Über 40 Meter lang ist das Gespann, das den schweren Behälter in der Nacht nach Pfinztal gebracht hat.
Über 40 Meter lang ist das Gespann, das den schweren Behälter in der Nacht nach Pfinztal gebracht hat. | Foto: Kinkel

Im Schritttempo ans Ziel

Spektakulärer Schwertransport erklimmt den Hummelberg

Wissenschaftler schlagen sich die Nacht um die Ohren

Von Ekart Kinkel

In Schrittgeschwindigkeit und mit blinkenden Warnlichtern kämpft sich der grün lackierte Lastwagen die steile Steigung des Hummelbergs hinauf. Eile ist in diesem Fall allerdings auch keine geboten, denn auf den beiden vierachsigen Nachläufern liegt ein 33,7 Meter langer sowie 33 Tonnen schwerer Druckbehälter – und Vorsicht lautet bei diesem Bergtransport das oberste Gebot. Der riesige weiße Behälter wurde im Werk des Leitungsbauunternehmens Friedrich Vorwerk aus drei Pipeline-Stücken zusammengeschweißt und in eineinhalb Nächten von Herne bis an den Fuß des Berghausener Hausbergs gebracht. Doch die letzten Meter der insgesamt 370 Kilometer langen Fahrt sind wegen mehrerer engen Kurven sowie bis zu elf Prozent Steigung der mit Abstand schwierigste Streckenabschnitt.

So etwas erlebt man schließlich nicht alle Tage

Während der gesamten Bergfahrt weichen die in leuchtend gelbe Warnwesten gekleideten Mitarbeiter der Schwertransportfirma Kahl dem Laster nicht von der Seite. Auch mehrere Wissenschaftler des Center of Safety Excellence (CSE-Institut) schlagen sich die klare Novembernacht um die Ohren und schauen sich das Spektakel aus nächster Nähe an. „So etwas erlebt man schließlich nicht alle Tage“, sagt der sichtlich nervöse CSE-Ingenieur Fabian Görlich, „und hoffentlich läuft alles wie geplant“.

Begleitet wurde der lange Schwertransport auch von der Polizei.
Begleitet wurde der lange Schwertransport auch von der Polizei. | Foto: Kinkel

Und bereits wenige später kann sich auch Fabian Görlich entspannt zurücklehnen. In nur 25 Minuten wird der tonnenschwere Behälter nämlich bis ans Eingangstor des Fraunhofer Institut für Chemische Technologie (ICT) gebracht und selbst das kniffelige Überqueren der Bahngleise an der S-Bahn-Haltestelle „Hummelberg“ verläuft ohne größere Probleme, denn nur einmal muss der Nachläufer dabei zurückgesetzt und neu ausgerichtet werden.

Behälter ergänzt „High Pressure Loop“

Auf dem ICT-Gelände wird der Druckluftbehälter in den kommenden Tagen in eine neue Anlage mit dem klingenden Namen „High Pressure Loop“ eingebaut. Künftig sollen dort Tests mit Drücken von über 3 000 bar durchgeführt werden. „Damit können Bauteile für Industrieanlagen geprüft und intelligente Sicherheitssysteme entwickelt werden“, sagt Fabian Görlich. Der Standort der Anlage auf dem ICT-Gelände wurde bewusst gewählt, denn dank der dort regelmäßig stattfindenden Sprengstoffversuche seien die Institutsmitarbeiter an das Arbeiten mit gewissen Risikopotenzialen und hohen Sicherheitsstandards gewöhnt. Für den Bau des außergewöhnlichen Druckluftbehälters wurde deshalb eine Spezialfirma für den Pipeline-Bau gesucht und mit dem Unternehmen Friedrich Vorwerk auch gefunden.

An Schienen wartet Schwertransport auf „zugfreies Fenster“

Wissenschaftler geben Interviews zum kniffligen Transport.
Wissenschaftler geben Interviews zum kniffligen Transport. | Foto: Kinkel

Bereits um Mitternacht kommt der Schwertransport aus Herne mit zwei Lastzügen in der Gemeinde Pfinztal an und während sich Fabian Görlich und CSE-Leiter Jürgen Schmidt den neuen Druckbehälter aus der Nähe anschauen und bei klirrender Kälte Interviews für einen Image-Film geben, machen es sich die Kahl-Mitarbeiter Stefan Haase und Daniel Sobczynski zunächst einmal für eine Stunde in ihrem mollig warmen Dienstwagen gemütlich. Der Lastzug mit einem „kleineren“, lediglich 25 Tonnen schweren Bauteil, kann dann recht schnell nach oben manövriert werden. Für den größeren Druckluftbehälter muss zum Überqueren der Bahngleise aber erst das „zugfreie Fenster“ zwischen 2.26 Uhr und 4.25 Uhr abgewartet werden.

Der wiegt doch fast nichts

Von Nervosität ist bei den beiden Speditions-Experten allerdings nichts zu spüren und bis zum Start zur letzten Schwertransport-Etappe vermitteln Stefan Haase und Daniel Sobczynski einen regelrecht tiefenentspannten Eindruck. „Das ist für uns ein echter Alltagsjob“, meint Stefan Haase, „und außerdem wiegt der Behälter doch fast nichts“.

Ein paar Schäden gibt es doch

Ganz ohne Schrammen geht der Bergtransport dann aber doch nicht über die Bühne und oben angekommen entdeckt Vorwerk-Projektleiter Robin Pötter zunächst einmal zwei leicht verbogene Behälterfüße. „Aber vor der Inbetriebnahme muss der gesamte Behälter ohnehin noch einmal auf Herz und Nieren getestet werden“, so Robin Pötter, „denn schließlich müssen wir sicher stellen, dass die Schweißnähte durch die Schwingungen beim Transport nicht beschädigt wurden“. Wenn keine Schäden vorliegen und auch sonst alles glatt läuft, könnten bereits im Frühjahr die ersten Hochdruckversuche gefahren werden, prognostiziert Fabian Görlich, „und spätestens dann bin ich wieder so aufgeregt wie am Tag des Schwertransports“.