In einem Waldstück bei Legelshurst wurde im Februar die Leiche einer jungen Frau gefunden. Ihr damaliger Freund hatte 43 Mal auf sie eingestochen.
In einem Waldstück bei Legelshurst wurde im Februar die Leiche einer jungen Frau gefunden. Ihr damaliger Freund hatte 43 Mal auf sie eingestochen. | Foto: hrd

Nach Totschlag in Willstätt: Täter erhält Jugendstrafe

Messerstiche in Herz und Hirn

Von Harald Rudolf

Die Erste Große Strafkammer am Offenburger Landgericht hat einen 21-Jährigen wegen Totschlags nach Jugendstrafrecht zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte acht Jahre und neun Monate gefordert. Die Verteidigung plädierte auf einen minder schweren Fall des Totschlags und forderte eine deutliche Reduzierung des Antrags der Staatsanwaltschaft. Der junge Mann hat eingeräumt, in einem Waldstück bei Willstätt mehr als 40 Mal auf seine damalige Freundin eingestochen zu haben, die ihn offenbar verlassen wollte.

Großes öffentliches Interesse an Prozess

Der fünftägige Prozess, der unter großem öffentlichen Interesse stattgefunden hat, war auch am letzten Tag geprägt von der Gegenwart des Opfers und dem Schmerz der Eltern, die als Nebenkläger an der Verhandlung teilnahmen. Verteidiger Peter Ockenfels zitierte eingangs seines knapp eineinhalbstündigen Plädoyers das Vorwort des Buches „Intimizid – Die Tötung des Intimpartners“ des Psychiaters Andreas Marneros. Nach der Schönheit der ersten Begegnung beschließe das Böse den Vorhang der gemeinsamen Bühne. „Der eine begeht am anderen das schlimmste aller Verbrechen: die Vernichtung menschlichen Lebens“, so das Zitat.

Verteidigung sieht Schuldunfähigkeit

Danach sezierte der Strafverteidiger die Beweisaufnahme und das Plädoyer von Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer, um abschließend mit den Worten, „Jetzt wird es langsam ausgesprochen spannend“, auf einen minder schweren Fall des Totschlags bei schwerer Beleidigung in Form einer Kränkung zu plädieren. Denn es sei nicht auszuschließen, „dass der letzte Impuls für den Einsatz des Messers begangen im Zustand erheblicher Schuldunfähigkeit“ durch den Hinweis des Opfers erfolgte, zu ihrem neuen Bekannten zu gehen und mit diesem schlafen zu wollen.
An diesem Punkt des Plädoyers schlug die Mutter, sich auf ihrem Stuhl windend, die Hände über den Kopf. Ihr Mann, der sich zum Schlussvortrag der Verteidigung erhoben hatte, stellte sich hinter sie. Das Bild ihrer Tochter war wie die Verhandlungstage zuvor auf ihrem Tisch aufgestellt.

Antrag der Staatsanwaltschaft „unangemessen hoch“

Nach dem Hinweis auf den Schmerz und die Folgen für die Eltern, was zu Ungunsten des Angeklagten zu werten sei, verwies der Verteidiger auf das Alter des Angeklagten. Als junger Mann habe er unter den Folgen zu leiden, habe sie zu verarbeiten. Dass er womöglich nach der Haft nicht mehr an seinen Wohnort zurückkehren könne, sei strafmildernd zu berücksichtigen. Ockenfels verwies auf einen Freiburger Totschlagsprozess, in dem kein Affekt, kein minder schwerer Fall, kein Jugendstrafrecht vorlag und mit fünf Jahren und acht Monaten abgeurteilt wurde. Den Antrag der Staatsanwaltschaft nannte Ockenfels „unangemessen hoch“ und forderte, ihn „deutlich zu reduzieren“.

Täter stach 43 Mal zu

Die Strafkammer verwies in der Urteilsbegründung auf den erzieherischen Aspekt des Jugendstrafrechts – auch bei Kapitalverbrechen. „Das Jugendstrafrecht ist ein Erziehungsstrafrecht und kein Schuldstrafrecht wie das Erwachsenenstrafrecht“, erklärte der Vorsitzende Richter Heinz Walter. Laut Kammer griff der zur Tatzeit 20-jährige „gerade noch Heranwachsende“ in einem „affektiven Ausnahmezustand“, einem „Mischzustand aus Wut und Verzweiflung“ nach dem Messer und stach 43- mal zu. Die Stiche trafen Herz und Lunge, Kopfschlagader und das rechte Stammhirn.
Bei der Wiedergabe des Tatablaufs mit juristischen Bewertungen zeigten sich Leid, Verzweiflung und Wut der Hinterbliebenen dramatisch. Nach Ansicht des Gerichts haben die Eltern „wie es selten geschieht“ Schmerz, Trauer und Leid eines Tötungsdeliktes spür- und sichtbar gemacht. In seinem Schlusswort entschuldigte sich der Angeklagte bei den Eltern. „Für mich ist es genauso schlimm“, erklärte er emotionslos.