Sein Auftritt kam für manche Fans dann einfach zu spät: Marius Müller-Westernhagen setzte den Schlusspunkt beim "SWR3 New Pop Special" im Festspielhaus, das erst kurz vor Mitternacht endete.
Sein Auftritt kam für manche Fans dann einfach zu spät: Marius Müller-Westernhagen setzte den Schlusspunkt beim "SWR3 New Pop Special" im Festspielhaus, das erst kurz vor Mitternacht endete. | Foto: dpa

"New Pop" in Baden-Baden

Das „Special“ wurde zum „Spätial“

Das dürfte Marius Müller-Westernhagen seit den frühen Tagen seiner nunmehr 50 Jahre anhaltenden Bühnenlaufbahn nicht erlebt haben: Der schnoddrige Rocker aus Düsseldorf, der reihenweise Rekorde gebrochen hat und einst als erster deutschsprachiger Rockstar ganze Fußballstadien füllte, spielt beim „New Pop Special“ im Festspielhaus Baden-Baden exklusiv Material seines noch unveröffentlichten „Unplugged“-Albums – und die Besucher verlassen geradezu reihenweise den Saal.

Der Großteil blieb freilich bis zum Schluss und spendete „standing ovations“, als Westernhagen kurz vor Mitternacht aus den Händen des Schauspielers Uwe Ochsenknecht den „Lifetime“-Award für sein Lebenswerk als Musiker entgegennahm. Grund für die dennoch unübersehbare Abwanderung dürfte auch  nicht die Art oder Qualität der Darbietung gewesen sein, auch wenn der eher ruhige Sound aus bluesig-flirrenden Akustikgitarren mit coolen Slide-Soli wohl nur bedingt den Geschmack der jüngeren Festivalgänger im Saal traf. Ausschlaggebend war wohl eher die Uhrzeit: Eigentlich hätte Westernhagen kurz nach 22 Uhr auf der Bühne sein sollen, doch zunächst verzögerte sich der Beginn der Show um rund eine halbe Stunde und dann dauerte die TV-Aufzeichnung mit insgesamt sechs Musik-Acts auf der Bühne fast drei statt der angesetzten zweieinviertel Stunden. Die Folge: Schluss war nicht wie geplant um 22.30 Uhr, sondern gegen 23.40 Uhr – bei einer Veranstaltung unter der Woche, was für viele Besucher frühes Aufstehen am nächsten Tag bedeutete.

„Das hatte niemand so erwartet“

„Das werden wir kritisch aufarbeiten“, erklärte New-Pop-Festivalleiter Uli Frank gegenüber den BNN. Die Verlegung des jahrelang samstags angebotenen „Special“ auf Donnerstag erklärte Frank mit Gepflogenheiten der Branche: Auch Galas wie „Echo“ oder „Bambi“ fänden donnerstags statt, zwecks größerer medialer Verbreitung aufs Wochenende hin. Zu den Verzögerungen erklärte er, am Ablauf der Show sei noch am Tag selbst gefeilt worden. „Dass die Aufzeichnung dann fast drei Stunden dauern würde, hatte niemand so erwartet.“ Doch kleine Verzögerungen bei jeder einzelnen Position in der Show hätten sich fatal summiert.

Mit Westernhagen hatte das „Special“ einen Top-Act, der schon einmal einen Ehrenpreis bei „New Pop“ erhalten hatte: 2005 war der „dürre Hering“ aus Düsseldorf als „Pioneer of Pop“ prämiert worden. Nun gab es im Festspielhaus den „Lifetime Award“ für sein Lebenswerk obendrauf – gefolgt vom besagten Auftritt mit seiner Band, die bis auf den Gitarristen Carl Carlton aus US-Musikern bestand. Westernhagen betonte seine Begeisterung für deren Fähigkeiten, und in der Tat dürften Songs wie „Sexy“, „Alphatier“ oder „Geiler is‘ schon“ selten so tight und so intensiv geklungen haben wie in den neuen Fassungen.

Lindenberg als „Überraschungsei“

Westernhagen war aber nicht der einzige Altmeister, der sich die Ehre gab – zu Beginn des Specials tänzelte der selbst ernannte Panik-Präsident Udo Lindenberg sozusagen als „Special“-Guest auf die Bühne. „Ich bin hier das Überraschungsei“, rief der 70-Jährige, begleitet von einem Schlagzeugsolo von Moderator Guido Cantz, der sich mit seinen Gästen so manchen Scherz erlaubte und beispielsweise Tim Bendzkos Talent als Grönemeyer-Parodist offenlegte.

Zu Beginn des Abends heizte Mark Forster dem Publikum ein. „Es ist das Festival aus dem Küchenradio meiner Muddi“, grüßte der gebürtige Pfälzer, dem mit „Wir sind groß“, die Sommerhymne des Jahres gelang, die Zuschauer. Schon 2012 war er beim Baden-Badener Festival dabei und gehört mittlerweile zu den etablierten deutschen Pop-Künstlern. Eine Gemeinsamkeit, die er mit Tim Bendzko teilt, der 2011 in der Kurstadt debütierte und mit „Welt retten“ den Nerv der sogenannten Generation Y getroffen hatte. Dass die Veranstalter bei seiner dritten Platte nun schon als „Comeback“ sprechen, mag zwar vermessen klingen, zeigt es aber, wie schnelllebig das Business ist. Bei seiner neuen Single „Keine Maschine“ aus dem Mitte Oktober erscheinenden, dritten Album „Immer noch Mensch“ scheint Bendzko wieder auf Altbewährtes zu setzen, beziehungsweise den „seidenen Faden“ aus dem letzten Albumtitel wieder aufgenommen zu haben. Allerdings hört sich der Song an, als sei er eine Fortsetzung des Liedes „Unter die Haut“, das der 31-Jährige mit Cassandra Steen aufgenommen hat.

Das wahre Highlight war Imany

Ein Highlight des Abends setzte Imany. Die Sängerin sorgte zugleich für einen Stimmungswechsel im Publikum. Eine tiefe Stimme, eine Akustikgitarre, mehr brauchte die französische Künstlerin nicht, um den Hit „Don’t Be So Shy“ zu performen. Mit handgemachter Musik fesselte die 37-Jährige Französin mit komorischen Wurzeln das Publikum mit einer Intensität, die im Rahmen dieser Veranstaltung überraschte. Eher electrolastig wurde es mit Olly Murs und seinen Hits „Heart Skips A Beat“ und „Troublemaker“, bevor Zara Larsson vor dem rockigen Ausklang mit Westernhagen die volle Dancefloor-Packung servierte.

Gesendet wird die Aufzeichung des „New Pop Special“ am Freitag, 23. September, ab 23.30 Uhr im Ersten.