Saad Qaeidi lebt seit sechs Jahren in Pforzheim. Er besucht die Insel-Realschule und ist leidenschaftlicher Fußballspieler. Foto: Ehmann | Foto: Ehmann

Pforzheim ist die neue Heimat

Saad möchte am liebsten Polizist werden

In dem mehrstöckigen Pforzheimer Haus fuhr Saad Qaeidi zum ersten Mal in seinem Leben Aufzug. Er war fassungslos. „Man drückt auf einen Knopf und kommt dort an, wo man hin will“, sagt der 16-jährige Iraker.

Der Jugendliche kickt für den SV Büchenbronn

Auf den Knopf drücken und nach oben fahren: die erste Aufzug-Fahrt liegt sechs Jahre zurück und Saad scheint heute ziemlich genau zu wissen, wo er hin will. Fachabitur möchte er machen und vielleicht Polizist werden oder einen Beruf im sozialen Bereich ergreifen. „Helfen, wie mir geholfen wurde.“
Saad besucht die achte Klasse der Insel-Realschule. Schon drei Mal war er Klassensprecher. Saad ist selbstbewusst und spricht außergewöhnlich gut deutsch. An diesem Tag trägt der Jugendliche eine Kapuzenjacke mit dem Emblem des SV Büchenbronn. Er ist leidenschaftlicher Fußballer. Ein Freund hat ihn mal mitgenommen zu einem Verein in Kieselbronn. Heute kickt er für den SV Büchenbronn, „einige Klassen höher“, sagt er stolz. Linkes Mittelfeld spielt er dort. Er sieht glücklich aus, während er erzählt von seinem Leben „in der zweiten Heimat“.

Mit der Familie über Syrien gekommen

„Hier werden die Menschen respektiert. Ich kann in die Schule gehen, mit Kleidern, die ich tragen will. Das schätzt man, weil man es früher nicht hatte“, sagt er.
2010 kam Saad mit seinen neun Geschwistern und der Mutter im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland. Dem Vater war drei Jahre zuvor die Flucht aus dem Irak gelungen. Dass sie alle zusammen in Pforzheim leben können, beschreibt Saad als größtes Glück. „Wir wussten nicht, ob wir eine Chance haben würden auf ein Leben in Frieden.“ Seine Ankunft sei damals völlig unwirklich gewesen. „Wie wenn man von einem Film in einen anderen kommt.“ Das Flugzeug landete in Frankfurt, und der junge Iraker sah auf einmal Bäume und Wälder, Autos, die Autobahn. „So etwas gab es bei uns nicht.

Die Angst ging immer mit

Aufgewachsen in einem kleinen Dorf bei Mosul war das Leben der jesidischen Iraker immer bedroht. Saads Vater musste in der Armee kämpfen. Kriegshandlungen habe der Rest der Familie auf dem Land zwar keine mitbekommen. „Aber die Angst war bei jedem Schritt zur Schule dabei.“ Die Familie floh nach Syrien und lebte dort mehrere Monate bis zur Übersiedelung nach Deutschland. Saad hatte sich vorab über sein Wunschland informiert. Heute ist er begeistert über das, was ihm hier angeboten wurde: zum Beispiel das Rotary-Programm „Kinder lernen Deutsch“. Seit zehn Jahren gibt der Rotary Club Pforzheim Geld für individuelle Sprachförderung an Grundschulen und hat in das Projekt bereits 150 000 Euro investiert. Organisiert wird der spielerische Unterricht in kleinen Gruppen über die Volkshochschule.
Saad erinnert sich, wie er mit seinen Geschwistern einen Duden kaufte, um sich mit der fremden Schrift vertraut zu machen. Irakische Nachbarn, die schon länger hier waren, brachten ihnen nützliche Vokabeln bei. Das Alphabet kannte er noch vor seinem ersten Tag in der Insel-Schule. „Es war toll“, erinnert er sich. „Die Lehrer lächeln dich an und wollen wirklich was mit dir machen.“ In der Schule damals im Irak saß er an einem kaputten Fenster mit vielen Kindern in einem Raum ohne Heizung.

Leicht war das erste Jahr in Pforzheim nicht

Leicht war das erste Jahr in Pforzheim trotzdem nicht. „Ich war ungebildet“, erzählt Saad. Die Sprache konnte er noch nicht recht und ein Handy besaß er auch nicht. Gründe genug, um ausgegrenzt zu werden. Manchmal wurde er auch angemacht, wenn er in Pforzheim unterwegs war. Und besonders, wenn etwas passierte, wofür ein Asylbewerber verantwortlich war. „Man kann nicht alle in einen Topf werfen“, sagt Saad.
Zuhause in der Familie hilft man sich gegenseitig. Zwei von Saads Schwestern gehen in die Grundschule, eine ist in der Realschule eine Klasse unter ihm. Zwei ältere Schwestern machen Lehren als Goldschmiedin, eine lernt Friseurin. Die älteste lebt in München und arbeitet als Arzthelferin bei einem Zahnarzt. Die Eltern besuchen derzeit Sprachkurse.
Zwei Rotary-Freunde, Rainer Zimmermann und Harry Landauer, die Saad an diesem Tag in der Schule besuchen, sind beeindruckt von der Entwicklung ihres Schützlings und davon, wie die Großfamilie das neue Leben meistert. „Das kommt nicht einfach so“, macht Saad klar, dass hinter den Karrieren der Familienmitglieder viel Willenskraft und harte Arbeit stecken. „Für uns ist das ein ganz großes Glück,“ sagt er wieder.

Weihnachten hat bei den Jesiden keine Bedeutung

Etwas vermisst Saad in seiner „zweiten Heimat“: Eine Gemeinde, in der er seinen Glauben leben kann. Wenn in Pforzheim Weihnachten gefeiert wird, ist ihm das heute nicht zwar mehr völlig fremd. „Das Gespräch hatte ich gerade mit einem Freund“, erzählt er. Eine Bedeutung hat Weihnachten für die Familie Qaeidi nicht. In der jesidischen Religion gibt es am 16. Dezember ein Zuckerfest zum Abschluss einer dreitägigen Fastenzeit. Dass Saads Eltern den kleineren Geschwistern an Weihnachten kleine Geschenke machen, ist wohl eher ein Zugeständnis an das neue Leben.
Ansonsten bleibt die jesidische Familie ihrer Tradition treu. Saads älteste Schwester ist mit einem Jesiden verheiratet. In der Familie wird über dieses Thema geredet. Auch Saad kann sich eine Ehe nur innerhalb der eigenen Religion vorstellen. „Ich glaube, wir sind noch nicht soweit“. Aber nicht alles muss bleiben, wie es ist, scheint er zu denken. „Wenn ich einmal Kinder habe“, meint er, „dürfen sie auch jemand anderes heiraten. Ich hoffe, wir sind auf einem richtigen Weg.“