Warth-Schröcken
Abgelegenes Kleinod: Bürstegg unweit von Warth-Schröcken ist mit seiner Lage auf 1719 Metern die höchstgelegene Walsersiedlung im österreichischen Bundesland Vorarlberg. | Foto: TV Warth-Schröcken

Das Skigebiet Warth-Schröcken

Das Schneeloch in Vorarlberg

Warth-Schröcken im österreichischen Bundesland Vorarlberg ist das Skigebiet Europas mit dem meisten Naturschnee. Dank der Höhenlage und der zahlreichen Nordhänge kann der Schneegarant am Arlberg bis in den April beste Pistenverhältnisse bieten. Kein Wunder, dass sich die beiden Bergdörfer zum Hotspot für Tourengeher und Freerider entwickelt haben.

 

Die schicken Carvingski sehen nicht nur wegen des auffallend schwarz-roten Designs richtig teuflisch aus. Die Skischaufeln sind so breit, dass Frühaufsteher damit ganze Latifundien freiräumen könnten. Doch Bangemachen gilt nicht, schließlich ist im Gelände anderes Ski-Kaliber von Nöten als auf der planierten Piste. Einmal durch den Tiefschnee pflügen, bis zu den Knie im strahlenden Weiß versinken und verschnörkelte Yin- und Yang-Linien über den jungfräulichen Teppich ziehen, davon hat der mutige Flachlandtiroler schon immer geträumt. Wären da nur nicht diese unverschämt taillierten Bretter und der innere Schweinehund, der frech flüstert: Du wirst dich granatenmäßig blamieren. Marcos Schützling scheint die Sorge vor allzu viel Körperkontakt mit der fluffigen weißen Pracht buchstäblich ins Gesicht gemeißelt zu sein, weshalb der 39-jährige Skiguide dem Möchtegern-Freerider erst mal lockeres Einfahren verordnet. Der wahre Wintermärchen-Traum mit seinen göttlichen Pulverschneehängen rund um den Vorarlberger Ort Warth läuft schließlich nicht davon.

Traumhaftes Pistenrevier: Warth-Schröcken ist bis in den April schneesicher.
Traumhaftes Pistenrevier: Warth-Schröcken ist bis in den April schneesicher. | Foto: TV Warth-Schröcken

Marco, der von allen nur Jacky genannt wird, ist schon seit Stunden auf den Beinen. Während die Urlauber dank der guten Bergluft in 1 500 Meter Höhe noch selig schlummerten, hat der agile Bio-Landwirt seine zwölf Kühe versorgt. „Dort drüben liegen die Sommerweiden“, erzählt das Ski-As mit der bunten Pudelmütze, während der Steffisalp-Express gemütlich zum Warther Horn hochgondelt. Oben angekommen überzieht ein Spinnennetz aus roten und blauen Pisten die baumlosen Hängen, doch die echten Freaks zieht es ins Gelände, wo Schneekristalle wie flüssiges Silber glitzern und Frau Holle Senken und Einschnitte gnädig mit einem weißen Tuch bedeckt hat. Die ersten Schwünge im tiefen Firn fallen wenig schnittig aus, und Marcos Eleve merkt schnell, dass des Skifahrers Glück nichts für Angsthasen und Bewegungsfaule ist. „Schön mittig über dem Ski stehen“, gibt der Skilehrer seinem Mündel mit auf den Weg und den Ratschlag, nicht ganz so steif in den Beinen zu sein, „wie ein 70 Zentimeter dickes Eichenbrett.“ Der Mann weiß, wie man sich Freunde macht.

