Top-Speerwerferin: Christina Obergföll aus Offenburg.
Über zehn Jahre in der Weltspitze der Speerwerferinnen: Christina Obergföll von der LG Offenburg. Jetzt hörte die 35-Jährige auf. Foto: dpa

Christina Obergföll: Das war's

Ex-Speerwurfweltmeisterin genießt die Erfolge und freut sich auf „das Leben nach dem Leistungssport“

Der emotionale Abschied beim Sportfest ISTAF in Berlin, die nachträgliche Silbermedaille von den Olympischen Spielen 2008 in Peking, das Opfer von Hacker-Angriffen: Am Ende der langen und erfolgreichen Karriere von Speerwerferin Christina Obergföll überschlugen sich die Ereignisse noch einmal. Doch jetzt freut sich die 35-jährige Offenburgerin nach über zehn Jahren in der Weltspitze „auf mein Leben nach dem Leistungssport“, wie sie im Gespräch mit dem SONNTAG verrät. Von nun an  steht die berufliche Karriere, vor allem aber die Familie – also ihr Mann Boris (mit dem Speerwurf-Herren-Bundestrainer  ist Christina Obergföll seit 2013 verheiratet) und Söhnchen Marlon (2) – im Vordergrund.

Häufig Grund zum Jubeln: Zweimal in ihrer Karriere warf Christina Obergföll den Speer über die 70-Meter-Marke, in über 50 Wettkämpfen ist er weiter als 65 Meter geflogen. Foto: dpa
Häufig Grund zum Jubeln: Zweimal warf Christina Obergföll den Speer über die 70-Meter-Marke, in über 50 Wettkämpfen ist er weiter als 65 Meter geflogen. Foto: dpa

Acht Jahre nach Peking: Olympia-Silber für Obergföll

Weil die Russin Maria Abakumowa bei Nachtests des Dopings überführt und disqualifiziert worden ist, gab’s mit achtjähriger Verspätung Olympia-Silber von 2008. So richtig groß war die Freude darüber aber gar nicht.

Christina Obergföll: Ich hatte ja meine Medaille und meinen Moment auf dem Podest. Wäre ich vom vierten auf den Bronzerang gekommen, hätte das anders ausgesehen. Oder von Silber zu Gold, das wäre auch heftig gewesen. Mir tut viel mehr die Viertplatzierte Britin Goldie Sayers leid. Ihr wurde einiges genommen. Für mich hat das jetzt mehr symbolischen Wert. Ob ich mit der Silbermedaille mehr Sponsoren bekommen hätte, das ist hypothetisch. Die Deutsche Sporthilfe hat nachträglich noch 2 500 Euro überwiesen – das ist doch ein schönes Urlaubsgeld.

Opfer von Hacker-Angriff auf Welt-Anti-Doping-Agentur

Weniger angenehm ist der Hacker-Angriff auf die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Durch den Daten-Klau sind medizinische Daten von weltweit bisher über 100 Athleten mit Sondergenehmigungen der WADA öffentlich gemacht geworden. Auch ihr Name taucht auf einer Liste auf. Sie sind als konsequente Kämpferin für sauberen Sport bekannt, wie sehr hat Sie dieser „Angriff“ getroffen?

Obergföll: Das war zwei Tage nach dem nachträglichen Olympia-Silber. Ich hab gedacht: das gibt’s nicht. Mich hat morgens die NADA (Nationale Anti-Doping-Agentur, d. Red.) informiert und ihre Unterstützung zugesagt. Das war der erste Anruf von der NADA während meiner gesamten Karriere. Natürlich finde ich das Ganze nicht toll, weil das persönliche Unterlagen sind, die eigentlich niemanden etwas angehen. Andererseits habe ich nichts zu verbergen. Es war eine genehmigte Medikamenteneinnahme, ordnungsgemäß bei der NADA angemeldet. Man muss ganz klar unterscheiden zwischen schmerzlindernden und leistungsfördernden Mitteln. Es ist schade, dass manche Leute solche Dinge in den falschen Hals bekommen.

Worum ging es bei Ihnen konkret?

Obergföll: Um eine Kortisonspritze im Jahr 2008 wegen einer Entzündung. Acht Milligramm ins Gelenk, einmal verabreicht. Das, was ich damals bekommen habe, müsste ich heute übrigens gar nicht mehr melden.

Natürlich ist es ätzend, von Hackern durchleuchtet zu werden. Aber ich kann in den Spiegel schauen.

Ihren Ruf sehen Sie durch den Hacker-Angriff nicht beschädigt?

Obergföll: Natürlich ist es ätzend, von Hackern durchleuchtet zu werden. Aber ich kann in den Spiegel schauen…

… und Ihre Erfolge mit gutem Gewissen genießen?

Obergföll: Absolut genießen. Alles was ich erreicht habe, habe ich legal erreicht. Darauf bin ich stolz.

Alles was ich erreicht habe, habe ich legal erreicht. Darauf bin ich stolz.

Welche Augenblicke werden Ihnen ganz besonders in Erinnerung bleiben?

Obergföll: Es gab viele emotionale Momente, für jeden einzelnen bin ich dankbar und ich möchte keinen davon missen. Olympia-Silber 2012 in London, das war mega stark. Aber die Weltmeisterschaft 2013 in Moskau, endlich Gold, das war mit Abstand das Größte! Auch der Gewinn von WM-Silber 2005 in Helsinki mit 70,03 Meter und Europarekord zählt für mich nach wie vor zu den schönsten Momenten. Keiner hatte da mit mir gerechnet. Als ich dann 2007 die 70 Meter bestätigte – auch das gehört dazu. Genauso aber Negativ-Erlebnisse, wie der fünfte Platz bei der Heim-WM 2009, denn die haben mich stärker gemacht.

