Ringsgwandl präsentiert neues Album "Woanders"
Musik aus dem Wohnzimmer: Ringsgwandl. | Foto: Henner Fotista

Neues Album: "Woanders"

Kammermusik à la Ringsgwandl

Wer als Nichtbayer wissen will, was ein Krattla ist, der muss den doppelbödigen Begriff schon im Netz suchen. Ganz volkstümlich wird der Googler auf der „boarischen“ Dependance von Wikipedia (bar.wikipedia.org) bedient, aber auch die hochdeutsche Mutter-Site gibt Aufschluss darüber, dass es sich um ein Schimpfwort von echtem Schrot und Korn handelt. Egal ob Grattler, Kratler, Graddler oder eben Krattla, wie vom Münchner Georg Ringsgwandl geschrieben, das Ergebnis ist in etwa immer das gleiche. Mal versteckt sich hinter dem Krattla ein Penner, mal ein Asozialer, mal ein Kleinkrimineller. Ringsgwandl versteht darunter auch einen halbseidenen Typen, einen Luftikus, der von einer gewissen Durchtriebenheit und Verschlagenheit gekennzeichnet ist. Und der Ringsgwandl muss es wissen, sieht er sich doch selbst als Krattla. „Wir waren zuhause alle Krattla“, sagt er verschmitzt. Und meint das eher lieb. Weshalb der „Krattla von Minga“ (Minga = München) vom brandneuen Album „Woanders“ auch ein höchst autobiografisches Lied ist. Nur das Viertel, in dem der Song verortet ist, existiert so längst nicht mehr und ist eigentlich nur noch „virtuell vorhanden“, wie der einst als „Punk-Qualtinger“ Apostrophierte erklärt.

Ich hab einen chronischen Hang zur Kriminalität. Wenn ich irgendwo was drehen kann, dann tu ich das halt

„Wie alle, die von dort kommen, hab ich einen chronischen Hang zur Kriminalität“, bekennt der Hüne, der in seiner gekrümmten Schlaksigkeit mehr innere als körperliche Haltung an den Tag legt und immer aber auch den Schalk im Nacken sitzen zu haben scheint. „Wenn ich irgendwo was drehen kann, dann tu ich das halt“, gibt er lapidar zu Protokoll. Und fügt sogleich hinzu: „Aber ich unterdrücke das, ich will ja schließlich nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten!“ Ob er wenigstens mal ein bisserl beschissen hat? Vielleicht sogar den Staat? „Sagen wir es so: es kostet mich große Mühe, keine Steuer zu hinterziehen. Was erklärt, dass ich eine große Sympathie gegenüber allen Typen hab, die in dieser Richtung negativ auffallen.“ Ein kleiner Ganove also, der Herr Ringsgwandl?

Echt und geradeaus

Mei, ganz so schlimm is net. Was die Leut’ um ihn herum angeht, schon gar nicht. Da ist der gebürtige Reichenhaller eine absolut ehrliche Haut. Vor allem da. Was man zum Beispiel an seinem neuen Album sieht, das so echt und geradeaus rüberkommt, dass es schon wieder zum Fürchten ist. In gerade mal fünf Tagen hat Ringsgwandl mit seinen langjährigen Musikspezis (darunter auch der aus unserer Region stammende Drummer Tommy Baldu!) „Woanders“ eingespielt. In der Wohnung einer seiner drei Töchter in München („Ein Altbau, verkehrsgünstig gelegen“). Ein Mikrofon in der Mitte des Wohnzimmers, und schon konnten frühmorgens „mit der ganzen Energie des Tages“ die Aufnahmen beginnen. Ein, zwei Takes, das war’s. „Man kann das nicht 20 Mal spielen und totproben“, sagt Ringsgwandl und umreißt damit die Idee, die hinter dieser fast kammermusikalischen Platte steht. Und diese Idee ist dem eigenbrötlerischen Bajuwaren nicht etwa über Nacht zugeflogen. Schon vor gut 15 Jahren trieb den Ringsgwandl der Gedanke an ein Album mit US-Blues- und Südstaatenrock-Flair um: schwarz angehaucht und lässig zurückgelehnt. „Es sollte so einfach wie möglich klingen, als würd’ sich einer hinsetzen, das runterschrubben und fertig“, präzisiert er die Intention. Um hinterherzuschicken: „Aber gerade das ist schwierig, ja eine Kunst. Das kann man nicht so schnell mal eben hinpfeffern. Das braucht Jahre.“ Und vor allem gute Musiker, mit denen man sich im Schlaf versteht. Und weil die mal nicht gerade an jeder Ecke herumlungern, vielmehr im Gegenteil nur mühsam aufzutreiben sind, wurde „Woanders“ ein richtiges Langzeitprojekt.

