An die Deportation südwestdeutscher Juden nach Gurs im Jahr 1940 erinnert seit einigen Monaten eine Stele beim Karlsruher Hauptbahnhof.
An die Deportation südwestdeutscher Juden nach Gurs im Jahr 1940 erinnert seit einigen Monaten eine Stele beim Karlsruher Hauptbahnhof. | Foto: abw

In Baden-Württemberg

Gedenkstätten: Erkämpfte Erinnerung

Es dauerte lange, bis eine breite Öffentlichkeit das Schicksal der Opfer des NS-Terrors wahrnahm. Inzwischen ist ihre Geschichte ein wesentlicher Bezugspunkt in der Gedenkkultur Baden-Württembergs. Und noch immer entstehen neue Erinnerungsorte sowie Gedenkstätten.

Ein „Lernort“ entsteht

Die Würde sollte ihnen genommen, ihr Selbstbehauptungswillen gebrochen werden. Die Festsetzung und Drangsalierung von politisch und weltanschaulich Andersdenkenden wurde öffentlich inszeniert und propagandistisch ausgeschlachtet. Eingeschüchtert werden sollten auch ihre Angehörigen und Freunde, Nachbarn und Kollegen, jeder, der mit den Häftlingen sympathisierte oder Verhalte gegen die neuen Machthaber hegte. In Kislau bei Bad Schönborn befand sich von 1933 bis 1939 ein frühes Konzentrationslager. Jetzt entsteht ein „Lernort“ auf dem Areal neben dem historischen Gebäudeensemble, das heute der Justizvollzugsanstalt Bruchsal als Außenstelle dient. Initiiert hat ihn der Karlsruher Verein „Lernort Zivilcourage & Widerstand“.

Stolpersteine und eine Gedenktafel am KIT

Eine Stele, die an die Deportation südwestdeutscher Juden im Jahr 1940 erinnert, wurde im Oktober vergangenen Jahres beim Karlsruher Hauptbahnhof aufgestellt. Seit Mai gibt es am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) eine Tafel zum Gedenken an die Angehörigen der Technischen Hochschule, die 1933 bis 1945 aus rassistischen oder politischen Gründen vom Dienst entfernt oder vom Studium ausgeschlossen wurden, denen man akademische Grade und Würden entzog. Seit 2011 werden in Karlsruhe zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft „Stolpersteine“ verlegt – die nächste Aktion steht im Oktober an.

Was der zeitliche Abstand bewirkt

Mehr als 71 Jahre sind seit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 vergangen, mit der der Zweite Weltkrieg und die NS-Herrschaft endeten. Doch die Vergangenheit ist weiter präsent, obwohl die Neigung, „Gras über die Ereignisse“ wachsen zu lassen, bei vielen Menschen übermächtig war – und bei einigen wohl auch künftig bleibt. Andererseits scheint es, als ob durch die zeitliche Entfernung manche Hemmung, manche Hürde gefallen ist. Es entstehen nicht nur neue Erinnerungsorte und Dokumentationszentren – auch in manchen Familien wird lange Vergangenes jetzt zum Thema.

Euthanasie-Morde waren in vielen Opferfamilien Tabu-Thema

Da ist zum Beispiel Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Im Jahr 1940 haben die Nazis dort 10 654 Behinderte und psychisch Kranke – darunter 4 500 Menschen aus badischen Heilanstalten – systematisch ermordet. „Jede Woche wenden sich Verwandte an die Gedenkstätte und suchen um Auskünfte nach“, berichtet Thomas Stöckle: „Oftmals steht Grafeneck in den Opferfamilien für einen jahrzehntelang verdrängten und tabuisierten Teil der Familiengeschichte. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Anfragen stetig gestiegen“. Stöckle ist wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Grafeneck und einer der Herausgeber des Buches „Entrechtet – verfolgt – vernichtet“. Der Band, der in den Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs erschienen ist, befasst sich mit der NS-Geschichte und der Erinnerungskultur im deutschen Südwesten.

Sinti und Roma über Jahrzehnte vom Gedenken ausgeschlossen

Es dauerte, so zeigen die Beiträge in dem Band eindrücklich, in einigen Bereichen sehr lange, bis das Schicksal der Opfer nationalsozialistischer Rassenpolitik und politischer Repression öffentlich wahrgenommen wurde. Oft waren es die Opfer selbst, ihre Angehörigen oder bürgerschaftlich Engagierte, die eine angemessene Erinnerung gegen zahlreiche Widersprüche und Widerstände regelrecht erkämpften. So blieb etwa der Völkermord an den Sinti und Roma über Jahrzehnte hinweg vom öffentlichen Gedenken ausgeschlossen, fand weder eine politische noch juristische Aufarbeitung.