Im letzten Wettkampf warf Christina Obergföll noch mal 64,28 Meter

Zweimal in Ihrer Karriere landete der Speer jenseits der 70 Meter-Marke, in über 50 Wettkämpfen ist er weiter als 65 Meter geflogen. Beim Schlussakkord in Berlin waren es noch mal starke 64,28 Meter…

Obergföll: …das war gigantisch, das war Gänsehautfeeling pur. Als alle im Stadion aufgestanden sind, nur für mich. Als die Mädels bei meinem letzten Wurf applaudierend zum Spalier an den Anlauf gekommen sind, unbeschreiblich. Das war ein Happy-End fast wie im Film – da hab’ ich wirklich mit den Tränen gekämpft.

Hand aufs Herz: Hat es nach diesem emotionalen Augenblick nicht gekribbelt, doch weiter zu machen?

Obergföll: Ich habe mehr als nur eine Nacht darüber schlafen müssen… Aber ich hatte den Gedanken im Vorfeld schon mit meinem Mann Boris x-mal durchgespielt und überlegt, ob es noch bis zur EM 2018 in Berlin geht. Zwei Jahre sind allerdings eine verdammt lange Zeit, auch wegen meiner Hüfte. Ich habe schon ein paar Baustellen. Deshalb wäre es nicht gut, noch zwei Jahre dranzuhängen. Mit einem Sieg zu verabschieden, besser hätte es doch nicht laufen können. Jetzt freue ich mich auf mein Leben nach dem Leistungssport.

Bachelor-Abschluss in Bewegungsbezogener Gesundheitsförderung

Was wird sich ändern?

Obergföll: Der Tagesablauf wird sich natürlich ändern, der war aber auch schon seit der Geburt von Marlon vor zweieinhalb Jahren dem Kleinen angepasst. In den Zeiten, in denen ich bis jetzt trainiert habe, werde ich in Zukunft dann arbeiten. Ich bin seit drei Jahren bei der Barmer GEK im betrieblichen Gesundheitsmanagement angestellt. Da gibt es nun Gespräche, in welche Richtung es gehen soll. Ich habe einen Bachelor-Abschluss in Bewegungsbezogener Gesundheitsförderung und einen Master-Abschluss Prävention und Gesundheitsmanagement, da wird sich bei einer Krankenkasse etwas finden. Ein Teil Home Office, dazu einige Repräsentationsaufgaben, wie das beispielsweise Ex-Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler macht, so könnte ich mir meinen Job vorstellen.

Im Moment hat Christina Obergföll "keinen Bedarf" wieder enen Speer in die Hand zu nehmen. Jetzt ist vor allem die Familie dran. Foto: dpa
Im Moment hat Christina Obergföll keine Sehnsucht nach dem Speer. Jetzt ist der Beruf, vor allem aber die Familie dran. Foto: dpa

Wann nehmen Sie wieder einen Speer in die Hand?

Obergföll (lacht): Im Moment habe ich da keinen Bedarf. Ich werde schon noch was machen, ein bisschen Basketball oder was für Bauch-Beine-Po. Ich gehe zum Training – weil ich fit bleiben will. Ich muss aber nicht mehr, ich darf. Diesen Gedanken finde ich sehr charmant. Jetzt ist die berufliche Karriere, vor allem aber die Familie dran…

…und Marlon bekommt ein Geschwisterchen?

Obergföll: Ja, wir wollen noch ein zweites Kind. Das gehen wir jetzt ganz entspannt an.

Bekommt Sohn Marlon bald ein Geschwisterchen?

Nach dem WM-Titel 2013 wurde in Ihrer Heimatgemeinde Mahlberg die Sportplatzstraße in „Christina-Obergföll-Straße“ umbenannt. Eine Straße, das hat nicht jeder.
Obergföll: Auf dem Sportplatz in Mahlberg bin ich groß geworden, meine Eltern wohnen noch in Mahlberg und ich bin oft dort. Wenn ich dann das Schild sehe, bin ich richtig stolz.

Emotionaler Augenblick: Christina Obergfölls Abschied vom Leistungssport mit einem tollen Sieg. "Das ware ein Happy End fast wie im Film", sagt sie. Foto: dpa
Emotionaler Augenblick: Christina Obergfölls Abschied vom Leistungssport mit einem tollen Sieg. „Das ware ein Happy End fast wie im Film“, sagt sie  und verrät: „Da  hab‘ ich wirklich mit den Tränen gekämpft“. Foto: dpa

Stimmungskanone Tony Marshall hat es in Baden-Baden übrigens „nur“ zu einem „Tony-Marshall-Weg“ gebracht.
Obergföll (lacht): Tatsächlich, das ist ja cool…

Christina Obergföll in der Personality-Doku „6 Mütter“ zu sehen

Ab November sind Sie in der neuen Personality-Doku „6 Mütter“ von Vox mit Entertainerin Ute Lemper, Ex-Eisschnellläuferin Anni Friesinger, Unternehmerin Dana Schweiger, Schauspielerin Nina Bott und Soap-Star Wilma Elles auf dem Bildschirm zu sehen.

Obergföll: Da geht es darum, wie der Alltag von Promi-Müttern mit Kindern aussieht. Um Erziehung, Familie und Beruf. Die Folgen sollen, so viel ich weiß, dienstags zu sehen sein. Zur „Primetime“, also zur besten Sendezeit! Eine Woche wurde für die Serie bei uns Zuhause gedreht. Das war irgendwie schon witzig. Am besten mal anschauen, denn mehr verrate ich nicht.

Hier gibt es mehr über Christina Obergföll