Lächeln unerwünscht:  Ein Model bei der Präsentation der Frühling/Sommer-Kollektion 2017 von Isabel Marant bei der  Paris Fashion Week
Lächeln unerwünscht: Ein Model bei der Präsentation der Frühling/Sommer-Kollektion 2017 von Isabel Marant bei der Paris Fashion Week | Foto: EPA/ETIENNE LAURENT/dpa

Zur Fashion Week in Paris

Auf dem Laufsteg: Bitte nicht lächeln

Der Blick geht starr geradeaus, der Unterkiefer ist nach vorn geschoben, der Gesamteindruck dramatisch. So stellt man sich eine Frau vor, die gleich einen Mord begehen wird. Oder die befürchtet, im nächsten Moment Prügel zu beziehen. Andere „Mitläuferinnen“ tragen riesige Sonnenbrillen – wollen sie verweinte Augen verbergen? Die traurig-bleichen Gesichter deuten darauf hin. Junge Frauen schauen abweisend über die Menge hinweg, einige sehen leicht angeekelt aus, viele grimmig oder trotzig, im besten Falle melancholisch. Dabei wirken sie nicht bei einem vorgezogenen Gruselkabinett zu Halloween mit: Sie waren – in Designermode gehüllt – bei der Fashion Week in Paris zu sehen.

Entwurf von Lagerfeld für Chanel in Paris.
Entwurf von Lagerfeld für Chanel in Paris. | Foto: Etienne Laurent/dpa

Tristesse ist Programm auf dem Laufsteg

Das Modespektakel, das in dieser Woche zu Ende ging, ist eine ernste Sache – zumindest auf dem Laufsteg. Die Gesichter der Models wirken wie eingefroren, Tristesse ist Programm. „Wenn ich über den Laufsteg gehe, versuche ich, an etwas Trauriges zu denken, wie an den Tag, als meine Katze von einem Bus überfahren wurde“, erzählt ein Model.

Lächeln unerwünscht: Ein Model bei der Präsentation der Sommermode 2017 von Phoebe Philo for Celine bei der Paris Fashion Week.
Ein Model auf dem Laufsteg bei der Präsentation der Sommermode 2017 von Phoebe Philo for Celine bei der Paris Fashion Week. | Foto: EPA/ETIENNE LAURENT/dpa

Als die Models noch Mannequins hießen

In den 1960er Jahren, als die Models noch Mannequins hießen, hatte die Glitzerwelt der Mode ein anderes Gesicht. Die Frauen auf dem Laufsteg bewegten sich anmutig oder posierten mit verführerischem Augenaufschlag, gramfaltenfrei geschürzten Lippen oder kokett lächelnd – das kennt man heute nur noch von den A- und B-Promis, die sich vor den Modevorführungen kurvenbetont für die Kameras in Szene setzen. Die Wende auf dem Laufsteg, so meint die Modehistorikerin Lydia Kamitsis, sei mit japanischen Designern wie Yohji Yamamoto gekommen. Plötzlich hätten die Models ausdruckslos gewirkt, seien immer mehr zu „Kleiderständern“ geworden.

Xiong Ying for Heaven Gaia, Paris Fashion Week
Xiong Ying for Heaven Gaia, Paris Fashion Week | Foto: EPA/ETIENNE LAURENT/dpa

Das Verschwinden des Lächelns und die Emanzipation der Frauen

Leyla Neri, Modedirektorin der New School Parsons in Paris, bringt das Verschwinden des Lächelns in Zusammenhang mit den Fortschritten bei der Emanzipation der Frauen. Als die „Generation Puppe“ in Verruf geriet und Frauen nicht mehr nur für ihre Männer perfekt sein wollten, sei auf dem Laufsteg weniger gelächelt worden, zugleich wurden die Mannequins androgyner. „Hart, männlich und kämpferisch“ hätten viele Models dann in den 1980er Jahren gewirkt. Was zumindest ein Statement war. Falls aber die Leichenbittermienen auf den Laufstegen den Stand der Emanzipation im Jahr 2016 spiegeln, ist etwas granatenmäßig schief gegangen. Nicht nur modisch gesehen.

Jonathan Anderson for Loewe, Paris Fashion Week
Jonathan Anderson for Loewe, Paris Fashion Week | Foto: EPA/ETIENNE LAURENT/dpa