Kontinuitäten von der Weimarer Zeit bis in die junge Bundesrepublik

In dem Buch „Entrechtet – verfolgt – vernichtet“ werden üble Kontinuitäten aufgezeigt: Zur „Bekämpfung der Zigeunerplage“ hatte man in Baden schon 1922 eine Art Sonderausweise für Sinti und Roma eingeführt. Sie enthielten unter anderem Fingerabdrücke der Menschen – und die wurden überdies beim Landespolizeiamt zentral gesammelt. Die Nationalsozialisten konnten später bequem auf diesen Daten-Pool zugreifen.

Und in der Nachkriegszeit? In Baden-Württemberg wurde 1953 eine „Zentralkartei zur Bekämpfung von Landfahrerdelikten“ beim Kriminalamt beschlossen, in die – unabhängig von einem konkreten Tatverdacht – personenbezogene Daten von Sinti und Roma einflossen.„Die staatlichen Akteure der jungen Bundesrepublik verband ein tief eingewurzelter Rassismus gegen Sinti und Roma, der – im Gegensatz zum Antisemitismus – trotz des demokratischen Neubeginns keine gesellschaftliche Ächtung erfuhr, sondern das Handeln weiterhin bestimmte“, analysiert Frank Reuter. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, das seit 1997 die weltweit erste Dauerausstellung zum nationalsozialistischen Völkermord an dieser Minderheit beherbergt.

Mehr Jugendliche in Gedenkstätten

Rund 308 000 Menschen haben im vergangen Jahr Gedenk- und Erinnerungsstätten im deutschen Südwesten besucht. Auf diese Zahl kam die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) bei der Auswertung der Besucherstatistik, an der sich 62 Gedenkstätten und Gedenkstätten-Initiativen beteiligten. Besonders hob die LpB hervor, dass es gelungen sei, mehr Kinder und Jugendliche als in früheren Jahren mit den Angeboten der meist ehrenamtlich betriebenen Gedenk- und Erinnerungsorte anzusprechen.

Wahrnehmung der NS-Zeit verändert sich

Gedenken im Wandel: Bei jungen Leuten ist die Wahrnehmung der NS-Zeit eine andere als bei den Generationen, die „näher“ oder „ganz nah dran“ waren. So weisen auch die Herausgeber von „Entrechtet – verfolgt – vernichtet“ darauf hin, dass sich an die schulische und außerschulische politische Bildung vor dem Hintergrund gegenwärtiger Diktaturen und aktueller Entwicklungen neue Herausforderungen stellen. Gedenkstätten komme es nicht auf antiquarische Erinnerung an, sondern auf die Vergegenwärtigung jenes Zivilisationsbruchs, der Ausgangspunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte war: Es gehe um die Reflexion von menschlichen Verhaltensweisen, von staatlichen Zielen und von Verfassungsnormen. „In den Gedenkstätten“, so meinen Peter Steinbach, Thomas Stöckle, Sybille Thelen und Reinhold Weber, die Herausgeber des Buchs, „wird dem Besucher bewusst, wie fragil das Zusammenleben der Menschen ist.“

„Entrechtet – verfolgt – vernichtet. NS-Geschichte und Erinnerungskultur im Südwesten“ heißt ein Band der Landeskundlichen Schriftenreihe der Landeszentrale für politische Bildung (LpB). Das von Peter Steinbach, Thomas Stöckle, Sybille Thelen und Reinhold Weber herausgegebene Buch fasst erstmals für Baden-Württemberg unterschiedliche Verfolgungskomplexe und Opfergruppen des NS-Regimes zusammen. In allen Beiträgen wird zunächst das historische Geschehen dargestellt, worauf eine Analyse der Wahrnehmungs- und Deutungsgeschichte folgt. In einem dritten Schritt wird jeweils der Blick auf aktuelle Formen der Erinnerung gelenkt. Der Band vermittelt anschaulich und bedrückend, wie lange in vielen Fällen um eine angemessene Erinnerung an das Schicksal der Opfer nationalsozialistischer Rassenpolitik und politischer Repression gerungen werden musste.

Der Band kann ausschließlich im Webshop der LpB bestellt werden (6,50 Euro zuzüglich drei Euro Versand): www.lpb-bw.de/shop