Bangt um ihr Ticket nach Rio zu den Olympischen Spielen: Speerwerferin Christina Obergföll Foto: dpa
Bangt um ihr Ticket nach Rio zu den Olympischen Spielen: Speerwerferin Christina Obergföll Foto: dpa

Christina Obergföll

Baggersee oder Copacabana?

Schon seit 1991 ist Maria Ritschel DLV-Bundestrainerin für den Bereich Speerwurf A/B-Kader Frauen. Doch an eine vergleichbare Situation, wie sie jetzt im Vorfeld der Olympia-Nominierung gegeben ist, kann sie sich nicht erinnern. Und im Telefonat mit ihr wird auch schnell deutlich, dass die momentane Konstellation ihr schwer zu schaffen macht. Ganz offensichtlich wird für sie die Wahl der richtigen Olympia-Fahrerinnen immer mehr zur Qual, was am deutlichsten in diesem Satz dokumentiert wird: „Ich hoffe sehr, dass mein gutes Verhältnis zu allen Athletinnen auch dann noch bestehen wird, meine ich meine Nominierungs-Empfehlung abgegeben habe.“
Doch die Art, wie sie diesen Wunsch ausspricht, verrät Zweifel und Verunsicherung, denn noch nie war die Konkurrenzsituation in dieser Disziplin so hart wie im Augenblick, weil ein einziger Wettkampf die bisher so vermeintlich klare Hierarchie im Speerwurf der Frauen völlig auf den Kopf gestellt hat: Die deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Kassel. Dort gewann mit Christian Hussong von der LAZ Zweibrücken ausgerechnet das „Küken“ der deutschen Speerwurf-Riege den Titel mit ihrer neuen persönlichen Bestweite von 66,41 Meter. Die 22-Jährige, deren größter bisheriger sportlicher Erfolg der Gewinn der U -23-Europameisterschaft 2015 in Tallinn war, hatte damit schon das erste Olympia-Ticket in der Tasche. Und gleichzeitig für eine völlig neue Konstellation in der Olympia-Nominierung gesorgt, denn nach Hussongs Triumph stand fest: Eine aus dem etablierten Trio Christina Obergföll, Linda Stahl und Katharina Molitor muss im Sommer zuhause bleiben – Baggersee statt Copacabana.

Offenburgerin nicht
für EM nominiert

Und noch mehr Konfusion verursachte die anschließende EM-Nominierung, denn neben Hussong fahren Stahl und Molitor kommende Woche nach Amsterdam. Für die nicht nominierte Offenburgerin Christina Obergföll fast so etwas wie ein Schock, denn nach ihren 64,96 Meter, die sie am 21. Mai in Halle geworfen hatte, schien ihre Nominierung für die Olympischen Spiele in Rio eigentlich nur noch Formsache zu sein. Doch bei der DM in Kassel erwischte sie einen rabenschwarzen Tag und wurde nur Vierte mit für sie enttäuschenden 59,93 Meter. „Da hat die Lockerheit in den Würfen gefehlt“, moniert Bundestrainerin Ritschel im Gespräch mit dem SONNTAG. Christina Obergföll interpretiert ihre Leistung drastischer: „Ich hatte dort einfach einen beschissenen Tag erwischt“, sagt sie kurz nach ihrer Ankunft in Finnland am gegenüber dem SONNTAG. Dort will sie in einem weiteren Speerwurf-Wettbewerb Fakten schaffen. Schon dreimal hat sie 2016 die Olympia-Norm von 62 Meter geschafft – zuletzt quasi vor der Haustüre bei den Hanauerland Spielen in Freistett: 62,75 Meter.
„Ich kann ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, dass ich nicht für die EM nominiert wurde, und bin darüber enttäuscht. Doch das ändert nichts an meinem Ziel. Ich will nach Rio und die Nominierung ist meiner Meinung nach noch immer offen. Ich werde um mein Olympia-Ticket kämpfen – mit allen Mitteln“, kündigt sie aber schon deutlich an, eine Nichtnominierung nicht widerstandslos akzeptieren zu wollen. Die Fakten sprechen auf jeden Fall derzeit für sie. Klar, Hussong muss sich nach ihren DM-Titel keine Sorgen mehr wegen Rio machen. Doch aus dem Rest des deutschen Weltklasse-Quartetts fliegen nur noch zwei mit nach Brasilien. Und in diesem Vergleich ist Obergföll auf Augenhöhe mit Katharina Molitor: Wegen ihrer bisherigen Erfolge und der bereits dreimal geschafften Norm. Das gelang zwar auch der amtierenden Weltmeisterin Molitor, doch Linda Stahl kam in diesem Jahr nur einmal über die geforderte Weite und schaffte 63,10 Meter. So schlecht sind die Olympia-Chancen für Christina Obergföll also nicht: „Ich habe 64,96 Meter geworfen. Und wenn Linda Stahl und Katharina Molitor in Amsterdam nicht weiter werfen, dann werde ich mir mein Ticket erkämpfen, weil man diese Weite nicht einfach wegdiskutieren kann.“
Doch eventuell löst sich der ganze Ärger ja auch ziemlich schnell in Luft auf. Dazu noch einmal Bundestrainerin Maria Ritschel: „Nach der EM in Amsterdam werde ich am 10. Juli meine Olympia-Empfehlung formulieren und diesen Vorschlag an das Referat Leistungssport des Deutschen Leichtathletik-Verbandes übermitteln. Dort wird die Nominierung festgelegt, die dann noch vom Bundesausschuss Leistungssport geprüft wird. Dann geht die Vorschlagsliste an das Nationale Olympische Komitee, das am 12. Juli seine Olympia-Nominierungen verkünden wird“, fasst sie das Prozedere zusammen. Ob dann das „Luxusproblem“ (Ritschel) friedlich gelöst sein wird, ist offen. Zu verhindern war es aber nicht. „Es war von Anfang an klar, dass diese Olympia-Nominierung eine enge Entscheidung wird. Wir haben vier Weltklasse-Speerwerferinnen, von denen jede in Rio eine Medaille holen könnte. Doch nur drei dürfen mit – das tut richtig weh“, sagt die Bundestrainerin.
Besonders weh würde dies aber sicher Christina Obergföll tun: „Das soll mein letzter Wettkampf werden. Rio war und ist mein großes Ziel. Eine olympische Medaille zu holen, das wäre der krönende Abschluss meiner Karriere“, sagt die ehrgeizige Athletin aus der Ortenau. Jetzt bleibt nur noch die Frage, ob sie sich ihren Traum erfüllen kann. Erst in einer Woche hat die Ungewissheit ein Ende, die Obergföll aber vielleicht hätte vermeiden können, wenn sie in Kassel nicht einen so miesen Tag gehabt hätte.