt auf sanften, nachhaltigen Tourismus

Sie wollten die strukturschwache Region im Zentrum von Portugal neu beleben, touristisch erschließen und damit neue Arbeitsplätze und Anreize schaffen. Sanfter, nachhaltiger Tourismus gepaart mit Tradition lautete ihr Rezept für den Wiederaufbau, in das auch EU-Fördergelder flossen. Die Projektteilnehmer schlossen sich zu einem Netzwerk zusammen und gründeten den Verbund „Aldeias do Xisto“ (zu deutsch: Schieferdörfer), dem aktuell 27 Dörfer in der Region angehören.

Junge Familien entdecken das Landleben für sich

Das Projekt schaffte tatsächlich die erhoffte Wende: Junge Menschen und Familien entdecken das Landleben für sich, sie kamen und bauten die Häuser in traditioneller Bauweise aus Schiefer und Quarzit wieder auf, sie legten Strom- und Wasserleitungen, pflasterten die Gassen. Es entstanden Ferienwohnungen und Ferienhäuser, die von außen urig anzuschauen, innen aber mit allem Komfort ausgestattet. Inzwischen gibt es auch eine Reihe von kleinen und sehr guten Restaurants, in denen lokale Spezialitäten auf den Tisch kommen – wie etwa die „Veranda do Casal“, wo Renato Antunes seine Gäste kulinarisch umsorgt. Auch er ist einer der „Umsteiger“. Vor zwei Jahren gab der 32-jährige Banker seinen Job in Lissabon auf und unterstützt seitdem seine Mutter im Familienrestaurant.

Kulinarische Spezialitäten

Auch alte Werkstätten wurden wieder in Betrieb genommen, in denen traditionelles Kunsthandwerk entsteht. Die Dorfbewohner produzieren Öl, Honig und Likör, backen Kekse, kochen Marmelade ein, stellen Ziegenkäse und Wurstspezialitäten her, die in kleinen Dorfläden vertrieben werden – inzwischen sogar in Lissabon.

Der Korkeichenwald am Rande von Ferraria de São João lädt zu einer Rast ein.
Der Korkeichenwald am Rande von Ferraria de São João lädt zu einer Rast ein. | Foto: Patrizia Kaluzny

Lokale Spezialitäten servieren nun auch Pedro und seine Frau Sofia den müden und hungrigen Wanderern. Der Tisch unter den Schatten spendenden, majestätischen Korkeichen füllt sich rasch mit Leckereien. Es gibt frisch gebackenes Brot von Pedros Schwiegermutter, Salat, Oliven, Thunfischpaste, Queijo do Rabaçal, eine Käsespezialität aus Ziegen- und Schafsmilch, Chouriço, eine Wurst gewürzt mit Paprika und Knoblauch, sowie die portugiesischen Variante einer Quiche Lorraine. Und auch die Peixinhos da Horta dürfen nicht fehlen, die „Fischlein aus dem Garten“. Sie sehen aus wie kleine Sardinen, doch hier können selbst Vegetarier bedenkenlos zugreifen – die Fischlein sind nämlich im Tempurateig knusprig ausgebackene grüne Stangenbohnen.

„Der Wald ist sehr alt“

Den Korkeichenwald, der am Rande von Ferraria de São João wächst, hat die Dorfgemeinschaft einem 85-jährigen Bewohner abgekauft. „Der Wald ist sehr alt, er hatte schon seinem Großvater gehört“, erzählt Pedro. Als der Waldbesitzer ins Altenheim musste, überlegten Pedro und die anderen nicht lange und kauften das Grundstück mit den fast 90, teilweise jahrhundertalten Korkeichen, um sie zu schützen und für die nächsten Generationen zu erhalten.

Patenschaft für eine Korkeiche

Nach der geselligen Picknick-Runde kehrt Ruhe ein. Die Wanderer gehen nun eigene Wege, manche suchen sich ein Lieblingsplätzchen für eine kleine Siesta. Und während man im Halbschatten unter einer knorrigen Korkeiche liegt und in das satte Blau des Himmels blickt, überkommt einen eine tiefe innere Ruhe und der Wunsch für immer an diesem Ort zu bleiben. Zumindest ein stückweit kann man sich diesen Wunsch tatsächlich erfüllen – indem man eine der Korkeichen adoptiert, für die die Dorfgemeinschaft Patenschaften vergibt. „Jetzt kannst du jedes Jahr zurückkommen und dir ansehen, wie deine Korkeiche wächst“, sagt Pedro wenig später lachend, während er die offizielle Urkunde ausfüllt und unterschreibt. Nur zu gerne! So einfach schlägt man Wurzeln im Herzen von Portugal …

 

 

Anreise: TAP Portugal fliegt täglich mehrmals ab Frankfurt nach Lissabon. Flüge gibt es ab etwa 150 Euro (Hin- und Zurück).
Das Lousã-Gebirge mit den Schieferdörfern erstreckt sich zwischen den alten Universitätsstadt Coimbra und Leiria. Der Küstenort Figueira da Foz ist etwa 70 Kilometer entfernt. Nach Lissabon sind es knapp 200 Kilometer. Die Region eignet sich sehr gut für Aktivurlaub. Angeboten werden Aktivitäten wie Kanufahren, Klettern, Paddeln, Montainbiking, Trailruning und Wandern. Eine achttägige Wandertour (inklusive Übernachtungen mit Frühstück, Flughafentransfer und Gepäcktransport während der Tour) kostet beispielsweise 620 Euro. Eine achttägige Mountainbike-Tour für vier Personen (inklusive Übernachtungen mit Frühstück, Flughafentransfer und Gepäcktransport während der Tour) kostet ab 1 790 Euro, mit Begleitung eines Führers ab 2 190 Euro. Eine Zwei-Tage-Tour mit einer Übernachtung kostet ab 65 Euro pro Person, dazu kommen 25 Euro für das Fahrrad pro Tag. Eine Tagestour mit Picknick kostet rund 28 Euro.

In den Schieferdörfern werden verschiedene Workshops wie „Brotbacken“ oder „Ziegen melken und Käse herstellen“ angeboten, die sich sehr gut für Kinder eignen. Die Teilnahme kostet ab 25 Euro.

Allgemeine Infos zu Mittelportugal