Die ältesten Wandmalereien nördlich der Alpen: Frauengestalten mit sehr naturalistisch anmutenden, aufmodellierten Brüsten sind auf der "Kultwand" zu sehen, die in Kloster Schussenried präsentiert und mit einer Lichtschau vorgestellt wird.
Die ältesten Wandmalereien nördlich der Alpen: Frauengestalten mit sehr naturalistisch anmutenden, aufmodellierten Brüsten sind auf der "Kultwand" zu sehen, die in Kloster Schussenried präsentiert und mit einer Lichtschau vorgestellt wird. | Foto: Felix Kästle/dpa

4000 Jahre Pfahlbauten

Das Busenwunder vom Bodensee

Mit den weiblichen Brüsten hatten sie es, die Pfahlbaubewohner am Bodensee. Da gibt es Krüge, die an einen schwangeren Frauenleib erinnern – und oberhalb der Wölbung ragen spitz zwei Brüste heraus. Solche Gefäße – Fachleute bezeichnen sie als „gynäkomorph“ – haben Archäologen in zahlreichen jungsteinzeitlichen Siedlungen gefunden; einige sind auch in der Abteilung für Ur- und Frühgeschichte des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe zu sehen. Ein wahres Busenwunder erleben aber kann man derzeit im oberschwäbischen Kloster Schussenried, einem der beiden Ausstellungsorte der Großen Landesausstellung „4000 Jahre Pfahlbauten“: Dort wird eine „Kultwand“ mit den ältesten bisher nördlich der Alpen entdeckten Wandmalereien präsentiert.

Jungsteinzeitliche „Kultwand“ mit aufmodellierten Brüsten

Das etwa acht Meter lange Fries zeigt sieben Frauengestalten: Die Körper sind mit weißen Punkten übersät, individuelle Gesichtszüge nicht zu erkennen, die nach oben gestrecken Ärmchen nur rudimentär dargestellt – doch die plastisch aufmodellierten Bürste aus Lehm zeigen ganz erstaunlich naturalistische Formen.

Taucher bargen Bruchstücke aus dem Bodensee

Es galt als Sensation, als Anfang der 1990er Jahre in den Pfahlbausiedlungen von Bodman-Ludwigshafen und Sipplingen Fragmente von Wandmalereien aus Kulthäusern entdeckt wurden, die vor fast 6 000 Jahren abgebrannt waren. Zu den mehr als 1 000 Bruchstücken, die Taucharchäologen aus dem Bodensee bei Ludwigshafen bargen, gehörten etliche aus Lehm geformte weibliche Brüste. Sie waren durch den Siedlungsbrand gehärtet und daher erhalten geblieben. Die Experten des Landesamts für Denkmalpflege waren begeistert; zugleich begann für sie eine viele Jahre währende Puzzle-Arbeit.

Einen Vorgeschmack gab es in Karlsruhe

Als das Badische Landesmuseum von November 2010 bis Mai 2011 die Ausstellung „Jungsteinzeit im Umbruch“ zeigte, waren die Arbeiten zur Rekonstruktion und Interpretation der Ludwigshafener Wandmalerei noch in vollem Gange. Dennoch bekamen die Besucher des Karlsruher Schlosses einen Teilnachbau des jungsteinzeitlichen Hauses vom Bodensee mit frauenbrustgezierter Innenwand zu sehen – wie er eben dem damaligen Erkenntnisstand entsprach. Helmut Schlichtherle vom Landesamt für Denkmalpflege ging zu dieser Zeit davon aus, dass auf der Ludwigshafener Kultwand mindestens vier bis fünf weibliche Gestalten dargestellt waren; inzwischen wurden sieben Frauen und diverse Nebenmotive nachgebildet.

Highlight der Landesausstellung „4000 Jahre Pfahlbauten“

Gab es in Karlsruhe mit dem Teilnachbau einen Vorgeschmack, so wird in Bad Schussenried erstmals die rekonstruierte Kultwand mit den Originalfundstücken vorgestellt – samt einer Computeranimation, die die Malerei vor den Augen der Besucher neu erstehen lässt.

Göttinnen? Ahnfrauen?

Wer aber sind die Frauengestalten mit den erhobenen Händen, den Kreuzbändern (bei denen es sich wohl um eine jungsteinzeitliche Vorform des Büstenhalters handelt) und den so lebensecht aussehenden, aufmodellierten Brüsten? Wie bei vielen Fragen, die schriftlose Zeiten betreffen, gibt es keine Antwort mit 100-prozentiger Wahrheitsgarantie. An der Ludwigshafener Kultwald wird für Schlichtherle aber offenkundig, dass nicht einer einzigen großen Muttergottheit gehuldigt wurde. Die Vielzahl der Frauengestalten, die Nebenmotive der Wandmalerei und ein gynäkomorphes Gefäß aus den Kulthaus weisen seiner Meinung nach darauf hin, dass es um Ahnenreihen und genealogische Zusammenhänge gegangen sein muss.

„Große Frauen am Anfang des Geschehens“

Die weißen Punkte auf den Frauenkörpern könnten – vielleicht – auf Milch- oder Körnerreichtum anspielen. Im Begleitband zur Ausstellung „4 000 Jahre Pfahlbauten“ interpretiert der Experte: ,„Es wird die Verbindung der Lebenden mit den Vorfahren dargestellt und die Ahnenreihen führen zurück in eine Urzeit, in der große Frauen am Anfang des Geschehens standen“. Doch seien die „großen Frauen“ wohl nicht nur als Urahninnen der verschiedenen Clans verehrt worden: „Vielmehr muss es einen Mythos gegeben haben, der ihnen die Rolle von Kulturbringerinnen zuschrieb“, meint Helmut Schlichtherle.

Die Große Landesausstellung „4000 Jahre Pfahlbauten“ ist bis 9. Oktober 2016 zu sehen im Kloster Schussenried (Steinzeit) sowie im Federseemuseum in Bad Buchau (Bronzezeit). Im Mittelpunkt der Schau stehen die Pfahlbausiedlungen in den Seen und Mooren Baden-Württembergs. Daneben wir ein facettenreicher Überblick über 4000 Jahre Pfahlbaukulturen geboten. Geöffnet ist die Schau, die insgesamt rund 1200 Objekte zeigt, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt (für beide Ausstellungsorte) kostet 14 Euro, ermäßigt zwölf Euro, Kinder und Jugendliche zahlren drei Euro. Veranstalter sind das Archäologische Landesmuseum sowie die Denkmalpflege Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Federseemuseum und den Staatlichen Schlössern und Gärten. Weitere Infos gibt es hier.

Der Begleitband: Die Autoren sind ausgewiesene Experten, der Band darf als neues Standardwerk zu den prähistorischen Pfahlbauten rund um die Alpen gelten – doch ist das Buch sehr reizvoll auch für Leute, die nicht „vom Fach“ sind. Dazu tragen rund 650 Bilder, Grafiken und eine ansprechende Gestaltung bei. Nette Appetit-Anreger sind zudem die Kapitel- und Zwischenüberschriften, die teilweise etwas flapsig erscheinen („Siedeln ohne Bauvorschriften“ oder „Haute Coiffure à la Pfahlbauer“), aber eine Ahnung davon vermitteln, was die Lektüre bestätigt: dass die Bewohner der Pfahlbausiedlungen – trotz vieler ungelöster Rätsel – uns in mancher Hinsicht näher stehen, als wir gemeinhin glauben.
„4000 Jahre Pfahlbauten“, Verlag Jan Thorbecke, 448 Seiten, Buchhandelsausgabe 39 Euro, Museumsausgabe (nur an den Ausstellungsorten erhältlich) 29 Euro.

Weltkulturerbe: Die Unesco hat die „Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen“ 2011 in die Welterbeliste aufgenommen.