Knallig bunt: Per Gondel geht es von Warth-Schröcken hinüber nach Lech.
Knallig bunt: Per Gondel geht es von Warth-Schröcken hinüber nach Lech. | Foto: wit

Was hat der Österreicher zwecks Broterwerb nicht schon alles gemacht: eine Ausbildung an der Landwirtschaftsschule, eine Schreinerlehre und natürlich – wie der Vater – den Job als Skilehrer. Wer im 160-Seelen-Dorf Warth bleiben will, der Heimat der ersten Alpinski-Pioniere und einiger Olympia-Medaillengewinner, landet zwangsläufig im Tourismus, weil Arbeitsplätze rar gesät sind in der kargen Bergregion. Dabei ist der winzige Ort unweit des Hochtannbergpasses, der noch vor ein, zwei Jahrzehnten im Winter oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten war, noch gut dran. Es gibt ein Lebensmittelgeschäft und einen Metzger, eine Sennerei, selbst eine kleine Bankfiliale. Nur mit Kindergarten und Schule kann das landauf, landab berüchtigte Schneeloch nicht dienen, weil es jahrelang keinen Nachwuchs gab. „Mittlerweile hat sich das geändert“, erzählt Bürgermeister Stefan Strolz, dessen Cousin Hubert, der „Hubsi“ , sich 1988 bei den Olympischen Winterspielen die Goldmedaille in der Kombination holte.

Bodenständig:Warth-Schröcken

Verwunderlich ist es nicht, dass auf der Nordseite des Arlberg Skilegenden geboren werden. Selbst in miesen Wintern, wenn sich andernorts weiße Kunstschneebänder zwischen schmutziger brauner Erde schlängeln, können sich Warth und das benachbarte Schröcken auf die göttliche Gabe von oben verlassen. Im Schnitt elf Meter Neuschnee gehen im Jahr auf den hintersten Winkel des Bregenzerwaldes nieder; es können auch gern mal 14 oder 17 Meter werden. Klingt unglaublich, beinahe beängstigend, jedenfalls nach Fabel-Rekord. Manchmal wird es selbst den Einheimischen zu viel, wenn die Straße hinüber ins mondäne Lech mal wieder wegen Lawinengefahr geschlossen wird. Ob er Schneekanonen brauche, wurde der langjährige Betriebsleiter Helmut Zimmermann einmal gefragt: „Ein Flammenwerfer wäre mir lieber“ antwortete der Elektriker knochentrocken.

Wo Skilegenden geboren wurden: Blick auf das 160-Seelen-Dorf Warth.
Wo Skilegenden geboren wurden: Blick auf das 160-Seelen-Dorf Warth. | Foto: TV Warth-Schröcken

Pfarrer Müller ahnte sicherlich nicht, welche Lawine er mit der ersten Skitour in der Geschichte des Arlberg lostreten würde. Streng und stolz blickt der Gottesmann mit dem weißen Collar von dem Gemälde herab; keine Spur von Abenteuerlust. Doch Hochwürden war ein rechter Skipionier, sozusagen der erste Freerider am Hochtannberg. 1894 hatte er in einer Zeitschrift über diese merkwürdigen Holzlatten gelesen, mit denen sich Norweger und Schweden in meterhohem Schnee fortbewegten. Der Seelsorger fackelte nicht lange, ließ sich die Bretter nebst langem Stock zum Abstoßen schicken und trainierte heimlich – aus Angst, von seinen Schäfchen verlacht zu werden. Nach zwei Tagen hatte der gute Mann den Dreh raus, der Tour hinüber zum Kollegen nach Lech stand nichts mehr im Wege.

Jugend als Nachahmer

Schnell fanden sich Nachahmer, vor allem im Kreis der Dorfjugend, die sich aus Fassdauben einfache Skie bastelten. Doch bis zum Aufblühen des Tourismus, bis zur Ära der Bergbahnen und des Massenbetriebs auf präparierten Pisten sollten noch etliche Jahrzehnte vergehen. Womöglich wäre der Schneegarant Warth-Schröcken das geblieben, was er lange war: ein kleines, aber feines Skigebiet mit Pisten bis auf 2 000 Meter Höhe. Doch im Wettstreit der Wintersportdestinationen zählen andere Werte; immer größer, immer höher, mit noch mehr Pisten und Liftanlagen lautet die Devise. Das steigert die Attraktivität und lässt Gästezahlen klettern. Was lag also näher, als den Schulterschluss mit dem mondänen Lech zu suchen.

