Afrikas "Arche Noah": Der Etosha-Nationalpark ist das berühmteste Schutzgebiet Namibias. | Foto: dpa

Namibias Nationalpark

Spurensuche im Etosha

Die Natur kennt kein Erbarmen. Ein ganzes Geier-Geschwader macht sich über den Giraffen-Kadaver her, reißt mit seinen kräftigen Schnäbeln Stück für Stück aus dem gewaltigen Fleischberg heraus. Eine Handvoll Schakale, klapperdürr wie verwilderte Straßenköter, pirscht sich verstohlen an den reich gedeckten Tisch heran, während der Springbock-Kindergarten fasziniert das blutige Schauspiel verfolgt. Nur ein faules Löwenmännchen schert sich keinen Deut um die lockende Mahlzeit. Reglos döst es im Schatten einer Akazie vor sich hin, blinzelt gelegentlich mit den Augen und lässt sich nicht mal durch den Aufmarsch stinkender, lärmender Ungetümer aus der Ruhe bringen, die sich mit gehörigem Abstand, aber doch nah genug für die zweibeinigen Zaungäste um das Geschehen gruppiert haben. Nein: der Etosha-Nationalpark im Norden Namibias ist kein Hort der Friedfertigkeit sondern eine Welt des Fressens und Gefressenwerdens. Auch wenn der bedauernswerte Langhals womöglich nur an Altersschwäche gestorben ist.

 Achtung Warzenschwein! Während in anderen Ländern vor Rehen, Känguruhs oder Elchen gewarnt wird, weisen die Straßenschilder in Namibia auf die wildschweinähnlichen Tiere hin.
Achtung Warzenschwein! Andernorts wird vor Rehen, Känguruhs oder Elchen gewarnt, in Namibia vor den wildschweinähnlichen Tieren. | Foto: dpa

Kann es einen imposanteren Ort in diesem südafrikanischen Sehnsuchtsland geben als das 1907 unter deutscher Herrschaft eingerichtete Schutzgebiet Etosha, das ursprünglich zweimal so groß wie die Schweiz war? Schon damals war es um die einst reiche Tierwelt schlecht bestellt, durch Wilderei und bedenkenlose Großwildjagd, waren Elefanten und die abertausende Tiere zählenden Antilopenherden fast gänzlich verschwunden. Der Landbedarf der schwarzen Volksstämme und der zugewanderten weißen Siedler ließen das Territorium zwar schrumpfen, doch noch immer ist Etosha mit seinen über 20.000 Quadratkilometern eines der größten Wildschutzgebiete des Schwarzen Kontinents.

„Arche Noah“

Ein 1.700 Kilometer langer Zaun begrenzt diese afrikanische „Arche Noah“ mit ihren vielen paradiesischen Wasserstellen, zu denen alle kommen: die grazilen Springböcke, die wie auf Zehenspitzen durch die Savanne tänzeln; die stämmigen Oryx-Antilopen mit ihren gefährlich langen Hörnern; die unförmigen Gnus mit ihren bulligen Schädeln und die robusten Zebras, die vor lauter Lebenslust die reinsten Veitstänze vollführen. Nicht zu vergessen die mächtigen Elefantenbullen mit ihrer schrumpeligen Haut und die majestätisch schreitenden Giraffen, die buchstäblich alle viere von sich strecken, um zu trinken. „ Weit mehr als 3.000 Elefanten und über 2.000 Giraffen haben die Ranger in den vergangenen Jahren gezählt, 200 Spitzmaul-Nashörner und über 500 Löwen – viel zu wenig für die 14.000 bis 15.000 Springböcke im Park“, erzählt Ernst, der weiße Namibier, der besser deutsch als mancher Bajuware spricht. Selbst Leoparden, dank der rosettenförmigen Fell-Flecken Meister der Tarnung, und Geparden kommen in der scheinbar öden Landschaft aus Sand, Salz und Sonne vor.