Jahrelange Vorarbeit

Vor rund sechs Jahren nahm dann die verschwommene Idee konkrete Züge an. Die Vorgabe: gemeinsam auf akustischen Instrumenten wie Mandoline, Zither und Kontrabass musizieren, in einem einzigen Raum und ohne Netz und doppelten Boden. Was auch bedeutete, dass ausgerechnet im besten Take mal ein Notarztwagen um die Ecke tatütatate oder eine Tür knallte. „Das ist wie in einem Haushalt. Da darf’s ruhig hier und da ein wenig dreckig sein. Es muss nicht jede Ecke sauber geputzt sein.“ Hören tut’s in der Aufnahme trotzdem nur, wer danach sucht.

Ein bisschen, so gibt das krattlige Schlitzohr beiläufig zu, habe man für das Projekt auch über den Großen Teich gelinst, wo seit zehn Jahren „unvorstellbar gute Bands wie die Punch Brothers“ (siehe obigen Clip, d. Verf.) am Werk sind, so 20-, 25-jährige Typen aus der Avantgarde-Bluegrass- und -Folkszene, die in Klamotten wie vor hundert Jahren auf Instrumenten von vor hundert Jahren Musik machen wie vor hundert Jahren. In Zimmerlautstärke und ohne technischen Firlefanz. Nur ein Mikro in der Mitte, die musizierenden Freaks drumherum aufgestellt. Und der, der gerade die vokale oder instrumentale Führung übernimmt, geht näher ans Mikro ran, die anderen entfernen sich davon. „Das ist in den USA eine ganz große Strömung“, sagt der Musiker und fügt lachend hinzu: „Wir sind also nicht die einzigen Irren, die so was machen“. Alte Klamotten von Anno Tobak tragen Ringsgwandl und seine „Kammermusiker“ freilich nicht. Aber grundsätzlich besteht schon eine gewisse Seelenverwandtschaft mit den Amis. Auch die musikalischen Lebensläufe hüben wie drüben gestalten sich ähnlich. Von Soul über Funk bis Metal haben sie alle vorher schon vorher andere Musik gemacht oder gehört, die modernen Leisetreter.

Georg Ringsgwandl1

„Dreckige Geschichten“ live

„Saubere Musik und dreckige Geschichten“ ist Ringsgwandls aktuelle Konzertreise überschrieben. Wobei dreckig ein dehnbarer Begriff im Kosmos des fabulierenden, musizierenden Herrn aus Weißwurschtland ist. Und mit biografischen Inhalten muss der geneigte Hörer auch nicht immer rechnen. Themen liefert auch das blanke, stinknormale Leben. Zum Beispiel direkt aus dem Telefon. Da hatte Ringsgwandl doch glatt mal die Besitzerin eines Katers an der Strippe, die ihm so en passant vom lässigen Leben ihres Lieblings berichtete. Was dem Ringsgwandl-Schorsch die Blitzidee für seinen „Koda“-Song lieferte. „Das war aus dem Affekt heraus“, sagt er. „Jeder von uns kennt das: Leute, die arbeiten, sind heute auf so gnadenlose Weise eingespannt und stehen unter so wahnsinnigem Stress, dass ihnen Hören und Sehen vergeht. Insofern ist der Kater eine echte Alternative“, schmunzelt er. Der Salontiger muss sich neben Fressen und Schlafen und Kraulenlassen um nichts weiter kümmern. Nicht mal um Nachbars Mieze – wenn er kastriert ist. Im Übrigen seziert der musizierende Ex-Mediziner ganz unliterarisch und knochentrocken die Welt der Verzweifelten („Furchtbar“), Anpassungsfähigen („Die Spargelkönigin“), Fortschrittshörigen („Dorf“) und Weltenbummler („Sitz de her“).

Fortsetzung folgt?

Ob „Woanders“, dieses kammermusikalische Kleinod, diese filigrane Ode an die Spielfreude, irgendwann eine Fortsetzung erfährt, ist gut möglich. Darauf könnte dann vielleicht ein Lied über
die Parkplatzsuche eines Krattlas Platz finden. So wie Ringsgwandl einer ist. „Wenn ich eine Parklücke in einer Einbahnstraße entdecke, aber erst einmal um den Block kurven müsste, um dorthin zu kommen, fahr ich schon mal falsch rum in die Straße. Meine Töchter würden bei so was einen Schreikrampf kriegen“, lacht er, und schickt hinterher: „Und ich muss mich wahnsinnig zusammenreißen, dass ich mich net auf einen Behindertenparkplatz stell!“

 

Georg Ringsgwandl (* 15.11.1948 in Bad Reichenhall) wuchs in einfachen Verhältnissen auf (Mutter Hausfrau, Vater Postbote) und gab 1992 seinen Beruf als Arzt zugunsten der Musik auf. 1986 erschien des Punk-Qualtingers Debütalbum „Das Letzte“.

Neues Album: "Woanders"
Neues Album: „Woanders“

Aktuelles Album: „Woanders“ (Capriola/Sony Music)
Live: 12.10., Mannheim, Capitol; 13. 10., Karlsruhe, Tollhaus; 17.10., Stuttgart, Theaterhaus.

www.ringsgwandl.net

www.capitol-mannheim.de

www.tollhaus.de

theaterhaus.com