Die  Nordseite des Arlberg

Der Ort, wo die Schönen, Berühmten und Reichen ihre champagnergeschwängerten Schneepartys feiern, stellt zwar einen ziemlichen Gegensatz zu den ebenso bodenständigen, wie beschaulichen Walsersiedlungen Warth und Schröcken dar, doch dafür brachte er ein blitzsauberes Pistenrevier in die Ehe ein. „Für uns ist der Auenfeldjet ein Glücksfall“ schwärmt Thomas Übelher von den Skiliften Warth angesichts des rund zwei Kilometer langen Verbindungsliftes, der einen Höhenunterschied von 66 Metern überwindet und stolze zwölf Millionen Euro kostete. Keine einzige neue Piste wurde angelegt, und doch ist das 160-Seelen-Dorf dank der neuen Kabinenbahn in eine neue Liga aufgestiegen. Statt mit 14 kann jetzt mit 49 Seilbahnen geworben werden, die das komplette Arlberg-Skiuniversum von rund 350 Pistenkilometern erschließen. Die Aufbruchsstimmung ist jedenfalls nicht zu übersehen. Neue Hotels wurden hochgezogen, Traditionshäuser liebevoll saniert. Denn auf eines kann sich der Vorarlberger Doppelpack verlassen: Es werden noch viele Flachlandtiroler kommen, die vom Freeriden in fluffig weißer Pracht träumen.

 

Informationen

Anreise: Auf der L 200 ab Bregenz über die Bregenzerwaldstraße und den Hochtannbergpass oder auf der L 198 ab Reutte durch das Tiroler Lechtal. Die Straße zwischen Lech und Warth ist im Winter meist gesperrt.

Skipass: In Warth-Schröcken können Skifahrer zwischen unterschiedlichen Tarifsystemen wählen. Der Skipass „Warth-Schröcken“ berechtigt zur Benützung aller 14 Lifte und Bahnen sowie 60 Kilometer Pisten und Skirouten auf dem Gebiet von Warth und Schröcken. Er kostet für zwei Tage 95 Euro für Erwachsene. Jugendliche (Geburtsjahr 1997 bis 2000) zahlen 83 Euro, Kinder (Jahrgang 2001 bis 2008) zahlen 47 Euro. Der Drei-Täler Skipass schließt weitere Skigebiete im Bregenzer Wald, das Große Walsertal sowie das Tiroler Lechtal ein. Der Sechs-Tages-Pass kostet für Erwachsene 221 Euro, für Jugendliche 195 Euro und für Kinder 111 Euro. Wer noch mehr Auswahl braucht: „Ski Arlberg“ gilt auf 97 Bahnen und Lifte mit 350 Pistenkilometern. Der Sechs-Tages-Pass kostet 262 Euro für Erwachsene, 227 Euro für Jugendliche und 157 Euro für Kinder.

Pauschalen: „Bock auf Ski-Zeit“ ist eine achttägige Pauschale im Sporthotel Steffisalp direkt neben der Skipiste überschrieben. Sieben Übernachtungen mit Halbpension, Skipass für sechs Tage, Rodelpartie sowie Schneeschuhwanderung gibt es ab 1 005 Euro pro Person im Doppelzimmer zu buchen. www.steffisalp.at

„Kurz und gut“ heißt eine Pauschale im Wellness Hotel Warther Hof. Sie umfasst vier Übernachtungen mit Verwöhnpension, den Drei-Tage-Skipass und einen Wellnessgutschein im Wert von 100 Euro. Kosten: ab 803 Euro pro Person. www.wartherhof.com

„Short Ski“ im Ski- und Wanderhotel Jägeralpe umfasst vier Übernachtungen mit Gourmetpension und einen Drei-Tage-Skipass. Kosten: ab 596 Euro pro Person. www.jaegeralpe.at

Auskünfte: Warth-Schröcken Tourismus, A-6767 Warth, Telefon (00 43) 5 58 33 51 50.
www.warth-schroecken.com