Spielfreudig ist das Ettlinger Seniorenkabarett „Die Grauen Zellen“. Das Ensemble hat ein interessantes neues Programm einstudiert, das kommenden Freitag Premiere feiert.
Spielfreudig ist das Ettlinger Seniorenkabarett „Die Grauen Zellen“. Das Ensemble hat ein interessantes neues Programm einstudiert, das kommenden Freitag Premiere feiert. | Foto: Thomas Zimmer

"Graue Zellen" vor Premiere

Seniorenkabarett mit außerirdischem Blick auf demokratische Dekadenz

Von Thomas Zimmer

„Ihr müsst gucken, dass ihr sehr genau zusammen seid“, mahnt Ines Krautwurst. Es geht ihr um die Synchronizität der Bewegungen, die „ihre“ Darsteller beim Singen erreichen sollen. Die Regisseurin probt mit dem Ettlinger Seniorenkabarett „Die Grauen Zellen“ das neue Programm (Premiere am Freitag). „Die demokratische Dekadenz – oder die Kausalität des Fleisches“, das wie alle vorhergehenden Programme vom mittlerweile 91-jährigen Fritz Pechovsky geschrieben wurde. „Ich habe fünf Darsteller, fünf Stühle, fünf Paravents. Daraus muss ich was machen“, erklärt Ines Krautwurst ihre choreografischen Regie-Anweisungen, und Pechovsky lacht: „Solange ich Regie gemacht habe, sind sie bloß gesessen oder aufgestanden, gekommen oder gegangen“.

Seniorenkabarett hat gesellschaftliche Missstände im Visier

Die Dekadenz beginne doch schon, wenn man heute Lachs und andere Delikatessen beim Discounter kaufen kann, erklärt er seinen inhaltlichen Ansatz. „Aber ich mach’ ja auch mit“. Das Für und Wider, das Hinterfragen und Diskutieren gesellschaftlicher Missstände aus Sicht der Alten, zieht sich durch alle bisherigen Programme des Kabarettensembles. Neu aber ist die Perspektive, die der Autor gewählt hat. Man sieht es schon in der Probe: Die „Grauen Zellen“ tragen merkwürdig gestylte graue Hosen, die an futuristische Uniformen erinnern, wie man sie aus alten Science-Fiction-Filmen kennt. Und tatsächlich gibt es zwei Ebenen in diesem Programm. Die „Grauhosen“ sind die Bewohner des Planeten Stella, die herausfinden wollen, was auf dem Planeten namens Erde passiert ist, der 2 000 Jahre zuvor kollabierte.
Die Idee fand Ines Krautwurst charmant, gleichwohl bekannt. „Viele Filme basieren ja auch auf der Idee, dass die Erde nicht mehr bewohnt ist. Noch charmanter ist die Idee, dass die Stellaner als historische Quelle für ihre Forschungen ein Manuskript mit dem Titel „Die demokratische Dekadenz oder die Kausalität des Fleisches“ von Fritz Pechovsky heranziehen, das sie gefunden haben. In diese Rahmenhandlung ist das eigentliche Kabarettstück eingebettet, dessen Schlüsselfrage zu Beginn der dritten Szene gestellt wird: „Meine Damen und Herren! Wie hat das eigentlich angefangen? Ich meine, wann hat das Gehirn des Menschen aufgehört, mit seiner Entwicklung mitzuwachsen?“.

Dekadenz hat Kulturen untergehen lassen

„Die Dekadenz ist eine Gefahr, und sie hat schon einige Kulturen untergehen lassen. Auch damals haben Männer gewarnt: Montesquieu, Rousseau, Nietzsche, Thomas Mann, Oswald Spengler. Und jetzt wagen wir es. Zugegeben – wir sind alt“, schreiben die Kabarettisten zur Ankündigung: „Aber alt zu sein war in vielen Kulturen ein besonders respektierter, geehrter Zustand. War diese Kultur aber auf ihrem Höhepunkt angelangt, kippte sie in die Dekadenz und wurde jugendgeil“. Musik war immer wichtig in den Programmen der „Grauen Zellen“. Dieses Mal haben sie Volkslieder neu betextet. Da schleicht sich dann etwa in „Hoch auf dem gelben Wagen“ eine Strophe ein, die dem Lied eine ganz neue Richtung gibt: „Wozu hab’ ich einen Schlitten, der 200 Sachen fährt, wenn mir, dem freien Bürger, nicht mehr die Straße gehört.“ „Wir sind eingeladen zur Lachmesse Leipzig“, erzählt die Regisseurin, „und die Kollegen haben gemeint: Sind wir dafür lustig genug? Aber muss Satire immer lustig sein?“ Die Ettlinger Kabarettisten können unbesorgt sein: Das neue Programm hält genug Schmunzler bereit, soviel kann verraten werden. Der schenkelklopfende Lacher war eh nie ihr Ding. Thomas Zimmer

Service

„Die demokratische Dekadenz oder Die Kausalität des Fleisches“, Premiere am Freitag, 4. November, 19.30 Uhr im Schloss. Weitere Aufführungen: Samstag, 12.11. (18 Uhr) und Sonntag, 20.11. (15 Uhr) im Begegnungszentrum in Ettlingen (Klostergasse 1). Karten bei der Stadtinfo im Schloss, Telefon (0 72 43) 10 13 80, beim Begegnungszentrum Ettlingen (Klostergasse 1) oder an der Abendkasse.