Kindertag am Wasserloch: Nicht nur in der Trockenzeit bekommen Touristen im Etosha-Nationalpark Elefanten zu Gesicht.
Kindertag am Wasserloch: Nicht nur in der Trockenzeit bekommen Touristen im Etosha-Nationalpark Elefanten zu Gesicht. | Foto: dpa

Wären all die Japaner, Afrikaner und Europäer vor zig Millionen Jahren an den „großen weißen Platz“ gekommen, wie der Volksstamm der Ovambo die brettflache menschenlose Etosha-Pfanne getauft hat, sie wären buchstäblich in einen See hinein gestolpert, unfassbare 5.000 Quadratkilometer groß, in den der Bodensee locker zehnmal hineingepasst hätte. Doch dann trocknete das Leben spendende Gewässer aus, der Wind trug den fruchtbaren Boden mit sich fort und übrig blieb die größte Salzsenke auf Erden, so spiegelglatt, schneeweiß und lebensfeindlich wie die Erde vor dem ersten Schöpfungstag ausgesehen haben mag. So einleuchtend die wissenschaftliche Erklärung für das apokalyptische Geschehen auch sein mag, die Buschmänner der Heiqum erzählen sich eine andere Geschichte: Einst wurde der Landstrich von brutalen Jägern heimgesucht, die Männer und Kinder töteten, die Frauen jedoch verschonten. Eine weinte so bitterlich um ihr getötetes Kind, dass ihre Tränen einen See bildeten. Als diese austrocknete, blieb nur eine salzige Einöde, die Etoshapfanne zurück.

Wächter in Etosha: Giraffen laufen nicht nur im Nationalpark herum: Auch außerhalb des Etosha tänzeln sie über die Straße, knabbern an Blättern oder gucken einfach neugierig.
Wächter in Etosha: Giraffen laufen nicht nur im Nationalpark herum: Auch außerhalb des Etosha knabbern sie an Blättern oder gucken einfach neugierig. | Foto: dpa

Im namibischen Sommer, wenn die weiche afrikanische Morgensonne einem grellen Funkeln Platz macht und Fata Morganas über der staubtrockenen Erde schweben, die so rissig ist wie die eigenen Lippen, verwandelt sich das triste Nichts in eine Gluthölle. Kein Windhauch sorgt dann für Linderung, kaum ein Baum spendet Trost und Schatten, keine Schäfchenwolke mildert das gleißende Licht, das vom kalksteinweißen Boden gnadenlos reflektiert wird. So weit das Auge reicht nur Savanne mit verdorrten Zwergsträuchern und Süßgräsern. In den Mittagsstunden, wenn der Himmelskörper erbarmungslos auf das flache Land herab brennt und Afrikas Farben vom Grau des Staubes verschluckt werden, sind selbst die künstlichen Wasserlöcher verwaist. Dann flüchten die Springbockscharen unter die wenigen Bäume, die grazilen Dikdiks verschwinden im Gestrüpp, erschlaffte Löwen frönen dem Faulenzerturm. Nur dem putzmunteren Raubkatzen-Nachwuchs scheinen die Temperaturen jenseits jeglicher Wohlfühlskala nichts anhaben zu können. Ausgelassen balgen und raufen sie miteinander, erklimmen Frau Mamas ausladendes Hinterteil und holen sich ein paar Schmuseeinheiten ab.

Die Zahl der Springböcke in dem Schutzgebiet in Namibia wird auf bis zu 15 000 geschätzt.
Die Zahl der Springböcke in dem Schutzgebiet in Namibia wird auf bis zu 15 000 geschätzt. | Foto: wit

Wenn die Regenzeit hereinbricht und nachtschwarze Wolkenungetüme drohendes Unheil verkünden, ist der Park nicht wiederzuerkennen. Es ist die Wiedergeburt der Wüste als saftig grünes Paradies – mit sprießenden Schösslingen, bunten Blüten und seltsam skurrilen Moringabäumen, deren Rinde eine Delikatesse für Stachelschweine ist. Selbst die Salzpfanne hüllt sich dann in eine Schicht blaugrüner Algen, und jeder Tümpel füllt sich mit Wasser. Heerscharen von Kudus mit kunstvoll gezwirbelten Hörnern machen sich über das zarte Grün her. Unmengen von Strauße mit ihren ulkig überdimensionierten Hälsen überwachen die Ebene. Und dazwischen: Immer wieder Dickhäuter, die sich prustend und schnaubend ein Schlammbad genehmigen. In „Fischer’s Pan“, einer kleinen Salzpfanne im Osten von Etosha, verwandelt sich die warme Luft in eine rosarote Wolke, wenn Tausende Flamingos wie Primaballerinas durchs seichte Wasser stapfen und ihr flaumiges Federkleid spreizen. Manchmal ist der stets hungrige Nachwuchs noch nicht mal flügge, wenn die Sonne das lebensspendende Nass zu schnell verdunsten lässt. Wie 1971, als Zehntausende flugunfähiger Flamingoküken praktisch im Trockenen standen und zum wasserreichen Ekuma-Delta marschieren mussten – während die Eltern sie mittels nicht abreißender Stafetten mit Nahrung versorgen mussten.

Ruhepause in der Mittagshitze: Über 500 Löwen leben in dem berühmten Schutgebiet.
Ruhepause in der Mittagshitze: Über 500 Löwen leben in dem berühmten Schutzgebiet. | Foto: wit

Wenn die Sonne am Horizont verschwindet und Busse sowie Geländewagen das Andersson Gate passieren, wird im Camp Okaukuejo Abend für Abend das gleiche Stück gespielt: Wildnis pur zum Sundowner. Nur wenige Schritte sind es von den luxuriösen Rundhütten des ehemaligen Polizeipostens zur beleuchteten Wassertränke, wo sich all jene Protagonisten versammeln, denen Etosha seinen legendären Ruf verdankt. Nicht mal das flammende Flutlicht scheint die Hyänen und Löwen, die Antilopen und Nashörner zu stören und unwillkürlich fragt man sich, wer denn hier die wilden Tiere sind: die vierbeinigen Besucher oder die zweibeinigen Zuschauer, nur durch eine Mauer und einen Drahtzaun vom Geschehen entfernt. Augenpaare funkeln herüber, seltsame Geräusche erfüllen die Luft. Am tiefschwarzen Himmel prangt das Kreuz des Südens neben dem Skorpion mit seinem hochaufgerichteten Stachel. Vor dem Namensgeber und sonstigem wilden Getier fehlt glücklicherweise jede Spur. Manchmal ist die Natur eben doch gnädig.

Informationen

Anreise: Airnamibia fliegt direkt von Frankfurt nach Windhoek. South African Airlines bietet Umsteigeverbindungen über Johannesburg an. Für den Flug muss man mit etwa 800 Euro rechnen.
www.airnamibia.de
www.flysaa.de

Anbieter: Fast alle großen Reiseanbieter haben Namibia-Rundreisen mit Abstechern nach Etosha im Programm. Häufig werden sie auch mit den Nachbarländern Botswana und Südafrika kombiniert. Wer auf eigene Faust in den Nationalpark fahren möchte, kann entweder einzelne Reisebausteine oder einen Mietwagen buchen. Windhoek liegt etwa 450 Kilometer vom Nationalpark entfernt. Für einen Kleinwagen sind etwa 45 bis 65 Euro pro Tag fällig, ein Geländewagen kostet mindestens 100 Euro.

Unterkunft: Im Park gibt es fünf verschiedene Camps, die frühzeitig gebucht werden müssen. Am einfachsten ist Okaukuejo im Süden zu erreichen, Dolomite im Osten ist das jüngste und exklusivste Camp des Parks. Bei den älteren Camps gibt es neben Campingplätzen auch Lodges und Chalets.
Preise: In Okaukuejo kostet die Übernachtung pro Person ab 870 namibische Dollar (etwa 60 Euro) im Doppelzimmer. Das Luxuschalet in unmittelbarer Nähe des Wasserlochs schlägt mit 1790 namibischen Dollar (etwa 120 Euro) pro Person und Nacht zu Buche. In der Hauptsaison Juli bis Oktober sind die Preise deutlich teurer.
Der Stellplatz auf dem Campingplatz kostet 400 namibische Dollar. Safaris werden für 550 namibische Dollar angeboten, Nachtsafaris ab 660.
Etoshas exklusivstes Camp, Dolomite mit 20 Zelten im Safaristil kostet 1430 namibische Dollar (etwa 100 Euro) pro Person und Nacht, in der Hauptsaison 1790 namibische Dollar (etwa 130 Euro).

www.etoshanationalpark.org

Auskünfte: Namibia Wildlife Resorts Central Reservations Office, Telefon +264 2857200.
www.nwr.com.na