Gedenkstätte Natzweiler-Struthof: Ein 40 Meter hohes Denkmal in Form einer Flamme erinnert an die Opfer dieses Konzentrationslagers in den Vogesen. Nur ein Tal weiter hatte einst Pfarrer Johann Friedrich Oberlin mit seinen Sozialreformen und Kinderschulen den Himmel auf Erden schaffen wollen. | Foto: dpa / Rolf Haid

Pfarrer trifft toten Kollegen

Oberlin zwischen Himmel und Hölle

Ein badischer Pfarrer trifft einen berühmten Kollegen aus dem Elsass. Einen, der schon seit 190 Jahren tot ist. Doch sein Name lebt weiter: Nach Johann Friedrich Oberlin (1740-1826) sind viele Straßen und evangelische Kindergärten benannt. Denn Oberlin, der in Waldersbach im bitterarmen Steintal wirkte, war ein zupackender Sozialreformer, er gilt als Begründer der organisierten Kleinkinderfürsorge in Europa. Und doch war der linke Pietist auch ein Mann, an dessen Rigorosität und Selbstgefälligkeit man sich reiben kann.

„Oberlin. Waldersbach“ – ein Buch von Thomas Weiß

Der Kollege, der mit Oberlin Zwiesprache hält, ist Thomas Weiß, in Karlsruhe geboren, in Rastatt aufgewachsen und heute Pfarrer an der Luthergemeinde in Baden-Baden. Mit dem Buch „Oberlin. Waldersbach“ hat er alles andere als eine klassische Biografie vorgelegt. „Eine Begegnung“ verspricht der Untertitel.

Doch zumindest für Oberlin gibt es in diesem Buch viele Begegnungen. Nicht nur mit seinem Kollegen Thomas Weiß. Sondern auch mit seiner verstorbenen Frau Salome, die ihn in vielen Nächten besucht. Und mit Lenz, dem Dichter des Sturm und Drang, den Oberlin seiner Unbotmäßigkeit wegen einst aus dem Steintal verwiesen hat. Sie alle reflektieren und kommentieren das Tun und Lassen des Lutheraners.

… der den Himmel auf Erden bauen will

Sie teilen ihre Gedanken auch mit, als Oberlin, der den Himmel auf Erden bauen will, mit einem Mord konfrontiert wird: Ein Jude wird erschlagen. Nein, meint Oberlin, zu einer solchen Tat sei keiner fähig, „der hier unter uns wohnt und der sich zur Gemeinde zählt“. Die Leute im Steintal schreiben den Mord dem „Nachtheil“ zu. Dieses Gespenst werde sich noch viele weitere Opfer suchen, sagen sie.

Die Hölle liegt nicht weit vom Steintal

Der Nachtheil, eine Erfindung heidnischer Gemüter! Ist es Oberlin nicht gelungen, den Aberglauben im Steintal auszurotten? Selbst seine fügsame Frau glaubt an die Existenz des Teuflischen, der vor keiner Schandtat zurückschreckt. So einen vermöge nicht einmal Oberlin zum Guten zu erziehen. Der tote Lenz begegnet ihm schließlich, dem Nachtheil. Zitternd berichtet er Oberlin von der Hölle auf Erden. Sie liegt unweit vom Steintal im 1941 eingerichteten KZ Natzweiler-Struthof.

Der Bogen zum Nationalsozialismus

Den Bogen vom 1826 gestorbenen Oberlin zum Nationalsozialismus zu schlagen – das erscheint auf den ersten Blick recht verkopft. Zudem verwirrt zunächst das Spiel mit den Zeitebenen, der ständige Wechsel der Perspektiven. Doch Thomas Weiß versteht es mit großem erzählerischen Geschick, die Puzzlesteine zu einem Ganzen zu fügen.

„Die Menschen werden sich entscheiden müssen“

In aller Freundschaft erinnert er den Oberlin in uns allen an die Grenzen der Erziehung, daran, dass es Böses gibt und Gutes: „Einen Nachtheil braucht es nicht – und nur, weil einer bei dir in die Lehre ging und sich gottesfürchtig wähnt, ist er vor dem Bösen noch nicht gefeit. Die Menschen werden sich entscheiden müssen …“. Es sind die Gedanken eines Pfarrers, dessen Buch sich zu lesen lohnt. Gerade in diesen Tagen.

Buchtipp: Thomas Weiß: Oberlin. Waldersbach – Eine Begegnung, Verlag Klöpfer & Meyer, 192 Seiten, 20 Euro.

KZ Natzweiler-Struthof

Der KZ-Komplex Natzweiler steht für ein Verbrechen der Nationalsozialisten von europäischer Dimension. Im Hauptlager Natzweiler-Struthof im annektierten Elsass waren 1941 bis 1944 etwa 10.000 Menschen eingesperrt, vor allem Oppositionelle und Widerstandskämpfer. An einigen wurden medizinische Experimente durchgeführt. Weitere 42.000 Menschen waren in Außenlagern inhaftiert. Viele der Außenlager befanden sich auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg. Im Gesamtkomplex Natzweiler kamen rund 20.000 Menschen ums Leben.

In ehemaligen Hauptlager Natzweiler-Struthof, das 1941 von der SS in den Vogesen errichtet wurde, erinnert heute eine Gedenkstätte mit Museum an die Opfer sowie die europaweiten Deportationen politischer Häftlinge durch die Nationalsozialisten.

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