Wer die Wahl hat... Auf die Gretchenfrage "Sag, wie hältst du's mit der Politik" gibt es viele Antworten.
Wer die Wahl hat... Auf die Gretchenfrage "Sag, wie hältst du's mit der Politik" gibt es viele Antworten. | Foto: dpa / J. Stratenschulte/Archiv

Lebenswelten im Südwesten

Die Gretchenfrage: Sag, wie hältst du’s mit der Politik?

Noch ist das Ergebnis der Präsidentenwahl in den USA nicht verdaut. Und es bringt längst nicht nur Politiker zum Grübeln. Mancher stellt – auch mit Blick aufs eigene Land und seine Mitbürger – die Gretchenfrage: „Sag, wie hältst du’s mit der Politik?“

Wie ist es etwa um das politische Bewusstsein der Menschen in Baden-Württemberg bestellt? Sind sie frustriert oder zufrieden mit „denen da oben“?  Distanziert oder engagiert? Wie wirkt sich das auf ihr Demokratie-Verständnis aus? Und auf ihr eigenes politisches Handeln?

Auf die Gretchenfrage gibt es viele Antworten

Über einen Kamm scheren lassen sich die Menschen im Südwesten nicht – im Gegenteil.

Bei einer Befragung von 275 Männern und Frauen in 14 Kommunen zeigte sich eine Vielzahl politischer Lebenswelten. Die Studie im Auftrag der Baden-Württemberg-Stiftung stellen die Tübinger Wissenschaftler Rolf Frankenberger und Daniel Buhr in der Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ vor.

Die Interviewpartner im Jahr 2014 seien nach einem Verfahren gewählt worden, das eine größtmögliche repräsentative Annäherung an die Gesamtheit der Bürger im Land zulasse, heißt es in dem Aufsatz.  Hier eine kurz gefasste Übersicht zu den politischen Lebenswelten:

Politikferne Lebenswelten

Rund 22,5 Prozent der Befragten aus Baden-Württemberg tummeln sich den Wissenschaftlern der Uni Tübingen zufolge in „politikfernen Lebenswelten“.

Zu dieser Gruppe gehören „die Unpolitischen“. Bei ihnen sei das Wissen um Politik sowie das politische System gering und von Skepsis geprägt. Damit einher gehe eine überdurchschnittlich starke Unzufriedenheit.

Etwas anders ticken „die Distanzierten“. Deren Meinung nach machen Politik die anderen, „die da oben“. Die Distanzierten sind, so Frankenberger und Buhr, überzeugt davon, dass der einzelne kaum etwas bewirken könne. Und dass Wahlen kaum etwas ändern.

Daher sind die Distanzierten tendenziell unzufrieden und politisch weitgehend abstinent. Wenn  sie sich  engagieren, dann sporadisch und im sozialen Bereich. „Diese Lebenswelt ist eher männlich geprägt und in allen Altersklassen zu finden“, heißt es.

Delegative Lebenswelten

Mit 44,4 Prozent waren die meisten der Befragten in „delegativen Lebenswelten“ zu Hause. Zu dieser Gruppe zählen die Wissenschaftler Leute, die sich stark an den Normen und Spielregeln der Politik orientieren. Ihr Politikverständnis ist auf die Regierung, auf Institutionen und Regelungen fixiert.

Diese Lebenswelten sind, so Frankenberger und Buhr, „das Fundament der repräsentativen Demokratie“, die Zufriedenheit mit dem politischen System sei hoch.

Zu dieser Gruppe gehören,  „die Gemeinwohlorientierten“, in der Mehrzahl Frauen. Sie sind selbst politisch unterdurchschnittlich aktiv, dafür aber sozial stark engagiert. Gleichwohl verstehen sie es als ihre Pflicht, wählen zu gehen.

Auch „die Elektoralen“ nehmen ihr Wahlrecht stark wahr. Mit direkter Demokratie haben sie hingegen wenig im Sinn. Wenn sie – eher selten – selbst politisch aktiv sind, dann in einem Amt oder im Umfeld einer Gewerkschaft oder Partei. Ansonsten fühlen sie sich in Vereinen – vor allem im Sportverein – wohl.

Und schließlich sind da „die Macher“, die oft gestaltende Rollen einnehmen. Sie sind davon überzeugt, dass „im Kleinen etwas verändert werden kann“. Daher nennen sie als Orte der Politik oft die Gemeinde oder den Gemeinderat. Wenn die „Macher“ selbst politisch aktiv sind, dann mit viel Elan – aber bitte in Ämtern. Mit dem Sozialen haben sie’s nicht so.

Partizipatorische Lebenswelten

Sie sind davon überzeugt, etwas bewirken zu können: „die Mitgestalter“ und „Mitbestimmer“, die in den „partizipatorischen Lebenswelten“ wirbeln. Mit 33,1 Prozent stellten diese Männer und Frauen, die oft einen hohen Bildungsabschluss haben, in der Studie etwa ein Drittel der Befragten.

„Die Mitgestalter“, so heißt es bei Frankenberger und Buhr, verbinden mit Demokratie Transparenz, Mitwirkungsmöglichkeiten, Respekt und Toleranz gegenüber anderen. Sie seien vielfältig aktiv in Parteien, Gremien, Initiativen und Beiräten – „überall dort, wo sie sich Gehör verschaffen können“.

„Die Mitbestimmer“ schließlich wählen aus moralischer Überzeugung. – Das Größte für sie aber sind direktdemokratische Verfahren, von denen sie sich viel mehr wünschen. Mitwirken und mitbestimmen wollen sie sowohl im politischen als auch im sozialen Bereich. Und zwar möglichst breit – und vor allem dann, wenn sie eine persönliche Betroffenheit wahrnehmen. So sind „Mitbestimmer“ oft bei Demonstrationen anzutreffen – aber auch im Nachbarschaftsnetzwerk unentbehrlich.

Beispiel Stuttgart 21: Unkonventionelle Formen der politischen Beiteiligung haben zugenommen.
Beispiel Stuttgart 21: Unkonventionelle Formen der politischen Beiteiligung haben zugenommen. | Foto: dpa

Muster der politischen (Nicht-)Beteiligung haben sich vervielfältigt

Die wachsende politische Ungleichheit stellt für moderne Demokratien eine Herausforderung dar. Umso schwerer wiegt, worauf Rolf Frankenberger und Daniel Buhr in ihrem Aufsatz hinweisen: „Auch im eher konservativ geprägten Baden-Württemberg sind inzwischen Ansprüche auf mehr Beteiligung in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitet.“

„Der Bürger im Staat“ heißt eine Zeitschrift der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB). Mit „Sozialen Milieus“ befasst sich das neueste Heft. Darin findet sich der Aufsatz „Heterogenität als Normalzustand? Politische Lebenswelten in Baden-Württemberg“ von Rolf Frankenberger und Daniel Buhr. Die meisten der 15 Beträge nehmen allerdings eine bundesweite Perspektive ein. Dabei geht es etwa um „Verunsicherte Milieus – eine Mittelschicht in Abstiegsangst?“ oder „Lebenswelten von (türkeistämmigen) Zuwanderern“. Das 127-seitige Heft ist kostenlos. Es kann ausschließlich im Webshop der LpB bestellt werden. Auch der Downlowad ist möglich.

 

Mitbestimmen wollten unlängst auch die Bewohner von Bad Herrenalb – und zwar darüber, ob die Kurstadt vom Landkreis Calw in den Landkreis Karlsruhe wechseln soll. Lesen Sie dazu diesen Artikel: