René Stephan vom FZI zeigt einen Spiegel mit eingebautem Tablet. Gesteuert werden soll alles via Gesten.
René Stephan vom FZI zeigt einen Spiegel mit eingebautem Tablet. Gesteuert werden soll alles via Gesten. | Foto: Töngi

Smart Home in Karlsruhe

Füße hoch!

Die Tür wirkt unscheinbar, doch gleich dahinter verbirgt sich die Zukunft. Und das mitten in Karlsruhe. Die Mails beim Zähneputzen via Gestensteuerung im Spiegel lesen? Infos über die Schlafqualität direkt aufs Smartphone? Alles bald Realität. Der Schlüssel zur Zukunft hängt im FZI Forschungszentrum Informatik am Karlsruher Institut für Technologie. Wobei: Um die Tür der „Rollenden Ausstellung“ zu öffnen, braucht René Stephan nur seinen Finger auf einen winzigen Scanner legen. Fertig.

Via Tablet lässt sich die Gebäudetechnik steuern
Via Tablet lässt sich die Gebäudetechnik steuern | Foto: Töngi

Der große Boom bleibt bislang aus

Smart-Home soll das Wohnen bequemer, effizienter und sicherer machen. Die Technik existiert teilweise bereits – doch der Boom blieb bislang aus. Nach Angaben des Digitalverbands Bitkom nutzen aktuell über 500 000 deutsche Haushalte eine Art von Smart-Home-Applikation. „Hilfreich für die weitere Verbreitung von Smart-Home-Lösungen wäre ein konsequenter und schneller Breitbandausbau“, heißt es vonseiten des Bitkom auf BNN-Anfrage. An Orten, wo kein Breitband zur Verfügung stehe, nützte auch Smart-Home-Applikationen wenig. Des Weiteren benötige man einen herstellerübergreifenden Konsens, alle Geräte mit offenen Schnittstellen – sogenannten Application Programmable Interfaces – auszustatten. „So können sich auf einfache Weise auch Smart-Home-Applikationen unterschiedlicher Hersteller vernetzen.“ Die Hoffnung vieler liegt jetzt bei Apple. Wieder einmal. Bei der Entwicklerkonferenz WWDC stellte der iPhone-Konzern in San Francisco jetzt die neue App „Home“ vor, über die sich kompatible Technik verschiedener Anbieter von Lampen bis hin zum Garagentor steuern lässt. Die Apple-Offensive zeigt, wie wichtig das noch junge Geschäft mit dem vernetzten Haushalt ist. Auch der Bitkom rechnet in den kommenden Jahren mit einer steigenden Nachfrage. Bis 2018 könnten in Deutschland laut Prognosen rund 1,3 Millionen zusätzliche Haushalte eine Art von Smart-Home-Applikation verwenden.

In der "Rollenden Ausstellung" zeigt das FZI Technik zum Anfassen
In der „Rollenden Ausstellung“ zeigt das FZI Technik zum Anfassen | Foto: Töngi

Multiroom-Entertainment-Anlagen, Kameras, Bewegungsmelder und Licht- und Heizungssteuerung führen laut Bitkom unter anderem aktuell die Hitliste der Smart-Home-Applikationen an. Technik, die man auch in der „Rollenden Ausstellung“ des Karlsruher FZI hautnah erleben kann. Über einen kleinen Bildschirm an der Wand steuert René Stephan die komplette Gebäudetechnik. Klingt zu kompliziert? „Für ältere Menschen gibt es auch ein einfach bedienbares Touch-Display“, erklärt der 39-jährige Wissenschaftliche Mitarbeiter. Doch das ist längst nicht alles. Sensoren im Boden, die bei einem Sturz Alarm schlagen, eine automatische Herdabschaltung oder ein Hausnotsystem. Die Liste der Möglichkeiten scheint schier endlos. „Die Technik kann dafür sorgen, dass ältere Menschen länger zuhause wohnen können“, ist sich Stephan sicher. Knapp ein halbes Jahr tüftelte das FZI etwa an einem Kochprojekt. Jetzt gibt das Tablet – Schritt für Schritt – Anweisungen, damit am Ende leckere Spaghetti Bolognese auf dem Teller landen. Ganz nach dem Motto geht nicht, gibt’s nicht.

Zeitersparnis ist bei uns nicht das Hauptthema

Neben Förderprojekten, die zum Beispiel von einem Ministerium ausgeschrieben werden, kommen auch Firmen direkt auf das FZI zu. Mittlerweile ist ein Leben ohne technische Helfer im Haushalt kaum noch vorstellbar. Genauso, wie es vor ein paar Jahren noch ausschließlich Aufgabe von Science-Fiction-Regisseuren war, Roboter über die großen Filmleinwände surren zu lassen. Alles längst Realität. Was früher die Waschmaschine war, ist heute der selbstfahrende Staubsauger. Zugegeben, etwas komisch ist es schon noch, wenn die rundliche Maschine unter der Couch hervor fährt. Aber praktisch. Füße hoch und entspannen! Zeitersparnis: Rund zwei Stunden pro Woche. „Doch das ist bei uns nicht das Hauptthema“, betont Stephan. Vielmehr sei es primäres Ziel, eingeschränkte oder hilfsbedürftige Menschen zu unterstützen.

Die Skepsis gegenüber der Technik wird bald abnehmen

Im „Living Lab smartHome“ zeigt das FZI in Form einer Zwei-Zimmer-Wohnung, wie das Zuhause der Zukunft aussieht. Inklusive Sensoren und Trinkgefäße, die den Flüssigkeitshaushalt älterer Menschen dokumentieren. „Die Skepsis, die jetzt noch bei vielen älteren Menschen gegenüber der Technik vorherrscht, wird in den nächsten zehn Jahren stark abnehmen“, prognostiziert Stephan. Ziehen dann auch „echte“ Haushaltsroboter bei uns ein? „Das hängt stark von der gesamten Marktentwicklung und nicht zuletzt auch von der Akzeptanz beim Verbraucher ab“, erklärt Bitkom. „Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass dies in den nächsten zehn Jahren möglich ist.“ So oder so, die Tür zur Zukunft hält noch einiges verborgen.