Hier wird die Macht des Wortes illustriert: Der Heilige Paulus übergibt einen von ihm verfassten Brief einem Boten. Eine Abbildung aus der Frankfurter Lutherbibel von 1560
Hier wird die Macht des Wortes illustriert: Der Heilige Paulus übergibt einen von ihm verfassten Brief einem Boten. Eine Abbildung aus der Frankfurter Lutherbibel von 1560 | Foto: Badisches Landesbibliothek

Landesbibliothek zeigt Schätze

Lutherbibel mit Drachenpapst

In der Heimat von Martin Luther ist der christliche Glaube im Deutschlandvergleich am wenigsten verankert. In der „Lutherstadt Wittenberg“, wo der Reformator wirkte, ebenso wie im ganzen Bundesland Sachsen-Anhalt, gehören nur rund 15 Prozent der Menschen als Mitglied zur evangelischen Kirche (zur römisch-katholischen bekennen sich 3,5 Prozent.) Das ergab die Volkszählung von 2011. Es könnte durchaus sein, dass die – während der DDR-Zeit vorangetriebene – Glaubensferne heute noch tiefer wirkt. Wo also das geografische Zentrum der angelaufenen Erinnerung 500 Jahre Reformation liegt, da haben es Lutheraner aktuell schwer.
Viel stärker im Volk verankert ist die Evangelische Landeskirche in Baden. Deshalb konnten auch 3 6000 Veranstaltungen zum Jubliläumsjahr 2017 in die Wege geleitet werden, freut sich Wolfgang Brjanzew als Beauftragter für die Reformationsdekade. Zusammen mit der Badischen Landesbibliothek (BLB) in Karlsruhe bringt die Evangelische Kirche nun Bücherschätze aus der Zeit Martin Luthers samt ihrer Geschichte näher. In der Schau „Die Macht des Wortes – Reformation und Medienwandel“ wird die Entwicklung der neuen Glaubensrichtung anhand von Bibeln, Bekenntnis- und Streitschriften, Vorschrifts und Gesangbüchern nahegebracht.

Kampfbild gegen Päpste

Das von Martin Luther innerhalb von drei Monaten ins Deutsche übersetzte Neue Testament erschien im September 1522 gedruckt –in einer Auflage von 3 000 Stück, ohne den Namen des Verfassers. Im Ausstellungsraum der BLB ist dieses „Newe Testament Deutzsch“ (newe bedeutet neu) mit einer Illustration von Lukas Cranach aufgeschlagen. Der Holzschnitt zur Offenbarung des Johannes zeigt ein drachenartiges Tier. Es steht für den Widersacher, der sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei selbst Gott. „Dieser Drache trug in der ersten Druckausgabe der Lutherbibel noch die Papstkrone Tiara“, erläutert Kuratorin Annika Stello. „In dieser zweiten Ausgabe, dem sogenannten Dezembertestament, wurde nach Protesten eine normale Krone daraus, um die Wirkung abzuschwächen.“ Herzog Georg der Bärtige von Sachsen verbot den Verkauf mit einem solchen scharfen bildlichen Angriff auf den Papst und wollte alle Buch-Exemplare vernichten. Dennoch gehört es zum Glaubenskampf, mit Illustrationen gegen die Papst-Kirche zu schießen.

Dies ist das Titelblatt einer Sammlung von Reformationsgedenkmünzen aus dem Jahr 1706. Bei der Abbildung handelt es sich um einen Kupferstich. Das Buch trägt den (übersetzen Titel) Das goldene und silberne Ehrengedächtnis des teuren Gotteslehrers Dr. Martin Luther
Dies ist das Titelblatt einer Sammlung von Reformationsgedenkmünzen aus dem Jahr 1706. Bei der Abbildung handelt es sich um einen Kupferstich. Das Buch trägt den (übersetzen Titel) Das goldene und silberne Ehrengedächtnis des teuren Gotteslehrers Dr. Martin Luther | Foto: L© Karlsruhe, Landeskirchliche Bibliothek

Früher Bibeldruck in Durlach

In der BLB-Ausstellung kann man erfahren, dass ein Teil der Straßburger Bibel von 1529 bei Veit Kobian in Durlach gedruckt wurde. „Die Landesbibliothek besaß davon ein Exemplar, das wie viele andere Bücher aus der Lutherzeit beim Bombenangriff 1942 vernichtet wurde. Erst 1976 konnte diese Bibel wieder erworben werden“, berichtet Annika Stello. Sie hat die Ausstellung zusammen mit Udo Wennemuth, Archivar und Bibliothekar beim Oberkirchenrat, gestaltet. Zahlreiche ausgestellte Bücherschätze, wie die farbig illustrierte Frankfurter Lutherbibel, sind digitalisiert und können über die Internetseiten der BLB gelesen und betrachtet werden.

Als sehr ergiebig fürs Publikum dürfte sich eine der monatlichen Kuratorenführungen durch die Schau in der BLB erweisen. Die nächste ist am Samstag, 10. Dezember, um 11 Uhr. Sonderführungen sind nach Absprache mit der BLB möglich. Man kann sich dafür an die Pressestelle wenden, Telefon (07 21) 1 75-22 50. In der Ausstellung sind die Saaltexte nun vor grünem Hintergrund präsentiert. Die Farbe Petrol fließt in das neue Corporate Design der Landesbibliothek ein. Ihr Signet ist ab 2017 eine Art Tropfen oder Blatt als Mischung aus Kreis und Rechteck.

Katalog eher für Experten

Nicht ganz eingelöst wird die Erläuterung des im Ausstellungstitels erwähnten „Medienwandels“. Die Reformatoren konnten durch Predigt und dank der relativ neuen Technik Buchdruck ihre Ideen verbreiten. Als Medien standen jetzt Flugblätter, gebundene Flugblätter oder Bücher zur Verfügung. Theologisches wurde nicht mehr nur auf Latein publiziert. Aber wie haben die Menschen der Reformationszeit, von denen fünf Prozent lesen konnten, auf die Medien reagiert? Wie hat sich der Wandel zum Buch auf Deutsch tatsächlich vollzogen? Einige Fragezeichen hinterlässt zudem der edel gestaltete Katalog (Verlag Schnell und Steiner). Die an sich vorzügliche Idee, links im Katalog 70 alte Buchtitel oder eine Seite abzubilden und rechts dieses wichtige Werk zu erläutern, wird oft nicht leserfreundlich umgesetzt. Jedenfalls wenn man an Nutzer denkt, die nicht selbst Wissenschaftler sind. Viele Abbildungen bleiben einfach ohne Erklärung. Zahlreiche lateinische oder frühneuhochdeutsche Buchtitel werden nicht übersetzt. Einige Autorinnen und Autoren legen leider zu sehr Wert auf die „Macht des wissenschaftlichen Worts“ anstatt die Buchschätze verständlicher predigend zu würdigen.

Die Macht des Worts – Reformation und Medienwandel, Badische Landesbibliothek (BLB) Karlsruhe, Erbprinzenstraße, Montag bis Freitag 9 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr. Bis 25. Februar. Kuratorenführung am Samstag, 10. Dezember, um 11 Uhr mit Annika Stello. Am Dienstag, 13. Dezember, ist Schauspieler Stefan Viering in der Landebibliothek „unterwegs“ mit Martin Luther auf den Stationen Worms, Wartburg und Wittenberg.

 

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