Simplicissimus-Haus in Renchen
Simplicissimus-Haus in Renchen | Foto: Ulrich Coenen

Simplicissimus-Haus in Renchen

Architekten beherrschen Kunst der Fuge

Unaufdringlich und wohltuend unspektakulär ist der Erweiterungsbau des Simplicissimus-Hauses. Er fügt sich hervorragend in die Renchener Altstadt mit ihrer kleinteiligen Bebauung ein. Bereits im vergangenen Jahr wurde die Museumserweiterung nach knapp einjähriger Bauzeit offiziell ihrer Bestimmung übergeben. Jetzt wird der Museumsverein Grimmelshausen-Freunde 40 Jahre alt. Er hat diese gelungene Architektur im kleinstädtischen Umfeld maßgeblich initiiert.

Das Museum ist Johann Jakob Christoffel von Grimmelhausen, dem wichtigsten deutschen Dichter des 17. Jahrhunderts gewidmet, der von 1667 bis 1676 in Renchen als Schultheiß wirkte. Seinem Hauptwerk „Der abenteuerliche Simplicissimus“ verdankt das Haus den Namen.

Die Stadt Renchen als Bauherrin war gut beraten, mit Adler + Retzbach (Karlsruhe), dasselbe Büro zu beauftragen, das den denkmalgeschützten Altbau bereits in den Jahren 1996 bis 1998 umgebaut hat. Damals war der Förderverein Grimmelshausen-Freunde als Träger des Museums Auftraggeber. Die Umgestaltung des barocken Ackerbürgerhauses aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde 1999 aus gutem Grund vom Bund Deutscher Architekten (BDA) im Rahmen des Hugo-Häring-Preises, des wichtigsten Architekturpreises in Baden-Württemberg, ausgezeichnet. Die Jury lobte damals „die Sensibilität im Umgang mit der alten Bausubstanz“ und das „behutsame“ Einfügen von neuen Elementen.

Der zweigeschossige Altbau mit Krüppelwalmdach, der seine Giebelfassade dem Rathausvorplatz zuwendet, bleibt trotz der eine Million Euro teuren Erweiterung dominierend. Für Passanten auf der Hauptstraße ist der Erweiterungsbau kaum bemerkbar. Er ist als eingeschossiges transparent wirkendes Foyer zwischen das Ackerbürgerhaus und das Nachbargebäude im Zuge der Reihenbebauung eingebettet. Hier beweisen die Architekten die Kunst der Fuge.

Städtebaulich bedeutender ist der rückwärtige Anbau. Adler + Retzbach orientierten sich dabei an historischen Scheunen, wie sie früher in Renchen üblich waren und zum Teil heute noch sind. In seiner Silhouette greift der Anbau dieses Motiv auf, allerdings in einer abstrakteren Form. Die moderne Scheune ist eingeschossig und trägt ein mit Blech gedecktes Satteldach. Zwischen ihr und dem Altbau vermittelt ein flach gedeckter kurzer Trakt. Der gesamte Neubau, der sich entlang der Werderstraße erstreckt, ist schwarz verputzt und wirkt geschlossen mit nur drei Fenster- beziehungsweise Türöffnungen. Er passt sich formal gut in die Umgebung ein und setzt sich farblich bewusst ab. So wirkt er beinahe wie ein Schattenriss.

Der Haupteingang des Museums führt vom Rathausvorplatz in das großzügig verglaste und in Stahlbauweise errichtete Foyer. Im Inneren wird es vom dem um eine Stufe erhöhten Bereich für das Bistro begleitet.

Das Foyer geleitet die Besucher entlang des Altbaus in den rückwärtigen Neubau, in dessen Zentrum ein Veranstaltungsraum für 98 Sitzplätze über unregelmäßig rechteckigem Grundriss steht. Er hat eine beachtliche Höhe von bis zu viereinhalb Metern.

Die Architekten beschränken sich bewusst in der Material- und Farbwahl, legen aber viel Wert auf die Ausbildung der Details. Ein grauer Estrich und Sichtbetonwände prägen das Erscheinungsbild. Eine Sichtbetontreppe mit Stahlgeländer führt ins Dachgeschoss der Scheune, wo sich ein kleiner Ausstellungsaum befindet. Mit einer verglasten Galerie mit reizvollem Oberlicht öffnet sich dieser Raum zum Untergeschoss und gibt interessante Ein- und Ausblicke. Ein Archiv- und Magazinraum im Keller komplettiert das Raumprogramm.

Der Neubau umschließt das Ackerbürgerhaus an zwei Seiten. Beide verschmelzen funktionell und gestalterisch zu einer Einheit. Dazu trägt auch die klare und reduzierte Architektursprache, die bereits die Umnutzung des Altbaus prägte, bei. Nichts erscheint schrill, nichts überflüssig. Der kleine Anbau ist ein großer Wurf und eine Bereicherung für Renchen.