Schule für Flüchtlinge
Tulla-Realschüler helfen mit beim Aufbau der Schule für Flüchtlinge | Foto: jodo

Ehrenamtliche tragen Projekt

Schule nur für Flüchtlinge startet in Karlsruhe

Bahn für Bahn zieht der Teenager die weiße Farbrolle über die Decke, den Kopf stets nach oben gereckt. Einige Meter weiter sind Klassenkameraden damit beschäftigt, gespendete gebrauchte Schulranzen mit Schwämmen zu reinigen. Statt Religion und Physik zu pauken, helfen die Neuntklässler der Tulla-Realschule an diesem Morgen beim Aufbau einer komplett neuen Schule mit – eine für Flüchtlingskinder.

Jasmin Sahin kämpfte für Schule für Flüchtlinge

Mehr als ein Jahr kämpfte Jasmin Sahin, Gründerin des Kinderhilfswerks Uneson, für dieses Projekt, das sie „Lernfreunde“ nennt. Selbst Mutter, engagierte sich die temperamentvolle Frau früh in der Flüchtlingshilfe. Schnell war sie sicher: Die Kinder der Asylsuchenden wollen und sollten regelmäßig Unterricht bekommen.

Vision wird Realität

Nun wird diese Vision Realität: Nach den Herbstferien startet der Schulbetrieb in einem KIT-Gebäude auf dem Gelände der früheren Mackensenkaserne. Karlsruhe ist damit nach der durch das Regierungspräsidium eingerichteten Unterkunft für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge einmal mehr landesweit Vorreiter – wobei die Schule komplett durch Ehrenamtliche und Spenden getragen wird.

Neue Dimension

„Natürlich gab es bisher in Asylunterkünften schon stundenweise Unterricht. Aber ein so systematisches Angebot in einer festen Institution, das ist eine neue Dimension“, sagt Timo Hoyer, Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule. Die PH wird nicht nur selbst an dem Projekt mitwirken, sondern es auch wissenschaftlich begleiten.

Hoyer sagt: „Die Flüchtlingskinder haben eine Bildungsherkunft. Und sie brauchen eine Bildungszukunft. Die Bildungsgegenwart ist hier der Schlüssel. Ein zentraler Punkt für Integration ist Bildung.“ Als Wissenschaftler sei er zunächst skeptisch gewesen: „Es kommen viele Ideen auf – nicht alles wird Realität“, so Hoyer. Aber das „Lernfreunde“-Team um Jasmin Sahin sei fantastisch: „Da ist Leidenschaft da.“ Lüppo Cramer und Monika Klein von der Flüchtlingshilfe sind ebenfalls begeistert: „So ein Konzept gab es bisher nicht. Das ist eine richtig gute Sache.“

Offiziell keine Schulpflicht

Offiziell besteht für Flüchtlingskinder in den ersten sechs Monaten in Deutschland keine Schulpflicht. Insofern bleibt das „Lernfreunde“-Angebot freiwillig. Stimmen die Eltern zu, werden die Sechs- bis 16-Jährigen um 9 Uhr mit einem Bus in ihrer Unterkunft abgeholt. Auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne gibt es dann erst einmal ein gemeinsames Frühstück, später Mittagessen.

Auch im Matsch spielen

Der Unterricht ist spielerisch, Deutsch und Mathe stehen auf dem Plan. Noch ist einiges zu tun bis zum Schulstart. Eine Küche wird eingerichtet, es folgen Speisesaal und Kunstzimmer, eine Bibliothek und eine Kleiderstube, in der die Kinder zum Beispiel Wechselkleidung, Hausschuhe oder Regenstiefel finden. „Wir wollen nachmittags auch mal rausgehen und toben oder im Matsch spielen“, erklärt Sahin.

Bis 16 Uhr dauert die Betreuung, an der auch eine Arbeitsgemeinschaft des Max-Planck-Gymnasiums mitwirkt. 25 Kinder sollen zum Start unterrichtet werden, die Gruppe wird dann immer weiter wachsen.

Tulla-Realschule ist Partner

Schon jetzt wuseln Jugendliche durch die Räume, die zu der Zeit, als auf dem Gelände Zelte als Notunterkunft standen, Verwaltung war. Die Tulla-Realschüler malern und putzen. Mitten drin ihr Klassenlehrer Jochen Pietschmann. Vor einigen Monaten behandelte er mit der Klasse das Thema Flüchtlinge und stellte fest, dass einige Schüler wenig wissen, aber große Vorbehalte haben. Also organisierte er Treffen mit Flüchtlingskindern. Persönliche Begegnungen. Gespräche.

Persönliche Begegnungen

„Das hat meine Einstellung verändert“, sagt heute der 15-Jährige Rico Aloisi, der begeistert beim Aufbau der Schule hilft. Die komplette Tulla-Realschule ist inzwischen Partner von „Lernfreunde“, „das war die logische Konsequenz für uns“, so Pietschmann. Der ebenfalls 15-jährige Emre Kahriman findet das „eine gute Idee“ des Lehrers: „Wir versuchen, den Weg für die Flüchtlinge einfacher zu machen.“

Die 14-jährige Aurora Wutschka reinigt Schulranzen, auch sie ist begeistert von der Kooperation und will in jedem Fall wiederkommen, wenn der Schulbetrieb läuft und die Flüchtlingskinder da sind. Sie habe schon zusammen mit jungen Asylsuchenden Obstsalat gemacht. „Das war nett. Aber einige von ihnen sind schon nicht mehr in Deutschland, sie wurden zurück in die Heimat geschickt“, erzählt die Schülerin.

Schüler wechseln

Womöglich wird dies bei einigen Schülern der „Lernfreunde“ ebenso sein. „Wir müssen uns jeden Tag auf eine neue Situation einstellen, es kommen neue Kinder. Andere werden vielleicht weiter verlegt oder abgeschoben“, so Sahin. Jedes Kind soll an seinem ersten Schultag eine Grundausstattung bekommen: Einen Ranzen, Hefte, Stifte. Auch dies werden Spenden sein.

Spenden

Die „Lernfreunde“ sind auf Spenden angewiesen. Gebraucht werden unter anderem Ranzen, Hefte, Stifte, Sportkleidung für Sechs- bis 16-Jährige, Hausschuhe, Regenstiefel sowie Kinderbücher. Kontakt:
jasmin.sahin@uneson.org
Geldspenden an: Uneson gemeinnützige UG, Sparkasse Karlsruhe, IBAN DE96 6605 0101 0108 1140 59.
Für alle, die ehrenamtlich bei den „Lernfreunden“ mitwirken wollen, wird es einen Schulungstermin geben. Der Termin wird noch bekanntgegeben.

Hier finden sich weitere Informationen zum Kinderhilfswerk Uneson.