Im Buch "Schwer behindert - leicht bekloppt" schildert  Bernd Mann (rechts) sein Leben mit Christian Kenk.
Im Buch "Schwer behindert - leicht bekloppt" schildert Bernd Mann (rechts) sein Leben mit Christian Kenk. | Foto: Sandra Jacques

Ungewöhnliche Freundschaft

„Schwer behindert – leicht bekloppt“

Ganz egal, wo Christian Kenk und Bernd Mann hingehen: Sie fallen immer auf. Hunderprozentig. Der eine, Christian, ist behindert und sitzt (oder kauert) in einem Liegerollstuhl, der andere, Bernd, schiebt oder zieht diesen Rollstuhl. Und wenn es ein paar Treppenstufen zu überwinden gibt, krallt sich Christian am Rücken von Bernd fest und lässt sich hoch- oder runtertragen. Christian Kenk und Bernd Mann sind das, was man spätestens seit dem gleichnamigen Film „Ziemlich beste Freunde“ nennen kann.

Behindert seit der Kindheit

Als Zivildienstleistender lernte Bernd Mann vor rund 20 Jahren den schwerstbehinderten Christian Kenk im Kinderzentrum Maulbronn, einer Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie, kennen. Christian war 1975 in Karlsruhe als gesunder Junge zur Welt gekommen. Als er sechs Jahre alt war, zog er plötzlich einen Fuß nach. Sein Zustand verschlechterte sich massiv, die Diagnose lautete: Genetische Dystonie.

Als die beiden sich kennenlernten, war Christian schon extrem auf Hilfe angewiesen. Nach und nach hatte er die Kontrolle über seine Muskeln verloren, sein Körper machte unkontrollierte Bewegungen, die hin und wieder auch zu Verletzungen führten. Nach und nach entstand eine so tiefe Freundschaft zwischen den jungen Männern, dass Bernd Mann im Alter von 25 Jahren schließlich ganz die Betreuung des Freundes übernahm. Nur so konnte er verhindern, dass Christian Kenk sein restliches Leben im Heim verbringen musste.

Ziemlich beste Freunde: Christian Kenk und Bernd Mann.
Ziemlich beste Freunde: Christian Kenk und Bernd Mann. | Foto: Sandra Jacques

Seitdem kümmert sich der mittlerweile 46-jährige Bernd Mann, der zwischenzeitlich noch ein Studium zum Verwaltungswirt absolvierte, tagtäglich um ein möglichst hohes Maß an Normalität für den Freund. Er hat jahrelang vor Gericht darum gekämpft, dass er als Assistent für diese Betreuung auch bezahlt wird. „Christian ist mein Chef“, sagt er. „Ich bin bei ihm angestellt und da Christian die Kosten nicht bezahlen kann, übernimmt diese das Sozialamt“ (welches auch die Kosten für einen Heimplatz tragen müsste).

Christian ist mein Chef

Die beiden Freunde leben zusammen mit Bernds Söhnen in einem schönen Haus in Karlsruhe-Grünwinkel, direkt an der Alb. Das Haus wurde aufwändig umgebaut. Weil Christian nicht normal auf einem Stuhl sitzen kann, gibt es mehrere große „Sitzlandschaften“, die wie eine Matratze aussehen. Dort sitzt Christian in einer Art Schneidersitz. Das Schlafzimmer liegt im Obergeschoss – jeden Morgen und jeden Abend trägt Bernd Mann seinen Freund die Treppen rauf und runter.

Eine ungewöhnliche Geschichte

Bernd Mann hat die Geschichte dieser außergewöhnlichen Lebensgemeinschaft jetzt (gemeinsam mit Ghostwriter Holger Schaeben) in einem absolut lesenswerten Buch erzählt: „Schwer behindert, leicht bekloppt“ erscheint in wenigen Tagen im Münster Verlag und schon der Titel weist darauf hin, wie viele Freunde und Bekannte von Bernd Mann reagiert hatten, als sie seinerzeit von seinem außergewöhnlichen Engagement erfahren haben. „Manche hielten mich wirklich für bekloppt“, sagt er. Die Frage, die sich alle stellten: Wie kann man nur ein halbes (oder fast ganzes) Leben lang freiwillig einen Behinderten betreuen?

„Birdwatching als Hobby“

Bernd Mann und Christian Kenk haben sich bei Behörden durchgesetzt und im jahrelangen Verfahren vor Gericht Rechte und Zuwendungen erstritten. Sie haben gemeinsame Reisen unternommen und sind im Wohnmobil und mit dem Liegerollstuhl zum „Birdwatching“ (Vögelbeobachten) nach Frankreich, Spanien, Portugal, Griechenland, Syrien, Norwegen, Schweden, Finnland, Österreich, Norwegen, in die Schweiz und in die Türkei gereist. Apropos Vögel: „Wir würden gerne unter dem Motto ,’Schräge Vögel on tour’ mit dem Wohnmobil durch Deutschland rollen und in Fußgängerzonen mit den Menschen ins Gespräch kommen“, erzählen die beiden.

Behinderte und Nichtbehinderte: Gemeinsames Leben

Dazu haben sie extra ein Crowdfunding-Projekt gegründet (siehe Internetadresse unten). „Wir wollen, dass die Menschen respektvoll, freundlich und aufgeschlossen miteinander umgehen. Deshalb möchten wir mit den Leuten reden: über uns und über unsere Geschichte. Darüber, wie man 25 Jahre befreundet bleibt, auch wenn einer leicht bekloppt ist.“

„Es geht darum, ja zum Leben zu sagen und unsere Botschaft zu verbreiten“, sagt Bernd Mann. „Darum, zu erzählen und zu verstehen, wie Nichtbehinderte und Behinderte ein gemeinsames Leben führen können. Was eine Freundschaft alles bewirken kann. Unsere Botschaft lautet: Gemeinsam geht es leichter, besser, schöner.“

Das Beispiel der beiden Männer zeigt, wie Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam am Leben teilhaben können. Für viele mag das eine Utopie sein. Für Bernd und Christian nicht. Sie halten sich einfach an ein Zitat von Mahatma Gandhi: „Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft – vielmehr aus einem unbeugsamem Willen.“

Mehr darüber erfahren Sie hier.

Das Crowdfunding-Projekt

 

Die Geschichte der tapferen Lili könnte Sie auch interessieren